ArchivDeutsches Ärzteblatt7/1996Hartstrahl-Lungenaufnahmen (pa) und Strahlenschutz Die Anordnung des Lendenschurzes aus Bleigummi

MEDIZIN: Diskussion

Hartstrahl-Lungenaufnahmen (pa) und Strahlenschutz Die Anordnung des Lendenschurzes aus Bleigummi

Kissel, Karsten; Seifert, Hermann

Zu dem Beitrag von Dr. rer. nat. Hermann Seifert et al. in Heft 24/1995
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LNSLNS Meßpunkte ungenau
Aus ihren Ergebnissen folgern die Autoren, daß der Lendenschurz bei Frauen dorsal und bei Männern ventral anzubringen sei. Ich kann diese Schlußfolgerungen anhand der dargelegten Daten nicht nachvollziehen. Auch scheint mir die Versuchsanordnung insgesamt nicht geeignet zu sein, diese Fragestellung schlüssig zu bearbeiten. Ich möchte meine Kritik im folgenden präzisieren.
1. Die genaue Lokalisation der Dosimeter bleibt unklar. Die Beschreibung (an der Phantomoberfläche dorsal und ventral in Gonadenhöhe) ist zu unpräzise. Was bedeutet "dorsal" beim männlichen Phantom? Handelt es sich um die dorsale Haut des Skrotums oder um eine unklar definierte Stelle am unteren Rücken? Wurden die Meßpunkte am weiblichen Phantom anders gewählt?
2. Hautoberflächendosis ist nicht gleich Gonadendosis. Falls die Dosimeter an der ventralen und dorsalen Skrotalhaut befestigt wurden, so mag damit eine gute Beurteilung der wahren Gonadendosis beim Mann möglich sein. Bei der Frau jedoch ist die Bestimmung der Dosis der Ovarien mit Meßpunkten an der Hautoberfläche wohl kaum möglich.
3. Es liegen keine Daten über Messungen an einem weiblichen Phantom vor. Wurde überhaupt ein weibliches Phantom verwendet? Wie können dann Folgerungen über unterschiedliche Ergebnisse bei Männern und Frauen gezogen werden? Im übrigen befindet sich der Lendenschurz bei Männern und Frauen, bedingt durch die unterschiedlich geformte Taille-Hüften-Region, in verschiedenen Höhen, was bei der Versuchsanordnung zu berücksichtigen wäre.
Aus den vorgestellten Daten ist lediglich zu folgern, daß die direkt unter dem Lendenschurz befindliche Haut, sowohl bei der dorsalen als auch bei der ventralen Anordnung, gut vor Strahlenbelastung geschützt wird, während die gegenüberliegende Hautoberfläche nur wenig geschützt ist. Über das dazwischen gelegene Areal läßt sich, insbesondere bei Frauen, keine Aussage machen. Gerade bei der Untersuchung von Streuphänomenen ist zu berücksichtigen, daß sehr nahe an der Bleigummischürze gelegene Punkte vollkommen anderen Dosen ausgesetzt sein können als im Körperinneren gelegene.


Dr. med. Karsten Kissel
Arzt i. P.
Dermatologische Klinik und Poliklinik der Technischen
Universität München
Biedersteiner Straße 29
80802 München


