MEDIZINREPORT

Dioxin-Vergiftung: Eine tickende Zeitbombe

Dtsch Arztebl 2004; 101(51-52): A-3470 / B-2934 / C-2777

Zylka-Menhorn, Vera

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Die Auswirkungen einer Dioxin-Vergiftung stellen sich
eher schleichend als akut ein.

Nun sind die Befürchtungen wahr geworden: Der ukrainische Oppositionsführer und Präsidentschaftskandidat Viktor Juschtschenko leidet tatsächlich an einer Dioxin-Vergiftung. „Wir haben im Blut Dioxin-Werte nachgewiesen, die mindestens tausendfach über dem Normalwert liegen“, sagte Prof. Dr. med. Michael Zimpfer, Leiter der Wiener Privatklinik Rudolfinerhaus. Mithilfe von Gewebeproben und Blutanalysen sei der Beweis für eine Vergiftung erbracht worden. Man gehe davon aus, dass eine hohe Dioxin-Dosis peroral in den Körper gelangt sei. Da Dioxin löslich ist, könne es dem Essen einfach beigemengt werden.
Was ist Dioxin, wie wirkt es, und wie lässt sich eine Vergiftung behandeln? Unter dem Sammelbegriff Dioxin werden insgesamt 75 „Dibenzodioxine“ und 135 ähnlich gebaute „Dibenzofurane“ zusammengefasst. Ihre Grundstruktur besteht aus zwei Benzolringen, die über ein oder zwei Sauerstoffatome verbunden sind. Als das gefährlichste gilt das 2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-p-dioxin (2,3,7,8-TCDD). Im Allgemeinen entstehen Dioxine bei Verbrennungsprozessen: wenn organische Verbindungen in Gegenwart von Halogenverbindungen, speziell Chlor oder Brom, oxidieren. Das ist der Fall bei Metallrecycling und Müllverbrennung, aber auch bei natürlichen Prozessen wie Waldbränden oder Gewitter. Eine Entstehungsquelle war bis Anfang der 1990er-Jahre der Kfz-Verkehr. Erst eine Verordnung im Jahr 1992 verbot, Kraftstoffen Chlor- oder Bromverbindungen beizumischen.
In den meisten Fällen gelangt Dioxin über die Nahrung in den Körper. So sind Dioxine in geringen Konzentrationen in vielen Lebensmitteln nachweisbar. Sie treten, zusammen mit den polychlorierten Dibenzofuranen, regelmäßig als Gemische von insgesamt 17 toxischen Verbindungen auf, die durch einen Summenparameter – die so genannten Dioxinäquivalente (TEQ) – erfasst werden.
Viktor Juschtschenko Anfang 2004 (oben) und im Dezember Fotos: dpa
Viktor Juschtschenko Anfang 2004 (oben) und im Dezember Fotos: dpa
Der bedeutendste Aufnahmeweg
(> 95 Prozent) des Menschen für polychlorierte Dioxine ist der Verzehr von Milch und Milchprodukten, Eiern und Eiprodukten sowie Fleisch- und Fischprodukten. Daten aus zahlreichen Industrieländern belegen eine tägliche Aufnahme im Bereich von 30 bis 50 Pikogramm (pg) TEQ (1 pg = 1 Billionstel Gramm) pro Tag für den Menschen. Diese Aufnahme führt zu Gewebekonzentrationen zwischen 10 und 30 pg TEQ pro Gramm Fett. Nach massiver Freisetzung von Dioxinen durch Industrieunfälle oder bei Dioxinbelastungen am Arbeitsplatz wurden deutlich höhere Werte beobachtet, die bis zu 56 000 pg TEQ pro Gramm Fett reichten.
Ist die Substanz erst einmal in den Körper gelangt, ist es schwierig, sich ihrer zu entledigen. Denn die Halbwertszeiten betragen beim erwachsenen Menschen im Fett für das 2,3,7,8-TCDD sieben bis zehn Jahre. Die Höhe der inneren Belastung des Menschen hängt vorwiegend vom Lebensalter, den Ernährungsgewohnheiten und Gewichtsveränderungen sowie bei Frauen vom Stillen und bei Säuglingen und Kleinkindern von der Stillzeit ab.
Zur Bestimmung der PCDD/F-Körperlast können Fettgewebs-, Frauenmilch- oder Blutuntersuchungen herangezogen werden. Die Gehalte in allen drei Matrices sind bezogen auf den Fettanteil in etwa gleich hoch. Als Nachweisverfahren dient die hochauflösende Gaschromatographie, gekoppelt an die hochauflösende Massenspektrometrie (HRGC/HRMS).
Wirkungen beim Menschen: Die akute Giftwirkung von Dioxin wird von Toxikologen als nicht sehr effektiv eingeschätzt. Die Betroffenen leiden an Übelkeit, Erbrechen und intensiven Reizungen der oberen Atemwege. „Da sich die Auswirkungen einer Dioxin-Vergiftung eher schleichend einstellen, eignet sich die Substanz nicht als unmittelbares Mordgift“, sagte Prof. Dr. med. Markus A. Rothschild, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Köln. Vielmehr beabsichtige man eine nachhaltige Schädigung des Opfers, sozusagen eine perfide Tötung auf Raten.
Hauterkrankungen: Die Chlorakne ist das Leitsymptom der akuten beziehungsweise chronischen PCDD/F-Intoxikation beim Menschen. Sie äußert sich als verstärkte Verhornung mit Bildung von Pusteln im Gesicht und an den Extremitäten, die über Jahre anhalten. Die Chlorakne beobachtet man ab einer einmaligen Dioxindosis von 1 000 000 pg/kg Körpergewicht für einen erwachsenen Menschen.
Hepatotoxizität: Tierexperimentell verursacht 2,3,7,8-TCDD Leberschäden. Bei hoch exponierten Menschen werden erhöhte Aktivitäten der Leberenzyme im Serum festgestellt.
Immuntoxizität: 2,3,7,8-TCDD beeinträchtigt im Versuchstier sowohl die humorale als auch auch die zelluläre Immunantwort. Befunde beim Menschen sprechen ebenfalls für eine Beeinträchtigung der Immunfunktion bei hoher Belastung.
Kanzerogenität: Sowohl tierexperimentelle Daten als auch epidemiologische Beobachtungen beim Menschen sprechen für eine krebserzeugende Wirkung von 2,3,7,8-TCDD. Die International Agency for Research on Cancer hat die Substanz 1997 in die Kategorie 1 („carcinogenic to humans“) eingestuft. Allerdings ist der krebserzeugende Mechanismus nicht geklärt. Möglicherweise löst Dioxin nicht selbst die Krankheit aus, sondern wirkt als Verstärker und Beschleuniger bei der Tumorbildung. Aber die Zeitbombe tickt: So sind Karzinome der Leber und der Bauchspeicheldrüse als Berufskrankheit anerkannt, falls Betroffene über Jahrzehnte mit dioxinhaltigen Substanzen in Berührung kamen.
Neurologie/Psychiatrie: Weitere mit einer hohen PCDD/F-Belastung in Verbindung gebrachte Gesundheitsstörungen sind unspezifische Befindlichkeitsstörungen, neurologische Symptome (Polyneuropathien, Störungen sensorischer Funktionen, Schwäche der unteren Extremitäten) und psychische Symptome (Neurasthenie, Depressionen).
Reproduktionstoxizität: Reproduktionstoxische Wirkungen sind tierexperimentell belegt, beim Menschen liegen vereinzelte fragliche Hinweise hierzu vor.
Andere: Eine Nachuntersuchung der beim Seveso-Unfall hoch 2,3,7,8-TCDD-exponierten Personen ergab Hinweise für eine erhöhte Mortalität an kardiovaskulären und chronisch obstruktiven Atemwegserkrankungen in der Gruppe mit der höchsten Belastung (Blutspiegel von 800 bis 56 000 pg TEQ/g Fett).
Ferner kam es bei exponierten Männern zu einer signifikanten Veränderung des Geschlechterverhältnisses zugunsten von Mädchengeburten.
Therapie: Eine spezifische Therapie der Dioxin-Intoxikation ist nicht bekannt. Symptomatisch kann man Kortison verabreichen. Der therapeutische Nutzen von Fasten, Gabe von Paraffinöl, Medizinalkohle oder anderen Präparaten zur Steigerung der PCDD/F-Ausscheidung aus dem Körper beziehungsweise von Vitaminen und Spurenelementen ist derzeit nicht beurteilbar. Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

