ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2005Homosexualität: Diskriminierung gibt es noch immer

THEMEN DER ZEIT

Homosexualität: Diskriminierung gibt es noch immer

PP 4, Ausgabe Januar 2005, Seite 27

Voss, Pia

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LNSLNS Wissen um Homosexualität spielt in der psychotherapeutischen und ärztlichen Ausbildung kaum eine Rolle. Beim Umgang mit schwulen und lesbischen Patienten besteht große Unsicherheit.

Während des 20. Jahrhunderts wurde Homosexualität zunächst entkriminalisiert und dann zur Krankheit deklariert. In den 70er- und 80er-Jahren setzte ein Trend zur Entpathologisierung ein. 1987 wurde die Homosexualität aus dem DSM-III-R gestrichen und 1991 auch aus dem ICD-10. Heute ist Homosexualität „normal“. Ehrlicherweise sollte man sich jedoch fragen, ob man Gleichgeschlechtlichkeit wirklich normal findet. Im Sinne von „der Norm entsprechend“ oder von „die meisten sind so“ ist sie nicht normal. Das ist auch nicht nötig, weil es den Großteil der Menschen nicht betrifft. Doch es geht um eine große Minderheit. Sechs bis zehn Prozent weltweit, unabhängig von Herkunft, sozialer Schicht, Religion, frühkindlichen Erlebnissen und weiteren Faktoren sind homosexuell veranlagt.
Vor 1991 war Homosexualität ein häufiges Thema in der Psychodiagnostik: Die psychoanalytische Forschung hat versucht zu erklären, woher Homosexualität kommt und was falsch gelaufen sein muss, damit sie entstehen konnte. In der verhaltenstherapeutischen Forschung und Praxis hat man versucht das „kranke Verhalten“ zu verändern* – ohne zu fragen, woher es kommt. Ziel war heterosexuelles Verhalten (1, 2, 6). Heute ist Homosexualität kein Krankheitsbegriff mehr und wird auch nicht mehr pathologisiert. Stattdessen wird sie tot geschwiegen.
Wenn man von der statistischen Normalität einmal absieht, ist Homosexualität nicht wirklich normal. Wie reagiert ein Hausarzt, der von seiner Patientin erfährt, dass sie „verpartnert“ ist und es in ihrer Familie drei Kinder gibt? Wie reagiert eine Hautärztin, die von ihrem Patienten erfährt, dass er schwul ist? Wie reagiert ein Psychoanalytiker, der hört, dass sein Klient „auf Männer steht“? Und umgekehrt? Was ist, wenn eine Ärztin offen als Lesbe lebt oder wenn ein Psychologischer Psychotherapeut einen Klienten in einer Szenekneipe trifft? Geben Ärzte und Therapeuten zu, dass eine der ersten Assoziationen beim Wort „Schwulenpärchen“ Aids ist? Oder ist dem nicht so? Halten sie die Worte lesbisch und schwul für Schimpfwörter? Wie verbreitet ist unter Therapeuten und Ärzten immer noch, dass lesbisch/schwul sein eine vermeintliche Fixierung auf einer unreifen Entwicklungsstufe ist? Oder wird Homosexualität, seit sie aus den Diagnosemanualen gestrichen wurde, endlich als das gesehen, was sie ist, nämlich als eine gleichwertige Variante sexuellen Erlebens.
Der Verband lesbischer und schwuler Psychologinnen und Psychologen Deutschlands (VLSP) setzt sich seit 1993 für den Kampf gegen Diskriminierung, Stigmatisierung und Pathologisierung ein und veranstaltet einmal im Jahr zusammen mit anderen Organisationen, wie zum Beispiel der Aidshilfe sowie Lesben- und Schwulenberatungsstellen, einen Kongress zu Themen, die sich mit homosexueller Lebenswelt und -weise beschäftigen. Dabei wird deutlich, dass immer mehr Menschen – weit über den psychologischen Berufsstand und über die Mitglieder des Verbandes hinaus – für dieses Thema sensibilisiert sind.
In den 80er-Jahren war die Aids-Epidemie eine Art Auslöser für erste Studien über das Sexualverhalten von schwulen Männern. In den 90er-Jahren stieg das allgemeine Interesse an Erkenntnissen der Homosexuellenforschung im Rahmen der Liberalisierungstendenzen. In Nordrhein-Westfalen wurde zum Beispiel eine sozial-administrative Stelle im Landesministerium eingerichtet, die sich für die Belange homosexueller Menschen einsetzen sollte. Es gab verschiedene Studien zu lesbischen und schwulen Fragestellungen (4).
Klinische Forschung noch in den Anfängen
Fakt ist jedoch, dass Wissen um Homosexualität im Gesundheitswesen und insbesondere im psychiatrisch/psychotherapeutischen Kontext kaum eine Rolle spielt. Zudem stehen wissenschaftliche Arbeiten und empirische Daten über homosexuelle Lebenswelten bisher nur in sehr geringem Maße zur Verfügung. Die Forschung zu Fragen der klinischen Behandlung von Lesben und Schwulen ist derzeit noch im Anfangsstadium (2, 3, 4). Eine der wenigen Umfragen zu diesen Fragen wurde von der Frauenberatungsstelle Donna Klara in Schleswig-Holstein durchgeführt. Befragt wurden betroffene Frauen und niedergelassene Therapeutinnen und Therapeuten. Da es sich um ein kleines Forschungsprojekt handelte, darf man die Ergebnisse nur sehr vorsichtig verallgemeinern; insgesamt sind sie jedoch richtungweisend. Deutlich wurde, dass die sexuelle Orientierung meistens nicht der Anlass für die Aufnahme einer Psychotherapie war. Auffallend war, dass
