ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2005Interview mit Dr. med. Mihaly Kökeny

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Interview mit Dr. med. Mihaly Kökeny

Dtsch Arztebl 2005; 102(3): A-114 / B-92 / C-88

Merten, Martina

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Foto: Passauer Verlagsgruppe
Foto: Passauer Verlagsgruppe
Dr. med. Mihaly Kökeny am Rande einer Veranstaltung der Passauer Verlagsgruppe über „Gesundheitspolitik im vereinten Europa“ in Freiburg

DÄ: Herr Kökeny, Sie sind im Oktober 2004 von Ihrem Posten als ungarischer Ge­sund­heits­mi­nis­ter zurückgetreten. Welche Gründe gab es?
Kökeny: Die alte Regierung unter Ministerpräsident Péter Medgyessy musste aufgrund einer Regierungskrise abdanken. An der neuen Regierung unter Ministerpräsident Ferenc Gyurcsàny bin ich leider nicht beteiligt worden. Während der Dauer der letzten Regierung haben wir eine Gesundheitsreform vorbereitet, mit der viele nicht einverstanden waren. Unser Reformprogramm war eine Mischung aus dem amerikanischen „managed care“- und dem englischen „fund holding“-System. Im Rahmen dieses Reformprogramms wären die Ärzte dazu gezwungen worden, Patienten tatsächlich die Dienstleistungen zu bieten, die notwendig sind. Dies war nicht unumstritten, aber ich bin der Meinung, dass dieser Schritt in die richtige Richtung geführt hätte. Es kam außerdem zu Auseinandersetzungen darüber, wie man die Managed-Care-Systeme privatisieren könnte. Dabei prallten die Vorschläge der neuen Regierung und die der alten aufeinander. Ich nehme an, dass kein Programm fortgesetzt werden sollte, was mit meinem Namen verbunden ist.

DÄ: Sehen Sie in Ihrer jetzigen Situation Parallelen zu Ihrer Vorgängerin Judith Csehak, die aufgeben musste, weil die Umsetzung ihrer Reformziele durch Budgetkürzungen nicht mehr realistisch schien?
Kökeny: Es gibt Parallelen zu meiner Vorgängerin – ursprünglich haben wir gemeinsam diesen Reformprozess geplant, und trotz gegenteiliger Vermutungen gibt es auch mit der Gesundheitspolitik der Rechtsregierung gemeinsame Schnittpunkte. Das (jetzige) zehnjährige Volksgesundheitsprogramm ist von der Rechtsregierung ausgearbeitet worden, aber letztlich haben wir es vor das Parlament gebracht. Sowohl für meine Vorgängerin als auch für meinen jetzigen Nachfolger war und ist es eine Priorität, die schnelle gesundheitliche Vorsorge, sprich die Ambulanzen und die Notarztsysteme, effektiver zu gestalten.

DÄ: Worin liegen die Schwächen des ungarischen Gesundheitssystems?
Kökeny: Als Politiker muss ich zunächst einmal die Stärken herausstellen: Das Gesundheitssystem in Ungarn ist in Ordnung, Epidemien oder Infektionskrankheiten, die sich sehr schnell verbreiten würden, kommen in Ungarn nur sehr selten vor. Eine der größten Stärken des gesamten Systems ist zudem die Erreichbarkeit ärztlicher Dienstleistungen. Es gibt ein hervorragend ausgebautes Hausarztsystem, die Wartezeiten sind im Rahmen des Erträglichen, und die Bevölkerung hat einen sehr schnellen Zugang zu ärztlichen Dienstleistungen.

DÄ: Was heißt schnell?
Kökeny: Wenn der Hausarzt jemand für komplizierte Operationen in ein Krankenhaus einweist, muss der Patient in der Regel nirgendwo länger als ein paar Wochen warten.
Unser Problem ist jedoch, dass wir ein sehr krankenhauszentralistisches System haben, dessen Struktur nicht mehr den Bedürfnissen der Bevölkerung entspricht. Der größte Teil der Bevölkerung besteht aus älteren Leuten, und die wollen Rehabilitationsmöglichkeiten oder institutionelle Pflege. Auf diesen Gebieten hapert es noch ein bisschen. Die Ärzte wollen, dass die Leute im Krankenhaus behandelt werden, weil sie daran mehr verdienen. Außerhalb der Krankenhäuser ist leider nur wenig möglich. Hinzu kommt, dass die Ärzte durch dieses System daran gewöhnt sind, ihre „Taschengelder“ von den Patienten zu bekommen. Zu dieser Vorgehensweise ist man bereits in den Fünfzigerjahren übergegangen, weil damals die Gehälter sehr niedrig waren. Diese Last schleppt das System noch heute mit sich herum. Manche messen diesem Punkt allerdings zu große Bedeutung bei, dabei gibt es von Krankenhaus zu Krankenhaus sehr große Unterschiede. Aber das kann nicht so weitergehen.

