VARIA: Post scriptum

Gedächtnistraining

Dtsch Arztebl 2004; 101(50): [64]

Naegele, Astrid

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Zeichnung: Reinhold Löffler, Foto: ddp
Zeichnung: Reinhold Löffler, Foto: ddp
Die kleine alte Dame mit dem akkurat frisierten weißen Haar saß kerzengerade auf ihrem Stuhl und schaute mich mit freundlichen Augen erwartungsvoll an. Ihre Nichte hatte sie in meine Sprechstunde geführt, um die Tante einmal „durchchecken“ zu lassen. „Ja, ja, das Alter!“ ließ sich die Tante, die bisher stumm verharrt hatte, nun vernehmen. Die achtzig hatte sie in der Tat längst überschritten, befand sich jedoch, wie ich nach gründlicher Untersuchung feststellte, in recht zufriedenstellender körperlicher Verfassung.
Nachdem ich die beiden Befunde mitgeteilt hatte, fragte die Nichte höflich, ob es nicht ein Mittel gebe, das Gedächtnis der Tante zu verbessern. „Wenn Sie Medikamente meinen, so helfen die vermutlich vor allem dem Portemonnaie des Apothekers“, musste ich sie enttäuschen und fügte hinzu: „Aber man kann das Gehirn sehr wohl trainieren, mit Kreuzworträtsellösen zum Beispiel oder dem Auswendiglernen von Gedichten.“ Ich kam in Fahrt. „Sehen Sie, die Schauspieler verdanken ihre oft bemerkenswerte geistige Fitness im Alter zweifellos auch dem unermüdlichen Lernen ihrer Rollentexte.“ Einmal im Schwung, war ich nicht mehr zu bremsen und setzte an, meinen Rat mit einem verhängnisvollen Beispiel zu schmücken: „Denken Sie an diesen Holländer, der bald hundert wird, . . . also, . . . ich komme gerade nicht auf den Namen. . .“
„Ah, ich weiß, wen Sie meinen“, nickte die Nichte, „der mit der jungen Frau, nicht? Der heißt . . . ähm . . .“ „Genau!“ versuchte ich weiter mein Exempel zu vollenden. „Der Herr, der immer diesen weißen Schal trägt, . . . zu blöd, dass mir der Name jetzt nicht einfällt!“ Die Nichte und ich, zwei Frauen, die die vierzig nicht mal erreicht hatten, schauten mittlerweile verwirrter drein als die alte Dame, deren Gedächtnis es zu trainieren galt – eigentlich. Da öffnete sich die Tür, und Erlösung nahte in Gestalt der etwa gleichaltrigen Sprechstundenhilfe.
„Gut, dass Sie kommen!“ empfing ich sie ohne Umschweife. „Wie heißt noch mal dieser hundertjährige, holländische Schauspieler mit der jungen Frau und dem weißen Schal?“ Drei Augenpaare blickten gespannt zur Tür . . . – Und dann: „Ich weiß, wen Sie meinen“, sagte meine sonst in allen Lebenslagen verlässliche Helferin, „aber ich komme gerade nicht drauf!“
Um mich fortan aber vor derartigen Peinlichkeiten zu schützen, schob ich später heimlich einen kleinen Zettel unter meine Schreibtischauflage. Darauf standen die rettenden Worte: „Johannes Heesters“.
Dr. med. Astrid Naegele
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