Schlußwort
Zu den von Kissel unter 1. angeführten Überlegungen:
Die Anordnung der Dosimeter am Alderson-Phantom ist mit ausreichender Genauigkeit beschrieben. Die Formulierung "an der Phantomoberfläche dorsal und ventral in Gonadenhöhe" ist unvollständig zitiert. Der Abstand der Dosimeter von der unteren Feldgrenze des Nutzstrahlenfeldes ist mit 20 cm angegeben (vergleiche Tabelle 2). Das von uns verwendete Alderson-Rumpfphantom hat keine Nachbildung des Skrotums. Die Dosimeter befanden sich dorsal ebenfalls 20 cm unterhalb des unteren Feldrandes und damit nicht an einer "unklar definierten Stelle". Ein weibliches Phantom wird in der Arbeit nicht erwähnt, so daß es Meßpunkte an einem weiblichen Phantom nicht gibt.
Zu den von Kissel unter 2. und 3. angeführten Überlegungen:
Der Begriff "Hautoberflächendosis" ist nicht üblich. Im Bereich der klinischen Dosimetrie kennen wir die Begriffe "Gewebe-Oberflächendosis" oder "Hautdosis". Unter beiden Begriffen versteht man die Energiedosis in Gewebe an einem anzugebenden Punkt der Körperoberfläche (1, 2). Die Feststellung "Hautoberflächendosis ist nicht gleich Gonadendosis" ist, abgesehen von der begrifflichen Unsicherheit, trivial, und wir haben in dieser und in anderen Publikationen zur Thematik "Strahlenexposition des Patienten in der Röntgendiagnostik" nicht das Gegenteil behauptet (3 bis 5). An dieser Stelle müssen wir jedoch betonen, daß es nicht Ziel unserer Untersuchungen war, die Gonadendosis mit höchstmöglicher Genauigkeit zu bestimmen. Wie in der Einleitung unserer Publikation angegeben, stand die Frage im Vordergrund, wo der Lendenschurz an weiblichen und männlichen Patienten im Sinne des Strahlenschutzes angebracht werden sollte. Dazu haben wir die zu erwartenden Gonadendosen mit Hilfe folgender Überlegungen aus den gemessenen Gewebe-Oberflächendosen approximiert:
1. Bei der extrakorporalen Streustrahlung (zum Beispiel Streustrahlung aus der Blende, Extrafokalstrahlung, rückgestreute Strahlung vom Rasterwandgerät und vom Lendenschurz) befindet sich das Dosismaximum aus physikalischen Gründen an der Körperoberfläche auf der Strahleneintrittsseite. Mit zunehmender Gewebetiefe wird die extrakorporale Streustrahlung geschwächt, weshalb die durch extrakorporale Streustrahlung verursachte Energiedosis an der Körperoberfläche (Strahleneintrittsseite) größer als im Körperinneren und dort wiederum größer als an der Körperoberfläche (Strahlenaustrittsseite) ist.
2. Im Gonadenbereich ist wegen des großen Abstands vom Feldrand des Nutzstrahlenfeldes nicht zu erwarten, daß die durch intrakorporale Streustrahlung verursachte Energiedosis im Körperinneren sich wesentlich von der durch intrakorporale Streustrahlung verursachten Energiedosis an der Körperoberfläche unterscheidet.
3. Unter Berücksichtigung der Überlegungen 1. und 2. ergibt sich, daß die bei jeder Meßreihe ventral gemessene Streustrahlendosis als Hodendosis approximiert werden kann.
4. Unter Berücksichtigung der Überlegungen 1. und 2. ergibt sich, daß der jeweilige Mittelwert aus den bei jeder Meßreihe ventral und dorsal gemessenen Streustrahlendosen als Ovarialdosis approximiert werden kann.
Da die ventral gemessene Streustrahlendosis als Näherung für die Hodendosis bei den Meßreihen Nr. III und IV am kleinsten ist, haben wir geschlußfolgert, daß bei männlichen Patienten die Strahlenexposition der Gonaden am stärksten bei ventraler Anordnung des Lendenschurzes reduziert wird. Das Anbringen eines zweiten Lendenschurzes (dorsal) hat keine weitere Verringerung der Hodendosis zur Folge, so daß man darauf verzichten kann. Die jeweiligen Mittelwerte aus ventral und dorsal gemessener Streustrahlendosis sind bei den Meßreihen II, III und IV näherungsweise identisch, weshalb sich die Schlußfolgerung ergab, daß an der gegenwärtigen Praxis, den Lendenschurz dorsal anzubringen, keine Veränderung vorgenommen zu werden braucht.
Zusammenfassend vertreten wir die Meinung, daß unsere gemessenen Streustrahlendosen an der genannten Oberfläche des Alderson-Phantoms geeignet sind, nach fundierter Interpretation die Schlußfolgerungen zum Anbringen des Lendenschurzes bei Thoraxaufnahmen (pa) abzuleiten.


Literatur
1. DIN 6814, Teil 8: Begriffe und Benennungen in der radiologischen Technik. Strahlentherapie. Berlin, Beuth Verlag: 1986
2. Reich H, Rassow J: Dosimetrische Kenngrößen. In: Dosimetrie ionisierender Strahlung. (Hrsg.: H Reich), Stuttgart, B. G. Teubner: 1990
3. Seifert H, Blaß G, Leetz H-K, Uhlmann U: Zur Bestimmung der Ovarialdosis bei der Defäkographie an einem digitalen C-Bogen. Fortschr. Röntgenstr 1994; 161: 70–74
4. Seifert H: Verfahren zur Bestimmung von Organdosen in der Röntgendiagnostik. Röntgenpraxis 1995; 48: 18–22
5. Seifert H, Blaß G, Leetz H-K, Voges, M: The Radiation Exposure of the Patient from Stable-Xenon Computed Tomography. Brit J R 1995; 68: 301–305


Dr. rer. nat. Hermann Seifert
Universitätskliniken des Saarlandes
Institut für Radiologische Physik
66421 Homburg/Saar

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