ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/1996Hochfrequente elektromagnetische Felder: Studien zum Gesundheitsrisiko von Mobiltelefonen

VARIA: Technik für den Arzt

Hochfrequente elektromagnetische Felder: Studien zum Gesundheitsrisiko von Mobiltelefonen

Ajnwojner, Susi

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LNSLNS Immer häufiger werden Ärzte mit der Frage konfrontiert, ob hochfrequente elektromagnetische Felder – wie die Funkwellen von Mobiltelefonen – den menschlichen Organismus schädigen können. "Mögliche Wirkungen elektromagnetischer Strahlen auf Mensch und Umwelt" war deshalb das Thema einer Pressekonferenz in Frankfurt, zu der die Forschungsgemeinschaft Funk eingeladen hatte.


Die Forschungsgemeinschaft Funk (FGF) ist ein von Bundesbehörden, Rundfunkanstalten, Funknetzbetreibern und Ge-räteherstellern ins Leben gerufener gemeinnütziger Verein, der das Ziel verfolgt, die Wirkungen elektromagnetischer Felder auf Mensch und Umwelt zu untersuchen und neue Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Viele Menschen, die in Funkwellen ein Gesundheitsrisiko sehen, verweisen auf Studien, aus denen hervorgehe, daß gepulste Hochfrequenzfelder mit Pulsfrequenzen von 270 Hz oder einer Hochfrequenz von etwa 1 GHz die Gehirnströme verändern. Klinisch könne sich dies zum Beispiel als verminderte Konzentrationsfähigkeit niederschlagen.
Diskutiert wird derzeit eine Untersuchung von Dr. Lebrecht von Klitzing (Lübeck), der festgestellt haben will, daß hochfrequente elektromagnetische Funkwellen atypische Veränderungen der Hirnstromkurven im Elektroenzephalogramm verursachen. Diese Studie war für die FGF Anlaß genug, eigene Untersuchungen in Auftrag zu geben, um von Klitzings Ergebnisse zu reproduzieren.
Das Fazit der Veranstaltung, bei der von Klitzing nicht anwesend war: In den FGF-Studien konnten keine negativen Auswirkungen von elektromagnetischen Wellen bei der Nutzung von Mobilfunk festgestellt werden. Nach Ansicht von Dr. Hans-Jürgen Meckelburg (Geschäftsführer der Cetecom GmbH, einer Tochtergesellschaft des Rheinisch-Westfälischen TÜV), der die Versuche unter Mithilfe von Klitzings wiederholt hat, könnten die Untersuchungen des Lübecker Wissenschaftlers nur als Pilotprojekt gewertet werden. Weil die Ergebnisse in den entsprechenden Veröffentlichungen nicht sorgfältig dokumentiert worden sind, seien sie möglicherweise nicht reproduzierbar gewesen.
Außerdem bestünden zwischen den Versuchsbedingungen und den realen Bedingungen des digitalen Mobilfunks große Unterschiede. In einer gemeinsamen Wiederholung von drei Messungen war der postulierte Effekt einmal bei der EEG-Ableitung aufgetreten. Der Abfall der Alpha-Wellen, der im EEG als Vigilanzparameter gewertet wird, sei aber nur das typische Zeichen für eine kurzfristige Schläfrigkeit des Probanden gewesen, so Meckelburg.
In einer Untersuchung an der Neurologischen Universitätsklinik des Knappschaftskrankenhauses BochumLangendreer wurde unter Leitung von Prof. Walter Gehlen im Auftrag der FGF ebenfalls zu klären versucht, ob meßbare Effekte im Gehirn bei der Benutzung von Funkgeräten auftreten. Bei 52 Probanden wurde in einem Raum mit einem homogenen elektrischen Feld dreimal zehn Minuten lang ein EEG abgeleitet. Um die Bedingungen des Telefonierens mit einem Autotelefon zu simulieren, wurde die Hälfte der zufällig ausgewählten Probanden einem elektromagnetischen Feld mit einer Feldstärke von 40 kV/m ausgesetzt. Sender war eine Antenne mit acht Watt in 45 Zentimetern Höhe über dem Probanden. Auch in dieser Versuchsanordnung konnte zwischen den beiden Gruppen kein Unterschied bei den Gehirnströmen nachgewiesen werden.
In einem weiteren Test zur Lern-, Merk- und Erfassungsleistung von Probanden fand sich kein Einfluß des elektromagnetischen Feldes auf die Resultate. Nach Ansicht des Neuropsychologen Dr. Pasquale Calabrese (Bochum) konnte auch kein Unterschied bei den kognitiven Fähigkeiten der Probanden, die den Funkwellen exponiert waren, zu denjenigen, die nicht exponiert waren, erhoben werden.
Seit einigen Jahren gehen Forscher auch verstärkt der Frage nach, ob hochfrequente elektromagnetische Felder biologische Systeme beeinflussen können. So untersucht Prof. Wolfgang Rüger, Leiter der Arbeitsgruppe Molekularbiologie an der Bochumer Ruhr-Universität, wie elektromagnetische Felder auf die Erbsubstanz von Viren und Bakterien wirken. Dabei wurden Frequenzen von 900 und 1 750 MHz verwendet, die im Mobilfunk üblich sind.
Im Langzeittest mit Viren konnte nach 80 Tagen kein Unterschied im Überleben der exponierten und der Kontrollproben gefunden werden. Es fanden sich auch keine Hinweise auf Brüche oder Reparaturschäden an der DNA. Diese Ergebnisse sind nach Ansicht Rügers auch auf den Menschen übertragbar, da die Erbsubstanz prinzipiell gleich aufgebaut sei. So überzeugend manches Untersuchungsergebnis auch war, letztendlich mußten die Wissenschaftler eines einräumen: Die Befunde gelten nur für hochfrequente elektromagnetische Felder und nur für die jeweils untersuchte Situation. Alle vielleicht längerfristigen oder kumulativen Einflüsse lassen sich mit solchen Studien nicht erfassen. Susi Ajnwojner

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