eine relativ große Unsicherheit bestand, in Erstgesprächen die eigene homosexuelle Orientierung anzusprechen, obwohl ein Erstgespräch dazu dienen soll, einen Überblick über die Lebenssituation der Patientin zu erhalten. Bei der Befragung der Therapeuten stellte sich unter anderem heraus, dass heute immer noch einige die Ansicht vertreten, dass lesbische Frauen in der Entwicklung einer heterosexuellen Orientierung unterstützt werden sollten (3). Dies ist nach heutigem Erkenntnisstand diskriminierend – wenn auch oft subtil und aus Unwissenheit heraus geschehend.
Weitaus schwieriger wird die Situation in der psychiatrischen Versorgung. Auf dem letztjährigen Kongress des VLSP mit dem Thema „Anders – verrückt?! Lesben und Schwule in der Psychiatrie“ waren sowohl betroffene schwule und lesbische Psychiatrie-Erfahrene anwesend als auch Psychologen und Ärzte, die in psychiatrischen Einrichtungen arbeiten. Seit der Entpathologisierung wurde der Begriff Homosexualität in der Psychiatrie komplett gestrichen. Er existiert nicht mehr. Ein offener Umgang mit der eigenen Homosexualität wurde weder bei Betroffenen noch bei Mitarbeitern gern gesehen. Viele berichteten von einer Art Pseudoakzeptanz des Personals beziehungsweise der Kollegen, wo „es okay war“, aber dazu geraten wurde, „es auf Station doch lieber geheim zu halten“. Im Gesundheitswesen muss sich noch einiges tun, ehe man von einer wertschätzenden, fairen Gleichstellung sprechen kann (4).
Nicht nur im Gesundheitswesen,
auch gesamtgesellschaftlich ist der Umgang mit Homosexualität immer noch schwierig. Spätestens seit In-Kraft-Treten des Lebenspartnerschaftsgesetzes hört man oft, dass „das doch heute alles kein Problem mehr“ sei. Dabei wird übersehen, dass es trotz zunehmender Akzeptanz immer noch problematisch sein kann, sich als Lesbe oder Schwuler zu outen – und das nicht nur, wenn die Kirche die Arbeitgeberin ist. Die psychosozialen Belastungen können dabei auch heute noch so hoch sein, dass es zum Beispiel zu Anpassungsstörungen kommt, die nicht auf eine primäre psychische Störung zurückzuführen sind, sondern eben Folge dieser spezifischen Lebenssituation. Gleichgeschlechtlich empfindende und liebende Menschen mit psychischen Störungen sind gegenüber heterosexuellen psychisch Kranken in einer ungleich schwierigeren Lage (2, 6). Das Wissen darüber ist bei der Diagnostik von psychischen und psychosomatischen Störungen sehr wichtig. Das Thema spielt jedoch in der Grundausbildung (Psychologie- oder Medizinstudium) kaum eine Rolle. Auch in der Fort- und Weiterbildung wird Homosexualität in den Ausbildungsinstituten derzeit nicht oder kaum thematisiert.
Es fehlt eine differenzierte, gleichgeschlechtliche Orientierungen wertschätzende Sichtweise. Das kann sich einerseits auf die Qualität der Behandlung negativ auswirken, andererseits auch auf das psychische Wohlbefinden bei der Berufsausübung (2, 3, 6).
Integration in die Curricula gefordert
Bemerkenswert ist, dass sich auch aus der jüngeren Psychoanalytikergeneration bisher nur Einzelne mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zur homosexuellen Orientierung auseinander gesetzt haben, obwohl gerade in der psychoanalytischen Theorie die Sexualität eine zentrale Rolle spielt. In den USA betont die Psychoanalytische Vereinigung, dass die gleichgeschlechtliche Orientierung nicht als Zeichen einer defizitären Persönlichkeitsentwicklung oder gar Ausdruck einer Psychopathologie betrachtet werden kann (1, 2, 6). In Deutschland werden hingegen auch heute noch homosexuelle Psychologen oder Ärzte von der Ausbildung und der Berufsausübung als Psychoanalytiker ausgeschlossen.
Hilfreich ist nicht das Totschweigen von Homosexualität. Hilfreich ist auch nicht der Hinweis auf das Lebenspartnerschaftsgesetz und dass doch heute schon alles viel besser sei. Hilfreich wären fundierte, grundlegende Informationen in allen humanwissenschaftlichen Disziplinen. In fachärztlichen beziehungsweise therapeutischen Ausbildungscurricula wäre eine Wissensvermittlung zum Beispiel über Besonderheiten der Beziehungsdynamiken von lesbischen und schwulen Paaren oder Besonderheiten im Therapieprozess wünschenwert (2, 5).
Psychotherapie-Patienten, die sich von ihren Therapeuten (auch) in ihrer sexuellen Orientierung akzeptiert, verstanden, unterstützt und wertgeschätzt fühlen, können aktiver zu ihrer Genesung beitragen. Das wiederum verkürzt Krankheits- und Behandlungszeiten und kostet somit weniger Geld (3). Ärzte und Psychologen, die einen wichtigen Teil ihrer Persönlichkeit im Arbeitsalltag nicht explizit präsentieren, aber auch nicht verstecken müssen, sind leistungsfähiger und zufriedener (6). Bis zur Integration des Themas in die Curricula bleibt zu hoffen, dass alle, die mit Menschen arbeiten, sich ein Grundwissen aneignen, zum Beispiel durch Fachliteratur, durch Kommunikation mit Homosexuellen oder durch Teilnahme an den Kongressen.

