ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2005Dr. med. Siegmund Vollmann – 1933: Ein Schriftleiter muss gehen

THEMEN DER ZEIT

Dr. med. Siegmund Vollmann – 1933: Ein Schriftleiter muss gehen

Dtsch Arztebl 2005; 102(1-2): A-33 / B-25 / C-23

Gerst, Thomas

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Siegmund Vollmann: 1933 erzwungene Trennung vom Deutschen Ärzteblatt
Siegmund Vollmann: 1933 erzwungene Trennung vom Deutschen Ärzteblatt
Die erste Anweisung der NS-Führung nach Gleichschaltung der ärztlichen Spitzenorganisationen gilt der Entfernung „jüdischer Kollegen“ aus Vorständen und Ausschüssen. Auch der langjährige Schriftleiter des Deutschen Ärzteblattes wird aus seiner Stellung gedrängt.

Große Ehre für Siegfried Vollmann, den Schriftleiter des Deutschen Ärzteblattes: Zum 60. Geburtstag am 16. Mai 1931 schmückt ein Foto von ihm die erste Seite „seiner“ Zeitschrift, und der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Ärztevereinsbundes, Georg Schneider, schildert ausführlich Vollmanns Verdienste nicht allein für die Entwicklung des ärztlichen Standesorgans, sondern auch des „ärztlichen Standeslebens“ im Allgemeinen. „Wer die Entwicklung unserer Zeitschrift verfolgen konnte, weiß, welchen Aufschwung das Blatt gerade seinem gegenwärtigen Schriftleiter zu verdanken hat“, lobt Schneider. Vollmann habe das Deutsche Ärzteblatt vom Mitteilungsblatt eines Vereins zum Sprachrohr der deutschen Ärzteschaft gemacht.
Zwei Jahre später ist von den Verdiensten Vollmanns, der jüdischer Herkunft ist, nicht mehr die Rede. Im Protokoll, das über die Vorstandssitzung des Deutschen Ärztevereinsbundes am 15. Mai 1933 angefertigt wurde, heißt es: „Über Vollmanns Stellung muss in Kürze Beschluss gefasst werden. Er erhält zur Zeit noch seine bisherigen Bezüge, wird aber pensioniert werden müssen. Es bestehen Zweifel darüber, ob die Sicherstellung seiner vertraglichen Ansprüche ohne Schwierigkeiten erfolgen wird. Stauder übernimmt es, ihm den Rat zu geben, aus zweifellos vorliegenden gesundheitlichen Gründen selbst seine Pensionierung zu beantragen.“ Bereits Ende März teilte die Geschäftsführung des Ärztevereinsbundes mit, der Vorstand habe „dem Antrage des Herrn Kollegen Vollmann, ihn zu beurlauben, entsprochen“.
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme im März 1933 fügen sich die Vorstände von Hartmannbund und Deutschem Ärztevereinsbund rasch in ihre Gleichschaltung. Bei einem Treffen mit der Führung des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes am 23./24. März in Nürnberg werden ihnen die Alternativen deutlich vor Augen geführt: „der revolutionäre Weg der Niederreißung der alten ärztlichen Organisationen und der Weg, sich kollegialiter zu einigen“ – so die unverblümte Formulierung von Gerhard Wagner, der nun die Führung der ärztlichen Spitzenverbände übernimmt, im Deutschen Ärzteblatt vom 6. April. Die Spitzenvertreter des Hartmannbundes und des Deutschen Ärztevereinsbundes ziehen es vor, sich „kollegialiter“ zu einigen, wobei dieser pflegliche Umgang allerdings nur für diejenigen Ärztinnen und Ärzte gilt, die in das verquaste Weltbild der neuen NS-Führung passen. Offenbar hat man keine allzu großen Probleme damit, die anderen Kollegen aus den eigenen Reihen zu entfernen. Als erster gemeinsamer Beschluss des Geschäftsausschusses des Deutschen Ärztevereinsbundes und des neuen NS-Führers der ärztlichen Spitzenverbände ergeht die Aufforderung an die Ärztevereine, „jüdische und solche Kollegen, die sich der neuen Ordnung innerlich nicht anschließen können, zur Niederlegung ihrer Ämter in Vorständen und Ausschüssen zu veranlassen“. Unter diesen Umständen steht auch außer Frage, dass man sich von Siegfried Vollmann, der seit 1916 die Schriftleitung des Ärztlichen Vereinsblattes (1930 umbenannt in Deutsches Ärzteblatt) innehat und zudem im Vorstand des Deutschen Ärztevereinsbundes vertreten ist, aufgrund seiner jüdischen Abstammung trennt.
Den Traditionen des Kaiserreiches verhaftet
Der 1871 im thüringischen Schwarza geborene Vollmann war der erste hauptamtliche Schriftleiter des Ärztlichen Vereinsblattes, nachdem die am 2. September 1872 zum ersten Mal erschienene Zeitschrift über lange Jahrzehnte hinweg ehrenamtlich von Mitgliedern des Geschäftsausschusses, das heißt Vorstandsmitgliedern, des Deutschen Ärztevereinsbundes geleitet worden war. Erst 1901 stimmte der 29. Deutsche Ärztetag in Hildesheim der Anstellung eines „beamteten Generalsekretärs“ zu, dem auch die Redaktion des „Ärztlichen Vereinsblattes“ oblag. Die ursprüngliche Auflage von 750 Exemplaren konnte zügig gesteigert werden. 1878 wurde das monatlich erscheinende Vereinsblatt bereits an 6 000 Abonnenten, zu diesem Zeitpunkt rund die Hälfte der deutschen Ärzte, versandt. Es dauerte allerdings noch bis zum Jahr 1909, bis die Zeitschrift allen 23 000 Ärzten, die über einen Ärzteverein dem Ärztlichen Vereinsbund angehörten, ohne Abonnement kostenfrei zuging. Seit dem Jahr 1893 erschien das Ärztliche Vereinsblatt zweimal im Monat, mit dem Januar 1907 ging man zur wöchentlichen Erscheinungsweise über.
