ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2004Psychotherapie von Sexualstraftätern: Hilfe, Opferschutz und Kontrolle zugleich

WISSENSCHAFT

Psychotherapie von Sexualstraftätern: Hilfe, Opferschutz und Kontrolle zugleich

PP 3, Ausgabe Dezember 2004, Seite 564

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Multimodale schulenübergreifende Therapieansätze geben Anlass zu verhaltenem Optimismus.

Anfang der 90er-Jahre herrschte im Hinblick auf die Resozialisierung von Sexualstraftätern tiefer Pessimismus. Vor allem Vergewaltigungstäter und Sexualmörder schienen kaum therapierbar. Einige Neuerungen in der psychologischen Sexualstraftäterbehandlung geben jedoch Anlass zu verhaltenem Optimismus. Die intensive Forschung der letzten Jahre ermöglicht es heute, erfolgreiche von weniger erfolgreichen Therapiemaßnahmen zu unterscheiden. Als wirksam haben sich vor allem Ansätze erwiesen, die multimodal und schulenübergreifend angelegt sind. Nur sie sind flexibel und differenziert genug, um den vielen unterschiedlichen Tätertypen und Tatmotiven gerecht zu werden. So können beispielsweise sozialer Stress, aber auch psychische Belastungen, Machtbedürfnisse oder psychische Störungen sexuelle Übergriffe verursachen und auslösen. Sexualstraftäter mangelt es erheblich an Impulskontrolle, sozialen Fertigkeiten, Beziehungsfähigkeit, Bindungskompetenz, Konfliktfähigkeit und Selbstwertgefühl. Sie sind nicht in der Lage, ihr sexuelles Verlangen adäquat zu befriedigen und haben mitunter massive Ängste vor sexuellen Beziehungen. Die meisten Täter sind unfähig, Empathie für ihre Opfer aufzubringen.
Opferempathie entwickeln
Multimodale Therapie setzt genau an diesen Tätermerkmalen und Defiziten an. „Um Opferempathie zu entwickeln, müssen sich Sexualstraftäter zum Beispiel intensiv mit Videos und Berichten über psychische und seelische Schäden von Missbrauchs- und Vergewaltigungsopfern auseinander setzen“, erklärt Prof. Dr. Peter Fiedler von der Universität Heidelberg. Die Täter werden dazu angehalten, detaillierte Angaben zu den Schäden zu machen, die sie selbst bei ihren Opfern durch ihre Taten bewirkt haben. Mit dieser Vorgehensweise kann die Einstellung der Täter eher in die gewünschte Richtung verändert werden als durch konfrontative Übungen, welche häufig zu Reaktanz, Rückzug oder Therapieabbruch seitens des Patienten führen. In der multimodalen Therapie werden außerdem soziale Fertigkeiten, Kommunikationsverhalten, Bindungsfähigkeit und ein angemessener Umgang mit sozialen Belastungen einübt. Auch Impulskontrolle, Konfliktlösefähigkeit und der konstruktive Umgang mit Ärger und Wut werden trainiert. Weitere Ziele der Therapie von Sexualstraftätern bestehen darin, Verantwortungsbewusstsein und normatives Verhalten zu entwickeln, Emotionen und Fantasien zu kontrollieren und sich mit dem eigenen Gewalt- und Sexualverhalten auseinander zu setzen. Darüber hinaus ist es oft erforderlich, klassische psychische Störungen, sexuelle Funktionsstörungen und Suchterkrankungen mit zu behandeln.
Von großer Bedeutung ist ein Rückfallpräventionstraining. Nach einer genauen Analyse der jeweiligen Straftaten werden Sexualstraftäter darin unterrichtet, wie sie selbst ihre persönlichen Rückfallrisiken frühzeitig erkennen und vermeiden können. In die Rückfallprävention werden auch Menschen eingebunden, die dem Täter nahe stehen. Das ist wichtig, weil die meisten sexuellen Übergriffe und Gewalttaten im familiären Umfeld und in partnerschaftlichen Beziehungen vorkommen. Die Täter benennen eine oder mehrere Personen ihres Vertrauens wie Familienmitglieder, Bekannte, Freunde und Bewährungshelfer. Diese Personen werden darin geschult, frühzeitig zu erkennen, wenn ein Rückfallrisiko zunimmt. Nach der Entlassung des Straftäters fungierten sie als Stütze und Absicherung. Ihre Aufgabe besteht darin, einerseits den Täter auf das Risiko hinzuweisen, andererseits Betreuer in der Nachsorge aufmerksam zu machen.
Der Umgang mit Straftätern stellt an Therapeuten hohe Anforderungen. Der Therapeut muss den Täter einerseits zu Veränderungen ermutigen, andererseits muss er ihn aber auch mit seinen Taten konfrontieren und ihm klare Grenzen setzen. Da Sexualstraftäter kaum Schuldgefühle und Empathie für ihre Opfer entwickeln, bedarf es viel Zuwendung, Geduld und Zeit, um sie von der Unrechtmäßigkeit ihres Handelns zu überzeugen und sie zur aktiven Beteiligung an der Behandlung zu motivieren. Die Motivation des Täters hängt stark davon ab, ob sich zwischen dem Therapeuten und dem Patienten eine vertrauensvolle Beziehung entwickelt. Dazu bedarf einer positiven Grundhaltung des Therapeuten. Er sollte den Patienten nicht nur annehmen und intensiv kennen lernen, sondern ihn als Menschen wertschätzen und respektieren. Der Patient muss Gelegenheit bekommen mitzuteilen, was er erlebt hat, wie er aufgewachsen ist und wie es ihm heute nach der Straftat geht, ohne dass er hierfür gleich bewertet, kritisiert oder gar sanktioniert wird.