Literatur
1. Parkkinen: Ulos kaapista, LIKE Gummerus Kirjapaino Oy, Jyväskylä 2003.
2. Rauchfleisch, Frossard, Waser, Wiesendanger, Roth: Gleich und doch anders. Psychotherapie und Beratung von Lesben, Schwulen und Bisexuellen und ihren Angehörigen. Stuttgart: Klett-Cotta, 2002: 36–37, 223–227.
3. Schneider: Lesbische/lesbisch empfindende Frauen in der Psychotherapie. Psychosoziale Frauenberatungsstelle Donna Klara e.V., Kiel, 2003.
4. Steffens I (Hrsg.): Jahrbuch Lesben-Schwule-Psychologie (im Auftrag des VLSP), Pabst Science Publishers,
Digital Druck Ag, Frensdorf, 2003: 72–87.
5. Symalla W: Systemische Beratung schwuler Paare, Deutsche AIDS-Hilfe, Heidelberg: Carl-Auer-Systeme, 1997.
6. VLSP: Beratung von Lesben und Schwulen. Dokumentation der VII. Fachtagung des Verbandes lesbischer Psychologinnen und schwuler Psychologen in Deutschland e.V. (VLSP). „Selbstverständlich. Beratung Psychotherapie mit Lesben und Schwulen“ München, 7.–9. April 2000. Herausgeber: Deutsche AIDS-Hilfe, Berlin, 2001: 20–62.

Anschrift der Verfasserin:
Dipl.-Psych. (FIN) Pia Voss
Schillerstraße 43
73630 Remshalden

Kontakt und weitere Informationen:
Verband Lesbischer und Schwuler Psychologinnen und Psychologen e.V. (VLSP), c/o Vertriebsbüro, Merseburger Straße 4, 10823 Berlin, Telefon: 0 30/78 00 63 34, Fax: 030/78 71 17 53, E-Mail: wir@vlsp.de, Internet: www.vlsp.de

Bundesarbeitsgemeinschaft Schwule im Gesundheitswesen (BASG) e.V., Telefon: 0 69/70 72 01 58
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