ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2005Spätabbruch und Fetozid: Ausnahmesituation für Schwangere und Arzt

SPEKTRUM

Spätabbruch und Fetozid: Ausnahmesituation für Schwangere und Arzt

Dtsch Arztebl 2005; 102(3): A-132 / B-107 / C-103

Friese, Klaus

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LNSLNS Seit Hippokrates gehört es zur Pflicht und zum Selbstverständnis ärztlichen Handeln, menschliches Leben zu schützen und zu bewahren. Diese Verpflichtung besteht für Ärztinnen und Ärzte bis heute uneingeschränkt, jedoch kann der zunehmende, insbesondere technisch-diagnostische Erkenntnisgewinn in der Medizin hier zu schweren Konflikten führen.
Die vorgeburtliche Untersuchung, labortechnisch oder sonographisch, die sich in den letzten 20 Jahren des vergangenen Jahrhunderts rasant entwickelt hat, gibt heute eine völlig neue Situationsanalyse des ungeborenen Kindes. Während in der Vergangenheit zum Beispiel präpartale sonographische Untersuchungen die kindliche Lage, Mehrlinge, fetale Größe und Vitalität belegten, ist mittlerweile durch hochauflösenden Ultraschall oder 3-D-Technik eine subtile Feindiagnostik des Feten möglich.
Diese Option beinhaltet, dass fetale Befunde erhoben werden, teilweise auch bei fortgeschrittener Schwangerschaft, die mit einem menschenwürdigen Leben oder postpartaler Vitalität nicht vereinbar sind.
Sehr ausführlich hat sich die Arbeitsgruppe „Schwangerschaftsabbruch nach Pränataldiagnostik“ in einer Publikation im Deutschen Ärzteblatt 1998 (1) dieser Problematik angenommen. Die in diesem Heft publizierte Arbeit (2) „Spätinterruptio und Fetozid – das Kieler Modell. Juristische und gynäkologische Überlegungen“ versucht vor allem Rechtssicherheit in der Entscheidungsproblematik zu vermitteln, was für die Betroffenen eine Entlastung darstellt. Außen vor bleibt die ethische Relevanz und die nicht zu umgehende schwerwiegende psychische Belastung für Schwangere beziehungsweise ihre Partner und die eingebundenen Ärzte. Der Pränatalmediziner muss gegebenenfalls unter sonographischer Sicht durch Punktion fetales Leben beenden und konstatieren, wenn der intrauterine Tod eingetreten ist. Viele Schwangere und Pränatalmediziner fühlen sich in dieser Situation allein gelassen vom persönlichen Umfeld, den sozialen Hilfsdiensten, aber auch von medizinischen Kollegen unverstanden. Andererseits kann mit eben gleicher Nadeltechnik fetales Leben sehr oft gerettet werden, zum Beispiel durch eine intrauterine Bluttransfusion bei einer kindlichen Anämie durch eine Ringelröteln-Infektion.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wird von der CDU/CSU-Bundestagsfraktion eine Gesetzesnachbesserung zur Vermeidung später Schwangerschaftsabbrüche gefordert (CDU/CSU-Fraktion „Vermeidung von Spätabtreibungen – Hilfen für Eltern und Kinder“). Eine Arbeitsgruppe der Bundes­ärzte­kammer und der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V. arbeitet ebenfalls intensiv an der gleichen Thematik. Es bleibt offen, ob diese Initiativen die Konfliktsituation für alle Betroffenen entschärfen können.

Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2005; 102: A 132 [Heft 3]

Literatur
1. Bundes­ärzte­kammer: Bekanntmachungen: Erklärung zum Schwangerschaftsabbruch nach Pränataldiagnostik. Dtsch Ärztebl 1998; 95: A3013–3016 [Heft 47].
2. von Kaisenberg CS, Jonat W, Kaatsch HJ: Spätinteruptio und Fetozid – das Kieler Modell. Juristische und gynäkologische Überlegungen. Dtsch Arztebl 2005; 102: 133–136 [Heft 3].

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Klaus Friese
Universtitäts-Frauenklinik
Ludwig-Maximilians-Universtität München
Maistraße 11
80337 München
E-Mail: klaus.friese@fk-i.med.uni-muenchen.de
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