ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/1996Arznei­mittel­kommission: Wissenschaftlich begründete Ratschläge

POLITIK: Aktuell

Arznei­mittel­kommission: Wissenschaftlich begründete Ratschläge

Korzilius, Heike

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LNSLNS In Zeiten leerer Kassen ist der einzelne Arzt besonders auf unabhängige, wissenschaftlich fundierte Informationen zur Arzneimitteltherapie angewiesen. Das betonte die diesjährige Mitgliederversammlung der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) am 6. Dezember in Köln. Ihr Beharren auf einer rein wissenschaftlich begründeten Informationspolitik hat jedoch zu Spannungen mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung geführt.


Die gegenwärtigen Probleme können nur mit einer geeinten Ärzteschaft gelöst werden, sonst nimmt die Politik das Zepter in die Hand", appellierte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. Karsten Vilmar, in seinem Grußwort an die Mitgliederversammlung der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft. Die Vertreter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) hatten sich für die Sitzung wegen des parallel tagenden Länderausschusses und der bevorstehenden Ver­tre­ter­ver­samm­lung entschuldigt.
Die Ärzte sind derzeit in einer mißlichen Lage. Gezwungen, die Verantwortung für ihr Budget zu übernehmen, hat die Politik, so Vilmar, die Frage nach entsprechenden Steuerungsinstrumenten unbeantwortet gelassen. So sei eine Positivliste zur Begrenzung der Arzneimittelausgaben vom Tisch, und Arzneimittelinformationen der Ärzteschaft zögen häufig rechtliche Schritte der Pharmahersteller nach sich. Vilmar warnte vor Panikreaktionen. Ge­sund­heits­mi­nis­ter Seehofer habe recht, wenn er behaupte, das Gesundheitswesen werde nicht "kaputtgespart". Nur könnten nicht alle Leistungen von der Solidargemeinschaft der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung finanziert werden.
Die "schrille" öffentliche Auseinandersetzung um das Arzneimittelbudget sieht Vilmar zum Teil darin begründet, daß viele Ärzte in der derzeit bedrohlichen Situation nicht mehr rational reagieren. Daraus resultierten auch gewisse Spannungen zwischen KBV und Arznei­mittel­kommission. Aufgrund drohender Regresse konzentriere sich die KBV vor allem auf die Wirtschaftlichkeit der Arzneimittelverordnung. Das Beharren der AkdÄ auf rein wissenschaftlichen Kriterien habe ihr deshalb von seiten der Kassenärzte den Vorwurf der Arbeit im "Elfenbeinturm" eingetragen, bestätigte Dr. med. Bruno Müller-Oerlinghausen, Vorsitzender der Arznei­mittel­kommission. Die KBV habe die Gelder zur Mitfinanzierung der Kommission erheblich gekürzt und plane, ein eigenes Arzneimittelreferat einzurichten. Die Arbeit der AkdÄ sei durch die Mittelkürzung gefährdet.


Information für Ärzte
In seinem Tätigkeitsbericht ging Müller-Oerlinghausen auf die beiden Arbeitsschwerpunkte der Kommission ein: Arzneimittelinformation und -sicherheit. Zielgruppe seien primär die verordnenden Ärzte. Die AkdÄ sehe aber eine weitere Aufgabe darin, Gesundheitsbehörden sowie KBV und KVen in Fragen der rationalen Arzneimitteltherapie zu beraten.
Fortschritte im Bereich der Arzneimittelsicherheit habe man mit Hilfe der neu entwickelten Software "Phoenix" erzielt. Alle Informationen zu Arzneimittelrisiken, die entweder die Ärzte oder das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) an die Arznei­mittel­kommission meldeten, könnten mit dem neuen System verwaltet werden. Die wissenschaftliche Auswertung der Daten stehe jedoch noch am Anfang. Das Ziel, einen regelmäßigen Report herauszugeben, scheitere bislang noch an der Finanzierungsfrage. Problematisch sei zudem die "Meldemüdigkeit" einzelner Ärzte sowie die zunehmende dezentrale Erfassung von unerwünschten Arzneimittelwirkungen. Häufig werde die Arznei­mittel­kommission nicht über neue Projekte zur Datenerfassung informiert. Sollte sich die Datenlage weiter verschlechtern, werde es für die AkdÄ schwierig, ihre umfassende Informationspolitik fortzusetzen.
Probleme bereite auch die verstärkte Prozeßfreudigkeit von Pharmaherstellern. So ist nach einer Entscheidung des Verwaltungsgerichts Köln die Arznei­mittel­kommission nicht befugt, vorab Informationen und Kommentare zu Arzneimitteln zu veröffentlichen, die sich noch im Stufenplanverfahren befinden. Prof. Dr. jur. Erwin Deutsch sieht die Gefahr, daß durch die ausgeprägte, auch vertraglich fixierte Zusammenarbeit mit dem BfArM beispielsweise im Rahmen des Stufenplans ein öffentlich-rechtlicher Status der Kommission betont wird. Die Beteiligung am Stufenplanverfahren sei jedoch nur eine Aufgabe von vielen. In erster Linie müsse die AkdÄ ihren Status als privatrechtliche Organisation betonen. Als solche falle sie unter das Zivilrecht und habe mehr Möglichkeiten, Kritik zu üben.
Im Bereich der Arzneimittelinformationen will die Kommission im nächsten Jahr ihre Tätigkeiten ausbauen. Im September soll das Buch "Arzneiverordnung", Müller-Oerlinghausen zufolge eine Art "kommentierte Positivliste", erscheinen. Wegen finanzieller Schwierigkeiten sind für 1997 nur zwei Ausgaben des Bulletins "Arzneiverordnung in der Praxis" geplant. Die Therapieempfehlungen, die erstmals im Februar dieses Jahres mit dem Thema Fettstoffwechselstörungen erschienen sind, sollen trotz der Mittelkürzung durch die KBV fortgesetzt werden. An Themen sind chronische Schmerzen und Demenz geplant. Zusätzlich zu ihrer derzeitigen Zielgruppe will sich die Arznei­mittel­kommission zukünftig in Zusammenarbeit mit einer Krankenkasse auch direkt mit Informationen an Patienten wenden. Langfristig sei auch eine Zusammenarbeit mit Verbraucherverbänden denkbar. Heike Korzilius

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