Noch wohlgelitten im Kreis der Vorstandskollegen: Mit Siegmund Vollmann (untere Reihe, links) präsentiert sich der Geschäftsausschuss des Ärztevereinsbundes 1928 dem Fotografen. Fotos: Archiv DÄ
Noch wohlgelitten im Kreis der Vorstandskollegen: Mit Siegmund Vollmann (untere Reihe, links) präsentiert sich der Geschäftsausschuss des Ärztevereinsbundes 1928 dem Fotografen. Fotos: Archiv DÄ
Nicht zuletzt war es Vollmanns Verdienst, dass das Deutsche Ärzteblatt nach einer über Jahrzehnte wechselhaften Verlagsanbindung zum Jahreswechsel 1932/33 in den Eigenverlag des Deutschen Ärztevereinsbundes überging, „derart, daß Druck und Herstellung des Blattes in seinem Auftrag und auf seine Kosten geschieht, daß er das volle Verlagsrecht besitzt und auch die Anzeigenverwaltung durch eigne Angestellte besorgt“ – so Vollmann voller Stolz im ersten Heft des Jahres 1933. Wenige Monate später sorgte die NS-Ärzteführung für ein vorzeitiges Ende dieses Unternehmens, indem sie das Deutsche Ärzteblatt mit den Ärztlichen Mitteilungen des Hartmannbundes zwangsvereinigte.
In der Rückschau ist es fast schon ein wenig überraschend, dass Vollmann noch wenige Wochen vor seinem erzwungenen Ausscheiden aus der Schriftleiterposition Gelegenheit hatte, in einem ausführlichen Grundsatzartikel zum Jahreswechsel („Die Ärzte im Drang der Zeit“) die gesundheitspolitischen Wünsche und Überzeugungen für die deutsche Ärzteschaft zu formulieren – ganz oben auf der Wunschliste die Reichsärztekammer, verbunden mit dem Bestreben der Ärzte, „sich als dienendes Glied dem Volksganzen einzuordnen“. Diesem Wunsch sollte schon bald darauf unter anderen Vorzeichen entsprochen werden. Deutlich wird in Vollmanns Ausführungen, dass er in seinen Ansichten voll und ganz mit den Überzeugungen der national-konservativ orientierten Standesführung übereinstimmte, die noch sehr stark den gesellschaftlichen Traditionen des Deutschen Kaiserreiches verhaftet war. Eher argwöhnisch beobachtete man den mit der Weimarer Republik begonnenen Demokratisierungsprozess. Umso bestürzender muss für den jüdischen Deutschen Vollmann die Erfahrung gewesen sein, dass es gerade der Pakt dieser national-konservativen Kreise mit den Nationalsozialisten war, der Hitler zur Macht verhalf und somit indirekt die Verfolgung der jüdischen Minderheit in Gang setzte.
Kurz vor Kriegsausbruch nach London ins Exil
Siegmund Vollmann studierte nach dem Schulbesuch in Hersfeld Medizin in Berlin und Würzburg; 1894 erhielt er die Approbation und ließ sich nach kurzen Zwischentätigkeiten 1896 als Arzt in Berlin nieder. Dort spezialisierte er sich als Facharzt für Frauenheilkunde. Bevor er 1916 die Schriftleitung des Ärztlichen Vereinsblattes übernahm, hatte er bereits „zehn Jahre lang in der ,Berliner Klinischen Wochenschrift‘ in regelmäßigen Überblicken die Vorgänge im ärztlichen Standesleben und auf dem Gebiet der sozialen Gesetzgebung bearbeitet“, wie er selbst in einer Rückschau Ende des Jahres 1929 schreibt. Nach 1925 war Vollmann Vorsitzender der „Vereinigung der medizinischen Fachpresse“, die auf internationaler Ebene der „Union Internationale de la Presse Médicale“ angeschlossen war. In dieser Funktion verfasste er 1929 eine im Ärztlichen Vereinsblatt abgedruckte Erklärung zum „Mißbrauch medizinischer Publizistik“, in der die Pressevertreter zu einer verantwortungsbewussten Berichterstattung über Heilmittel aufgefordert wurden. Auch aus diesem Amt wurde Vollmann rasch vertrieben; Nachfolger wurde im Juli 1933 Karl Haedenkamp, der zur gleichen Zeit Vollmanns Position beim Deutschen Ärzteblatt übernahm.
Über das Schicksal Siegmund Vollmanns nach 1933 ist wenig bekannt. Nach den Eintragungen im Reichsarztregister praktizierte er bis zum 30. September 1938 – dem Zeitpunkt, zu dem allen jüdischen Ärzten in Deutschland die Approbation entzogen wurde – als Kassenarzt in Berlin-Schöneberg. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, am 9. August 1939, konnte Vollmann zusammen mit seiner Ehefrau nach London emigrieren. Über die Lebensumstände der beiden in der Emigration ist bisher nichts bekannt. Aus den Akten der Wiedergutmachungsämter geht lediglich hervor, dass das Ehepaar Vollmann nach Kriegsende England wieder verließ. Siegmund Vollmann starb am 31. Dezember 1946 in Frankreich, seine Frau folgte ihm eine Woche später, am 6. Januar 1947, nach. Thomas Gerst
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