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Seit dem Heft 41/2003 veröffentlicht das Deutsche Ärzteblatt regelmäßig in jedem vierten Heft eine Arztgeschichte. Im Anschluss an die Veröffentlichung mehrerer literarischer Arztgeschichten begann das DÄ in Heft 3/2004 mit der Veröffentlichung von Beiträgen aus der Leserschaft.

Ein an Freud geschulter Psychiater ist immer im Dienst, auch nachts. Wenn er sich nach einem langen Praxistag erschöpft ins Bett fallen lässt, beginnt die Traumarbeit:
Mit schwerem Schritt schleppt sich ein nach meiner Schätzung Mitte fünfzigjähriger Mann in mein Sprechzimmer. Er ist eine auffällige Erscheinung, kräftig, von hünenhafter Gestalt und in einen wallenden, roten Mantel gehüllt. Ohne Umschwei-fe legt er seine ebenfalls
rote Pudelmütze auf meinen Schreibtisch und schaut mich mit traurig-müden Augen an. Von seinem Gesicht ist sonst nur die sorgenzerfurchte Stirn erkennbar, der Rest ist unter einem zotteligen, weißen Vollbart verborgen. „Involutionsdepression!“ schießt es mir durch den Kopf und: „Dem können wir helfen!“ Ich strotze vor Selbstvertrauen, denn ich spüre eine eigentümliche, magische Kraft in mir wirken; und nicht nur das: Aus dem Augenwinkel habe ich bemerkt, dass hinten aus meinem Kittel Flügel gewachsen sind.
„Ich kann nicht mehr!“ stößt der Mann mit tiefer Stimme mühsam hervor. Ich nicke verständnisvoll. „Die vielen Wünsche . . . Wie soll man das aushalten . . . die vielen Wünsche. Ich kann sie nicht mehr erfüllen!“ Oh, wie gut ich ihn verstehe! „Sie brauchen Ruhe!“ erkläre ich ihm mit bedeutungsvoller Miene. „Ich werde Sie krankschreiben. Statt Briefe lesen und Pakete packen ein kleiner Spaziergang am Morgen . . .“ – „Unmöglich!“ unterbricht er mich ungehalten. „In drei Wochen ist Weihnachten!“ Ich strahle eine unverbrüchliche Ruhe aus und nicke zum dritten Mal: „Ich weiß. Aber nun ist eben Ihr Vertreter gefordert.“ – „Mein Vertreter?“ wiederholt er und schlägt sich mit grimmigem Lachen auf die Schenkel. „Wo ist denn Ihr Vertreter, wenn ich fragen darf?“ Sie dürfen aber nicht, denke ich und merke, wie ein leichter Ärger in mir aufsteigt und meine therapeutische Ruhe untergräbt. Wer ist denn hier schließlich der Patient? Ich finde die Patienten, die sich unentbehrlich machen, immer so anstrengend. Aber verstehen kann ich ihn ja.
Zeichnung: Ralf Brunner
Zeichnung: Ralf Brunner
Also nehme ich einen zweiten Anlauf: „Sie sollten zumindest kürzer treten! Und damit Sie bald wieder Auftrieb und Rückenwind bekommen, habe ich etwas Besonderes für Sie.“ Zum Glück lässt mich mein Selbstvertrauen nicht im Stich. Ich ziehe eine Schublade auf und überreiche ihm mit väterlich-wohlwollendem Lächeln eine Schachtel. „Zum Frühstück eine Tablette“, verkünde ich und nicke ihm zur Bestätigung aufmunternd zu. Sinnend betrachtet er die Sonnenblume auf der Verpackung. Sie scheint ihm ein wenig Hoffnung zu geben. Bedächtig öffnet er die Schachtel und nimmt den Beipackzettel heraus. Umständlich kramt er seine Lesebrille hervor. Während der Lektüre vertiefen sich die Falten auf seiner Stirn. Plötzlich brüllt er: „Nebenwirkungen: häufig Übelkeit, weicher Stuhl, Tremor, Schwindel, Schlaflosigkeit . . . und Sexualstörungen – das hat mir gerade noch gefehlt. Schlucken Sie das Zeug gefälligst selber!“ und knallt die Packung auf den Tisch. „Zum Donnerwetter!“ entfährt es mir, doch sogleich tut es mir Leid, denn ich ahne Schlimmes. Doch zu spät. Ein Blitz schlägt durch die Decke. Mein armer Patient zuckt zusammen. Dann verabschiedet er sich, steckt die Medikamente ein und lässt mich mit meinem schlechten Gewissen allein. Mir fällt der Ausspruch eines angesehenen Supervisors ein: „Wer sich über einen Patienten ärgert, braucht Supervision.“ Wie wahr! Ich nehme mir fest vor, diesen Rat zu beherzigen, doch bevor ich dazu komme, begegnet mir mein Patient. Mit voll bepacktem Schlitten braust er an mir vorbei und hebt die Hand zum Gruß. Hier zeigt sich wieder einmal, was ein Psychotherapeut mit einem einzigen Gespräch bewirken kann, denke ich und lächele zufrieden vor mich hin. Oder hat er etwa doch die Tabletten geschluckt?
Mit gemischten Gefühlen wache ich auf. Als ich den Traum meiner Frau erzählen will, bin ich nicht mehr sicher, ob ich der Engel oder der Weihnachtsmann war.
Dr. med. Dirk Schmoll
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