ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2004Edward Hopper: Nachts an der Bar

VARIA: Feuilleton

Edward Hopper: Nachts an der Bar

Sander-Fell, Sabine

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Nighthawks 1942, Öl auf Leinwand, 84,1 × 152,4 cm
Nighthawks 1942, Öl auf Leinwand, 84,1 × 152,4 cm
Das Museum Ludwig in Köln zeigt eine Retrospektive mit Werken, die sonst fast nur in amerikanischen Sammlungen zu sehen sind.

Grünlich schimmert der nächtliche Asphalt, der Blick fällt in ein Panoramafenster auf eine hell erleuchtete Bar. Dort sitzen sie, die Nachtschwärmer, und trinken Kaffee. Nichts deutet auf eine anregende Unterhaltung hin, vielmehr scheint jeder seinen eigenen Gedanken nachzugehen, während der Barkeeper seine gewohnte Arbeit verrichtet. Mit beeindruckender Prägnanz zeigt der amerikanische Maler Edward Hopper (1882– 1967) in seinen Gemälden ein weit verbreitetes Lebensgefühl, das von Einsamkeit und fehlender Kommunikation geprägt ist.
In seinem wohl bekanntesten Bild „Nighthawks“ (Nachtschwärmer), jener Ikone großstädtischer Isolation, offenbaren sich Beziehungslosigkeit und zwischenmenschliche Entfremdung. Schon früh begann Hopper sich für diese Thematik zu interessieren, wie das Bild „Einsame Figur in einem Theater“, das um 1902 entstanden ist, zu Beginn der Ausstellung verdeutlicht. Dabei ist er mehr als nur ein präziser Beobachter alltäglicher Situationen. „Jede Kunst“, so schrieb er, „ist vor allem der sichtbare Ausdruck des Innenlebens eines Künstlers, und dieses innere Erleben wird seine persönliche Weltauffassung bestimmen.“ So verstand er seine Kunst in erster Linie als Reflexion der eigenen Psyche. Hopper, der mit den Werken von Freud und Jung vertraut war, kombiniert seine eigene realistische Darstellungsweise mit psychologischen Spannungen, die den Betrachter auch heute noch emotional berühren. In dem Bild „Nachts im Büro“ regt bereits der Titel die Fantasie des Betrachters an: Was könnte sich wohl zwischen
Office at Night 1940, Öl auf Leinwand, 56,4 × 63,8 cm Fotos: Museum Ludwig
Office at Night 1940, Öl auf Leinwand, 56,4 × 63,8 cm Fotos: Museum Ludwig
einer Frau und einem Mann in einer nüchternen Büroatmosphäre am späten Abend ereignen? Während er am Schreibtisch sitzend ein Schriftstück liest, steht sie im eng geschnittenen Kleid vor einem Aktenschrank und blickt auf ein Blatt Papier, das neben ihm auf dem Boden liegt. Hopper belässt mit Absicht die Verhältnisse in der Schwebe. Seine Bilder, die wie Momentaufnahmen aus einem Film erscheinen, wurden von ihm in zahlreichen Zeichnungen vorbereitet und in perfekte Inszenierungen überführt. Diese Nähe zum Film und die Kraft seiner Bilder zog große Regisseure an, die sich auf Hoppers Bildwelt berufen und sie zitiert haben, wie Alfred Hitchcock, der das Gebäude von „House by the Railroad“
für seinen Film „Psycho“ nachbauen ließ, oder Wim Wenders, der das Szenario von „Nighthawks“ in „The End of the Violence“ nachstellte.
Edward Hoppers Werk hat bei der Ausbildung einer nationalen künstlerischen Identität eine wichtige Rolle gespielt. So erkannten die Kritiker und das amerikanische Publikum in seinen Bildern das ihnen vertraute moderne Amerika. Dennoch sind seine europäischen Wurzeln nicht zu übersehen. So reiste er zwischen 1906 und 1910 mehrfach nach Europa, wo er bei Aufenthalten in Paris, London und Amsterdam der Malerei Rembrandts und Vermeers sowie der französischen Impressionisten begegnete. Sein besonderes Interesse galt jedoch dem modernen Realismus des 19. Jahrhunderts mit Edouard Manet und Edgar Degas. Die modernen Avantgardebewegungen und Künstlerpersönlichkeiten wie Picasso ließen ihn, nach eigener Aussage, völlig unberührt.
Die Retrospektive im Museum Ludwig, die in Kooperation mit der Tate Modern in London entstanden ist, zeigt Hoppers Weiterentwicklung über mehr als sechs Schaffensjahrzehnte: von seinen frühen Gemälden über die berühmten New-York-Bilder bis hinzu seinen späten, zunehmend reduzierten Arbeiten. Sabine Sander-Fell


Die Ausstellung „Edward Hopper“ ist bis zum 9. Januar 2005 im Museum Ludwig in Köln zu sehen. Informationen: Telefon: 02 21/22 12 61 65. Zur Ausstelllung ist ein Katalog im Hatje Kantz Verlag erschienen, 34 Euro.

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