ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/1996Ophthalmologie: Transplantation von Fotorezeptorzellen

SPEKTRUM: Akut

Ophthalmologie: Transplantation von Fotorezeptorzellen

Simm, Michael

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LNSLNS Die Transplantation fötaler Zellen kann den Verlust des Sehvermögens bei Patienten mit fortgeschrittener Retinitis pigmentosa stoppen. Ein Jahr nach dem Eingriff wurde bei fünf der ersten acht Probanden sogar eine Umkehr des Krankheitsprozesses festgestellt. "Damit haben wir zum ersten Mal gezeigt, daß der Transfer von Fotorezeptorzellen beim Menschen erfolgreich sein kann", sagte Prof. Manuel del Cerro (University of Rochester) auf dem Jahrestreffen der amerikanischen Society for Neuroscience in Washington. Im Rahmen der noch unveröffentlichten Studie wurden jeweils etwa eine Million Zellen aus der Retina 14 bis 19 Wochen alter Föten nach Abort implantiert. Wegen der in den USA heftig umstrittenen Verwendung embryonaler Zellen behandelte del Cerro die ersten zwölf Patienten zwischen September 1995 und März 1996 am Prasad Eye Institute im indischen Haiderabad.


Bei allen Patienten war die Erkrankung weit fortgeschritten; sie konnten lediglich noch hell und dunkel unterscheiden. Inzwischen nehmen zwei der Probanden die Bewegung einer Hand vor ihrem Gesicht wahr, zwei weitere sind in der Lage, Finger zu zählen, und ein Patient hat sogar Tunnelsicht mit einem Wert von 20/200 zurückgewonnen. Mit einer Prävalenz von etwa eins zu 3 500 ist Retinitis pigmentosa eine der häufigsten Ursachen für Blindheit in den westlichen Industrieländern. Abgesehen von der Verabreichung hoher Dosen von Vitamin A zur Verlangsamung des Krankheitsverlaufs gibt es bisher keine Therapie. Nach del Cerros Anfangserfolg hat inzwischen auch Prof. Eugene de Juan an der amerikanischen Johns Hopkins University in Baltimore sechs Patienten transplantiert. "Es ist noch viel Raum für Verbesserungen", so del Cerro in Washington.


Zum Beispiel sei es möglich, sowohl den Patienten als auch die Zellen vor der Transplantation mit Wachstumsfaktoren zu behandeln, um die Kontaktaufnahme zwischen Implantat und Sehnerv zu fördern. Auch der Verzicht auf Embryonalzellen zugunsten ausgewachsener Spenderzellen aus Organbanken ist denkbar. Dr. Bienvenido Castillo berichtete über Tierversuche zur Behandlung der Makuladegeneration, der häufigsten Ursache von Blindheit bei alten Menschen. Hier war die Transplantation humaner Pigmentepithelzellen von einem 49jährigen Spender auf immunsupprimierte Ratten offensichtlich erfolgreich: Innerhalb von 30 Tagen verdreifachte sich bei den Tieren die Zahl der Fotorezeptorzellen im Vergleich zum scheininjizierten zweiten
Auge. "Noch vor wenigen Jahren galt das Dogma, adulte Nervenzellen wären nicht mehr zur Teilung fähig",
erinnerte Castillo. Michael Simm

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