Balanceakt zwischen Distanz und Annäherung
Dieses zunächst unumschränkte positive Annehmen des Patienten ist methodisch erforderlich, damit die weitere psychotherapeutische Arbeit und das harte Durcharbeiten der Straftat gelingen. „Ohne diese Basis wird kein Sexualstraftäter motiviert werden, sich zu öffnen, sich kritisch mit sich selbst auseinander zu setzen und sich letztlich zu verändern“, sagt der Psychotherapeut Heinz-Jürgen Pitzing, Leiter der Psychotherapeutischen Ambulanz des Vereins Bewährungshilfe Stuttgart e.V.
Der Psychotherapeut muss laut Fiedler seine Rolle erweitern. Er ist nicht nur kompetenter Berater, sondern Vorbild, Kontrolleur und Solidarpartner des Patienten in einer Person. Das erfordert oft einen Balanceakt zwischen Distanzierung und Annäherung. In der Zusammenarbeit sollte sich der Therapeut vorwiegend an den Ressourcen des Patienten orientieren und ihn sachlich über gutachterliche Einschätzungen, über die Weiterleitung von Informationen an Kooperationspartner und über den Verlauf der Therapie informieren.
Keine herkömmliche Psychotherapie
Anders als niedergelassene Therapeuten sind Therapeuten im Strafvollzug von der Schweigepflicht entbunden. Sie kooperieren eng mit der Justiz, der Haftanstalt, Bewährungshelfern, psychotherapeutischen Ambulanzen und anderen nachsorgenden, betreuenden Personen und Institutionen. Behandlungssetting und Behandlungsziele weichen von herkömmlicher Psychotherapie in vielen Bereichen ab. Sie zielen hauptsächlich darauf ab, Hilfe, Opferschutz und Kontrolle miteinander
zu verbinden.
So vielversprechend multimodale Therapien auch sind, in der Regel fehlt ihnen eine theoretische Fundierung, was sich in bestimmten Therapiephasen unter Umständen negativ auswirken kann. Doch auch das Bestreben, verschiedene etablierte Theorien gleichzeitig heranzuziehen, kann Konfundierung stiften. Diese Erfahrung machten Sexualforscher am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, die bei der Tätertherapie Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie und psychodynamisch orientierter Therapie einsetzten. Sie stellten fest, dass verschiedene theoretische Erklärungsmodelle konkurrieren und sich teilweise widersprechen, was die Interpretation der Symptome und die Behandlungsplanung erschwert.
Multimodale Rückfallspräventionsprogramme haben sich als wirksamer als herkömmliche Therapieansätze erwiesen. In Kombination mit dem Training sozialer Fertigkeiten und Bindungskompetenzen können sie dauerhafte Einstellungsänderungen bei den Tätern bewirken. Fiedler betont: „Während ohne Behandlung etwa ein Viertel aller Missbrauchstäter und Vergewaltiger über kurz oder lang wieder rückfällig werden, kann man diese Zahl mittels Psychotherapie heute deutlich unter zehn Prozent absenken. Pitzing kann von ähnlichen positiven Erfahrungen berichten. Innerhalb von drei Jahren waren von 267 Sexualstraftätern, die in der Ambulanz der Bewährungshilfe Stuttgart e.V. behandelt worden waren, nur zwölf rückfällig geworden, davon überwiegend Exhibitionisten. „Ohne Behandlung wäre eine Rückfallwahrscheinlichkeit von 20 bis 50 Prozent zu erwarten“, so Pitzing. Solche Erfolge sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass einige Sexualstraftäter nicht therapiefähig sind und somit ein Restrisiko bestehen bleibt. Sie lassen aber darauf hoffen, dass mithilfe multimodaler Therapien die Mehrheit der Sexualstraftäter wirksam behandelt werden kann.
Der Strafvollzug und die Weiterbetreuung von Sexualstraftätern nach ihrer Entlassung eröffnen für Psychotherapeuten neuerdings weit reichende Betätigungsfelder. Seit 2003 ist es gesetzlich festgelegte Pflicht, Sexualstraftäter zu behandeln. Die Täter haben einen Rechtsanspruch auf Behandlung. Daraus ergibt sich ein hoher Bedarf an qualifizierten Psychotherapeuten in geeigneten sozialtherapeutischen Anstalten und auch im Normalvollzug. Ebenfalls besteht ein hoher Bedarf an Psychotherapeuten außerhalb des Vollzugs, um die mit entsprechenden Bewährungsauflagen belegten Sexualstraftäter behandeln und weiterbehandeln zu können. Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
Elsner K: Tätertherapie. Grundlagen und kognitiv-behavioraler Schwerpunkt. Psychotherapie im Dialog 2004; 2: 109–119.
Fiedler P: Sexuelle Orientierung, sexuelle Abweichung. Beltz PVU 2004 (im Druck).
Pitzing H-J: Ambulante Psychotherapie von Sexualstraftätern ist ein Beitrag zum Opferschutz. Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis 2004; 1.
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