VARIA: Post scriptum

Beide Spieler schlafen!

Pfleger, Helmut

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Turniere wurden im frühen 19. Jahrhundert noch ohne Schachuhren gespielt, jeder konnte ad libidum über seinem Zug brüten, Bedenkzeiten von einer Stunde für einen einzigen Zug waren keine Seltenheit. So konnte es schon einmal geschehen, dass ein Schiedsrichter auf seinem Protokoll vermerkte: Beide Spieler schlafen.
Mit der Einführung der Schachuhr wurde alles sportlicher, oft, vor allem in Zeitnot, auch hektischer. Doch beim so genannten klassischen Schach, bei dem Partien bis zu sieben Stunden dauern können, ist immer noch genügend Zeit, sich auf überraschende Manöver des Gegners einzustellen und die eigene Absicht vor dem „fait accompli“, dem unwiderruflich ausgeführten Zug, ein ums andere Mal wiederzukäuen.
Spätestens beim Blitzschach sind „langsame Brüter“ verloren, hat jeder Spieler für die ganze Partie nur noch fünf Minuten Zeit. „Nicht denken, nur ziehen“, heißt da oft die Devise.
Aber die Krönung, meinetwegen auch der Gipfel der Perversion, ist das so genannte „bullet“. Beide Spieler haben nur je eine Minute für die ganze Partie, wie Kugeln schießen die Züge aufeinander los. Natürlich müssen diese Schnelldenker den Zug ihres Gegners möglichst antizipieren, um unmittelbar reagieren zu können. Aber wehe, der Gegner macht einen völlig unerwarteten Zug, schon ist die falsche Figur auf dem falschen Feld. Berührt – geführt!
Womit ich beim letzten Deutschen Ärzteturnier wäre, bei dem übrigens Schnellschach mit je 30 Minuten für die ganze Partie gespielt
wurde. Der Bundesligaspieler Dr. med. Thomas Wessendorf, einer der Favoriten, hatte wie selbstverständlich einen Turmzug seines Gegners Dr. med. Jörg Straschewski nach e1 erwartet, doch besagter Turm kam auf dem Feld d1 nieder. „Blind“ antwortete er mit dem für Te1 vorgesehenen Zug, doch nun war es ein grober Fehler. Der Schreck war groß, die Reue ebenso, unwillkür-lich erinnerte er sich einschlägiger Kapitel der Freudschen Psychopathologie, aber zum Glück vertrug die Stellung schon diesen Patzer, nachdem er vorher mit einer kleinen Kombination in großen Vorteil gekommen war.
Mit welchem „Hammerzug“ stellte Dr. Wessendorf als Schwarzer die Weichen auf Sieg? Zwar gab es bei der Siegerehrung nicht den von der Ehefrau gewünschten Toaster, aber die gewonnene Schachuhr (zum Bullet-Üben) war denn auch willkommen.

Lösung:

Schwarz dachte gar nicht daran, seinen angegriffenen Springer zurückzuziehen, sondern schlug vielmehr mit dem Turmscheinopfer 1. . . . Txe3! eine Kerbe ins weiße Lager, zudem war der Springer d4 nun ohne Bauerndeckung und insofern auf wackligen Füßen. Nach 2. Txe3 Df2+
3. Kh1 Sxe3 verteidigte sich Weiß mit 4. Tg1 Sf5 (4. . . . Dxb2
5. Dxe3) 5. Sce2 zwar noch erfindungsreich, kämpfte aber letztlich für eine verlorene Sache.
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