ArchivDeutsches Ärzteblatt7/1996Atypische Kalziumantagonisten: Stellenwert bei der Migräne-Prophylaxe

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Atypische Kalziumantagonisten: Stellenwert bei der Migräne-Prophylaxe

EB

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LNSLNSLNSLNS Die medikamentöse Prophylaxe der Migräne wurde in den letzten Jahren gegen-über der Akuttherapie eher vernachlässigt, obwohl seit langem zuverlässige Prophylaktika zur Verfügung stehen. Die Migräne nimmt ihren Ausgang von den Nozizeptoren der Meningen und der zerebralen Gefäße. Bei der Migräneattacke handelt es sich eindeutig um eine neurogene Entzündung. Da der Attacke häufig eine zerebrale Vasokonstriktion vorausgeht, kommen für die Prophylaxe speziell solche Medikamente in Betracht, die vasodilatorisch wirken, wie Prof. Kay Brune (Universität Erlangen-Nürnberg) auf einem von 3M organisierten Symposium anläßlich des 1. Deutschen Schmerzkongresses in Heidelberg berichtete.
Zu diesen Substanzen zählen neben den Betablockern auch sogenannte atypische Kalzium-Overload-Blocker wie Cyclandelat (Natil®). Diese Wirkstoffe blokkieren eine Vielzahl von Kalziumkanälen, weisen also mehrfache Angriffsmechanismen auf, die sich sinnvoll nutzen lassen. Wie Studien zeigen, sprechen zwischen 30 und 70 Prozent der Migränepatienten auf eine medikamentöse Prophylaxe an.


Vorbeugende Medikation
Vorbeugende Maßnahmen sind indiziert, wenn mehr als zwei bis drei Attacken pro Monat auftreten, die Anfälle länger als 48 Stunden andauern und die Schmerzintensität stark ausgeprägt ist. Manifeste neurologische Ausfälle über mehrere Stunden und Attacken nach Entzug von Analgetika erfordern ebenfalls eine vorbeugende Medikation. Prophylaktika der ersten Wahl sind Betablocker wie Propranolol und Metoprolol. Zu den Substanzen der zweiten Wahl zählt Flunarizin, das jedoch zur Gewichtszunahme führen kann. Dritte Wahl sind Serotoninantagonisten wie Pizotifen. Auch Valproinsäure wirkt prophylaktisch, gehört aber ausschließlich in die Hand des Neurologen. Nicht-steroidale Antiphlogistika wie Naproxen eignen sich speziell für die Prophylaxe der Menstruationsmigräne. Amitriptylin und Amitriptylinoxid sind Mittel der Wahl zur Prophylaxe des Spannungskopfschmerzes.


Mittel der ersten Wahl
Welche Position dem Cyclandelat in der Hierarchie der Prophylaktika zukommt, wurde anhand einer Vergleichsstudie mit 223 Migränepatienten aus Magdeburg und Kiel untersucht. 111 Patienten bekamen über zwei Monate täglich 1 200 mg Cyclandelat; dann wurde die Tagesdosis für weitere zwei Monate auf 1 600 mg gesteigert. Die Patienten der Vergleichsgruppe erhielten zwei Monate lang täglich 120 mg Propranolol und in den folgenden zwei Monaten täglich 160 mg derselben Substanz, berichtete Dr. Rüdiger Schellenberg (Linden).
Die subjektive Wirksamkeit wurde anhand eines Migräne-Kopfschmerz-Tagebuches ermittelt; der pharmakodynamische Effekt der Wirkstoffe mittels quantitativ-topologischem EEG und evozierten Potentialen. Keiner der Teilnehmer war zuvor mit einem der beiden Präparate behandelt worden. In beiden Gruppen bildeten sich mit zunehmender Dauer und Dosis die Attacken hinsichtlich Anzahl und Schmerzintensität deutlich zurück. Schellenberg stellte fest, daß 1 600 mg Cyclandelat und 160 mg Propranolol klinisch ambivalent sind. Demnach gehört Cyclandelat zu den Migräneprophylaktika der ersten Wahl. Nach Absetzen des Pharmakons brauchten die Patienten kaum zusätzlich Analgetika, wohl aber die Patienten der Vergleichsgruppe. Daher sollte Propranolol immer ausschleichend dosiert werden. Im Unterschied zum Betablocker war unter dem Kalzium-Overload-Blocker keine deutliche Reduktion des diastolischen Blutdrucks zu beobachten. EB

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