ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2004Das Totenbuch der Ägypter: Himmelsaufstieg und Höllenfahrt

VARIA: Feuilleton

Das Totenbuch der Ägypter: Himmelsaufstieg und Höllenfahrt

Rehbein, Maja

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Sargmaske der Königin Sat-Djehuti
Sargmaske der Königin Sat-Djehuti
Höhepunkt der Ausstellung in München ist die
große vergoldete Sargmaske der Königin Sat-Djehuti.

Die Ausstellung „Das Totenbuch der Ägypter“, die seit Ende September für mehrere Monate in München zu sehen ist, rief bereits in Berlin ein reges Interesse hervor. „Mehr als jedes andere Land enthält Ägypten Wunderbares“, schrieb Herodot im 5. Jahrhundert v. Chr. Man denkt an die Pyramiden (ab 2500 v. Chr.), an die Sphinx, Tutenchamun und Ramses. Ramses der Große ist es auch, dessen Büste den Besucher im Eingangsbereich des Museums empfängt. Weniger bekannt, doch ebenso bedeutend ist das ägyptische Totenbuch. Es sind Spruchsammlungen auf Papyri oder Mumienbinden, die seit dem Neuen Reich (1540–1075 v. Chr.) vornehmen Verstorbenen mit ins Grab gegeben wurden.
Nachdem Champollion 1822 die Hieroglyphen entziffert hatte, veröffentlichte Carl Richard Lepsius 1842 in Berlin erstmals eine Sammlung dieser altägyptischen Sprüche und prägte die Bezeichnung „Totenbuch“ (ägyptisch „Das Buch vom Herausgehen am Tage“). Mit seinen magischen Texten diente es dem Verstorbenen „als schriftlicher Pass“ auf seiner Reise ins Jenseits. Die fast 200 poetisch und metrisch geformten Sprüche sind ein hohes literarisches Zeugnis des alten Ägypten.
Unter den 150 Exponaten der Ausstellung sind viele Originalobjekte; hauptsächlich Papyri aus dem Neuen Reich im Dialog mit anderen Exponaten von Rang: Särgen und Grabreliefs, Mumienporträts und Stuckmasken, Grabbeigaben wie Kanopen, Uschebtis und Amuletten. Höhepunkt der Ausstellung ist die große vergoldete Sargmaske der Königin Sat-Djehuti, (um 1650 v. Chr.), eine der Stamm-Mütter der Dynastien des Neuen Reiches. Die Rückseite ihrer Maske zeigt einen der ältesten Totenbuch-Texte. Auf den Innenseiten eines der Kastensärge aus Holz, der aus dem Mittleren Reich (um 1900 v. Chr.) stammt, stehen Sprüche aus den Sargtexten, den Vorläufern des Totenbuchs.
Bemalte Kästen enthielten Uschebti („Antworter“), die für den Toten einspringen mussten, falls er schwere Arbeit im Jenseits verrichten sollte. Am Fußende des Sarges wurden die Eingeweide in Krügen aus Kalkstein verwahrt (Kanopen). Ihre Deckel tragen die Köpfe der vier Horussöhne, die seit dem Mittleren Reich besondere Schutzgötter der Toten waren.
Bei den Papyrusrollen des Totenbuchs gehören Text und Bild zusammen. Sie zeigen, wie der Mensch mit einem so genannten negativen Sündenbekenntnis sich vor 42 Totenrichtern verantworten musste. Sein Herz wurde von Anubis (Gott des Mumifizierens) und Horus gewogen. War es durch die Sünden zu schwer, verschlang ihn die „Seelenfresserin“, und er war als Schatten von der Weiterexistenz ausgeschlossen. Doch wer vor dem obersten Totenrichter Osiris bestand, durfte im Paradies sein irdisches Leben unter idealen Bedingungen fortsetzen. Diese Tradition blieb über 2 000 Jahre bis in die Römerzeit fast unverändert.
Totenbuch der Hausherrin Keku Papyrus, Ptolemäerzeit, 4. – 1. Jahrhundert v. Chr. Fotos: Staatliches Museum Ägyptischer Kunst München
Totenbuch der Hausherrin Keku Papyrus, Ptolemäerzeit, 4. – 1. Jahrhundert v. Chr. Fotos: Staatliches Museum Ägyptischer Kunst München
Der größte Teil der gezeigten 25 illustrierten Totenbücher von 50 m Länge kommt aus den Beständen des Ägyptischen Museums Berlin. Das Totenbuch als wichtigstes Werk der religiösen Literatur im alten Ägypten wurde von Erik Hornung, fußend auf der alten Ausgabe von Lepsius, vollständig ins Deutsche übertragen.
Trotz aller Erfolge der modernen Medizin ist die körperliche Vergänglichkeit des Menschen nicht zu überwinden. Religiöse Vorstellungen beschäftigen sich damit, was nach dem Tod mit dem Geist geschieht – Fragen, die heute so aktuell sind wie vor Jahrtausenden. Die alten Ägypter waren von einer jenseitigen Existenz überzeugt. Ihre Spiritualität, die die Mysterien des Totenreichs umfasste, ist durch die ausgezeichnete Darstellung gut verständlich. Maja Rehbein


Die gemeinsam mit dem Ägyptischen Museum und Papyrussammlung Berlin erarbeitete Ausstellung „Himmelsaufstieg und Höllenfahrt – Das Totenbuch der Ägypter“ wird bis zum 20. Februar 2005 im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst München gezeigt (Residenz, Hofgartenstraße 1, 80333 München, Telefon: 0 89/ 29 85 46). Öffnungszeiten: montags geschlossen, dienstags von 9 bis 17 und 19 bis 21 Uhr, mittwochs bis freitags von 9 bis 17 Uhr, samstags und sonntags von 10 bis 17 Uhr. Eintritt: Erwachsene 5 Euro, ermäßigt 4 Euro, Kinder bis 16 Jahre frei. Eine CD-ROM mit Inhalten der Audioführung wird Ende des Jahres über das Museum erhältlich sein. Weitere Hinweise unter www.aegyptisches-museum-muenchen.de.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote