ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2005Heimliche Vaterschaftstests: Unethisch und bedenklich

POLITIK

Heimliche Vaterschaftstests: Unethisch und bedenklich

Dtsch Arztebl 2005; 102(3): A-89 / B-75 / C-71

Rabbata, Samir; Richter-Kuhlmann, Eva

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LNSLNS Bundesjustizministerin Brigitte Zypries will heimlich vorgenommene Vaterschaftstests unter Strafe stellen und stößt bei Rechtsmedizinern auf Zustimmung.

Extennisstar Boris Becker hat einen gemacht und Fußballwunder Diego Maradona auch. Vaterschaftstests haben Hochkonjunktur – nicht nur bei Superreichen. Seitdem so genannte Test-Kits für wenige Hundert Euro auch im Internet zu haben sind, schicken immer mehr zweifelnde Väter Speichelproben, Babyzahnbürsten oder Haarwurzeln zur Begutachtung der DNA an entsprechende Diagnostik-Institute.
Fünf bis zehn Prozent der bei den Laboren eingehenden Proben werden nach Branchenangaben heimlich eingeholt. Dem will Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) nun einen Riegel vorschieben. „Wir verbieten im Strafgesetzbuch, dass jemand die Post eines anderen liest – da können wir doch nicht erlauben, dass jemand das genetische Material einer anderen Person illegal durchforstet“, meint Zypries. Schließlich gebe es ein Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung.
Nach einem Entwurf des Gendiagnostikgesetzes, der dem Deutschen Ärzteblatt vorliegt, müssen neben dem Vater auch die Mutter und das Kind – soweit es einwilligungsfähig ist – einer Genanalyse zustimmen. Geschieht dies nicht, drohen bis zu einem Jahr Gefängnis, kündigte Zypries an und sorgte damit für eine kontroverse Diskussion.
„Mit einem solchen Gesetz würde die Regierung unnötigerweise Väter kriminalisieren, die von Zweifeln an ihrer Vaterschaft geplagt sind“, meint Henriette Tewes, Geschäftsführerin des Genlabors „Papacheck“ in Geesthacht.
Unterstützt wird Zypries’ Vorstoß indes von vielen Rechtsmedizinern, unter anderem von Prof. Dr. med. Dieter Krause, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Abstammungsbegutachtung: „Heimliche Vaterschaftstests sind unethisch, unsittlich, verfassungsbedenklich und müssen verboten werden.“ Niemand dürfe genetisch ausgeforscht werden – auch kein Kind. „Nur mit einem grundsätzlichen Verbot der heimlichen genetischen Ausforschung kann dem ,gläsernen Menschen‘ entgegengewirkt werden“, meint der Rechtsmediziner der Universität Magdeburg. Denn mit dem Material könne weit mehr als nur die biologische Vaterschaft eines Kindes bestimmt werden.
Doch nicht nur ethische Aspekte halten Abstammungsgutachter von heimlichen Tests ab. „Zu unsicher sind die präanalytischen Bedingungen“, sagt Prof. Dr. rer. nat. Peter M. Schneider, Forensischer Genetiker an der Universität Köln. Es sei weder nachvollziehbar, ob der Einsender die Probe korrekt entnommen hat, noch ob die Probe überhaupt von dem zu testenden Kind stammt.
Aggressive Werbung
Medizinisch beruht der Vaterschaftstest auf der DNA-Analyse einer Gensequenz, die größtenteils aus short tandem repeats (STR, Mikrosatelliten) besteht, die keine Genprodukte kodieren. Im menschlichen Genom existieren Tausende STR-Loci, von denen derzeit etwa 30 hochgradig validiert sind. Entsprechend den Richtlinien der Bundes­ärzte­kammer und des Robert Koch-Instituts von 2002 sollten für einen Vaterschaftstest mindestens zwölf Loci auf zehn verschiedenen Chromosomen untersucht werden. Drei oder mehr Ausschlusskonstellationen erlauben die Aussage (99,99 Prozent), dass der Mann nicht der biologische Vater ist.