DÄ: Stimmen die Korruptionsvorwürfe, die an die Adresse der Selbstverwaltungsgremien der nationalen Kran­ken­ver­siche­rung gerichtet werden?
Kökeny: Innerhalb des Ministeriums beziehungsweise innerhalb der Gesundheitskasse habe ich Korruption eigentlich nicht erlebt. Dagegen kam es häufiger vor, dass zum Beispiel Pharmafirmen sich aus der Gesundheitskasse des Ministeriums auf illegale Weise bestimmte Daten besorgt haben und im Besitz dieser Daten bestimmte Medikamente bevorzugt verschreiben ließen.
Wichtig ist, dass wir das ganze System transparent machen und die Patienten wagen zu fragen, was mit ihnen passiert. Sie sollten nicht einfach daliegen und alles über sich ergehen lassen, sondern wir müssen ihr Bewusstsein stärken, damit sie stärker nachfragen lernen, was eigentlich in diesem System passiert, und lernen, dass sie für die Inanspruchnahme ganz normaler Dienstleistungen kein Geld geben müssen. Eine Veränderung in den Köpfen der Ärzte kann nur dann gelingen, wenn man ihre Gehälter erhöht. Das haben wir auch vor zwei Jahren getan: um 50 Prozent.

DÄ: Von welchem Geld?
Kökeny: Wir haben die Gehaltserhöhung aus dem Staatshaushalt finanziert. Den Ärztemangel konnten wir dadurch zwar nicht lösen, aber es kamen die Personen, die zuvor bei verschiedenen Einzelhandelsunternehmen gearbeitet hatten, in die Krankenhäuser zurück. Die Durchschnittsverdienste der Fachärzte, die Überstunden und Notdienste machen, bewegen sich nun zwischen 900 und 1 000 Euro brutto, und damit rangieren wir unter den neuen Beitrittsländern in der oberen Region.

DÄ: Welche weiteren Reformschritte haben Sie versucht umzusetzen?
Kökeny: Wir haben versucht, die Notarztversorgung so auszubauen, dass nur noch in einem und nicht mehr an verschiedenen Krankenhäusern Ressourcen konzentriert werden. Darüber hinaus wollten wir die Geldvergabestruktur der Kassen an die Krankenhäuser verändern: Regionen, in denen sich Krankenhäuser spezialisiert haben, sollten verstärkt unterstützt werden, Geld von nicht spezialisierten Häusern dagegen abgezogen werden.
Zudem gibt es bei uns auch Überlegungen, ein Pflegeversicherungssystem wie in Deutschland einzuführen, jedoch nicht auf sozialversicherungsrechtlicher, sondern auf Kapitalbasis. In Ungarn wird viel darüber diskutiert, wie man privates Kapital in das Gesundheitssystem integriert. Dass man es integrieren muss, steht außer Frage. Die Besserverdienenden haben sich mit den Ultrarechten zusammengetan und erreicht, dass im Dezember 2004 das gesamte Volk darüber abstimmen wird*. Ohne privates Kapital könnten wir in Ungarn beispielsweise keine Dialysestation einrichten oder keine CTs machen. Wir machen all diese Dinge mit Geldern von Privatinvestoren, und das funktioniert auch sehr gut.

DÄ: Um welche Investoren handelt es sich dabei?
Kökeny: Privatinvestoren aus dem Gesundheitsbereich, aber auch internationale Investoren und ungarische Firmen. Es entstehen so genannte PPP(Public Private Partnership)-Modelle. Wir geben den Investoren die Möglichkeit, im Rahmen des Gesundheitssystems moderne Instrumente einzubringen, mit ihnen zu arbeiten, und dafür werden sie aus dem Gesundheitsetat finanziert.
Für die Reform des Systems ist es außerdem wichtig, dass wir für alle Mitarbeiter im Gesundheitswesen eine Lebenswegplanung vorgeben, damit sie sich in diesem System zurechtfinden und damit das brain drain – das Abwandern von jungen Ärzten – in den Westen nicht mehr stattfindet. Es ist schon jetzt spürbar, dass junge Leute wegwollen. Von allen im Gesundheitswesen beschäftigten Ärzten hat sich in den letzten Monaten ein Prozent der Ärzte bereit erklärt, innerhalb der Europäischen Union ins Ausland zu wechseln. Das ist zwar keine große Gefahr, aber ein Zeichen dafür, worauf wir achten sollten. DÄ-Interview: Martina Merten

* Aufgrund der geringen Wahlbeteiligung von 37 Prozent scheiterte das Volksbegehren vom 5. Dezember. Auf die Frage „Sind Sie gegen die Privatisierung von Krankenhäusern?“ antworteten 65 Prozent mit Ja.


Dr. med. Mihaly Kökeny
- 1951 geboren
- 1979: Facharzt für Innere Medizin
- 1981: Facharzt Kardiologie
- 1979 bis 1986: zunächst Referent, dann Abteilungsleiter im Ge­sund­heits­mi­nis­terium
- 1986 bis 1988: Ministerialbüro, verantwortlich für das Gesundheitsprogramm
- 1988 bis 1990: stellvertretender Ge­sund­heits­mi­nis­ter
- seit 1991: Mitglied der Ungarischen Sozialistischen Partei (MSZP)
- 1990 bis 1994: Chefarzt am Landesinstitut für Kardiologie
- seit 1994: Abgeordneter der MSZP im Parlament
- 1994 bis 1996: Parlamentarischer Staatssekretär im Ge­sund­heits­mi­nis­terium
- 1996 bis 1998: Ge­sund­heits­mi­nis­ter
- 1998 bis 2002: Obmann des Gesundheitsausschusses im Parlament
- 2002 bis September 2003: Parlamentarischer Staatssekretär
- 16.September 2003 bis Oktober 2004: Ge­sund­heits­mi­nis­ter
- seit Oktober 2004: weiterhin parlamentarischer Abgeordneter; Nachfolger von Kökeny: Dr. Jeno Rács (MSZP)
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