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    Rettsan DRK
    am Freitag, 25. August 2017, 16:59

    Dioxine

    Leider wurde im Artikel die Möglichkeit klar außen vorgelassen, daß durch Medikamentenplagiate oder Drogensucht oder Umgang mit der Gruppe der Dioxine / Benzole & Diazepame sehr häufig die Ursachen für eine Vergiftung sind.

    Es ist auch in Mode bei so manchen Chlordioxyde sehr häufig anderen "ein zu flößen" Siehe Vergleichsfälle Jim Humble u.ä. Das dieses keine Wundermittelchen sind, ist allseits bekannt, schlimmer allerdings, daß genau bei dem Desinfektionsmitteln nach BSeuchG oder in einfacherer Form wie Haushaltsreiniger dieses auch in der Vergangenheit öfters einmal vorkam, daß kein Alkohol im Lebensmittelbereich gertunken wurde, sonders dieser auch teilweise Vorsätzlich- / Unsachgemäß gehandhabt wurde und auch als "Mooned Shine" genauso für Erblindungen oder schlimmeres Sorgte.

    Junkies (Hilope) sind auch unselten mit einer Benzolvergiftung auf der Entzugsstation.

    Das Prinzip des Vergiftens mit Dioxin ist schon sehr lange bekannt - schon zu Zeiten Fuggers durften sich die Leute an solchen "Geschenken" sich erfreuen, weil man ja sonst auch keine anderen dinge zu tun hat, als von anderen "zur ader gelassen zu werden" - und man weiß ja was eine Erpressung und folgerichtig ein "Aderlaß" ist im Staatswesen

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