Tests-Kits kann man auch über Apotheken oder das Internet beziehen. Alarmiert durch vage Schätzungen, nach denen in Deutschland jedes zehnte Baby als „Kuckuckskind“ zur Welt käme, geben die Deutschen jährlich 40 000 bis 50 000 Tests in Auftrag; davon schätzungsweise 10 000 als heimliche Gutachten. Werbung in U-Bahnen, auf Litfaßsäulen, aber auch TV-Spektakel, bei denen Kandidaten vor laufender Kamera die Herkunft ihres Nachwuchses testen lassen, heizen den Boom weiter an. Studien, die die tatsächliche Zahl der „Kuckuckskinder“ belegen, gibt es jedoch nicht. Schätzungen von Experten liegen bei weitem unter den derzeit kursierenden Angaben. „Nach unseren Hochrechnungen ist maximal jedes 20. Kind betroffen“, sagt Krause.
Für die Wahl eines Sachverständigen für Abstammungsbegutachtung empfiehlt Krause, der gleichzeitig als Vorsitzender der „Kommission zur Feststellung der Qualifikation von Abstammungsgutachtern“* tätig ist, auf die Qualitätskriterien zu achten. Die Einhaltung der Richtlinien werde oft verschleiert dargestellt, indem private Labore eigene „Richtlinien“ erstellten.
Doch auch wenn die Qualität der Begutachtung von heimlich entnommenen Proben den Normen entspricht, war bislang unklar, ob die Tests auch vor Gericht verwertbar sind. So entschied das Landgericht München I im Juli 2003, dass unverheiratete Männer die Abstammung eines Babys ohne Wissen der Mutter überprüfen lassen dürfen (Az: 17HK0 344/03). Die Oberlandesgerichte Jena und Celle wiesen dagegen auf heimliche Vaterschaftstests gestützte Vaterschaftsanfechtungsklagen ab. Das Urteil des Bundesgerichtshofs vom 12. Januar schafft nun Klarheit: Heimliche DNA-Vaterschaftschaftsanalysen sind vor Gericht unzulässig. Der für das Familienrecht zuständige XII. Zivilsenat entschied, dass die Untersuchung des genetischen Materials eines anderen Menschen ohne dessen Zustimmung gegen das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung verstößt und rechtswidrig ist. Dieses Grundrecht des Kindes brauche auch nicht hinter dem Interesse des Mannes zurückzustehen, sich Gewissheit über seine biologische Vaterschaft zu verschaffen.
Sollte es tatsächlich zu einem grundsätzlichen Verbot heimlicher Tests kommen, stellt sich die Frage der juristischen Verwertbarkeit ohnehin nicht mehr. Allerdings ist fraglich, ob die Pläne von Ministerin Zypries in der jetzigen Form Gesetz werden. Führende Grünen-Politiker reagierten brüskiert über den nicht abgesprochenen Vorstoß: Durch die offene Anfechtung der Vaterschaft vor Gericht, der einzigen Alternative zum heimlichen Test, würde den Familien geschadet, erklärte die Grünen-Fraktionschefin im Bundestag, Katrin Göring-Eckhardt.
Rechtsmediziner Krause verweist jedoch darauf, dass jeder Vater auch nach Gültigkeit des Gendiagnostikgesetzes die Chance habe, seine biologische Vaterschaft privat und ohne Gerichtsverfahren kontrollieren zu lassen. „Nämlich dann, wenn der Test in Abstimmung mit der Mutter erfolgt.“ Dieser Fakt werde häufig von Politikern unterschlagen, um Wählerstimmen zu gewinnen, meint der Abstammungsgutachter.
Zudem gibt es nach Einschätzung des Kölner Genetikers Schneider eine Vielzahl von Alternativen zu der geplanten gesetzlichen Regelung. Eheliche Väter mit Sorgerecht sollten seiner Ansicht nach das Recht erhalten, sich mit dem Kind in einem seriösen Institut ohne Zustimmung der Mutter rechtsgültig testen zu lassen. Nichteheliche Väter sollten vor der Anerkennung der Vaterschaft über die Möglichkeit eines Tests informiert werden, meint Schneider. Mütter würden in dieser Situation einen Test kaum verweigern, um Zweifel an der Vaterschaft auszuräumen.
Samir Rabbata, Dr. med. Eva A. Richter-Kuhlmann

* Der Kommission zur Feststellung der Qualifikation von Abstammungsgutachtern obliegt gemäß den Richtlinien der Bundes­ärzte­kammer und dem Robert Koch-Institut (DÄ, Heft 10/2002) die Prüfung der Qualifikation von Sachverständigen sowie des nachzuweisenden Qualitätsmanagement-Systems nach Ziffern 3 und 5 der Richtlinien. Sie vergibt ein geschütztes Qualitätssiegel. www.kfqa.de
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