VARIA: Post scriptum

Geliebte Zeitnot

Pfleger, Helmut

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Der Bamberger Neurologieprofessor Dr. med Peter Krauseneck muss etwas falsch verstanden haben. Natürlich hat er seinen Hippokrates eifrig studiert und ist vermutlich auch auf die Stelle gestoßen, wonach viele Krankheiten allein durch Ruhe und Enthaltsamkeit geheilt werden. Doch kein Wort schrieb der Urvater aller Ärzte in diesem Zusammenhang über die beklagenswerte Krankheit der Zeitnot, insbesondere beim Schach. Dagegen hilft nur die Tugend der Rechtzeitigkeit, selbstredend schon ante festum – sofern wir eine Schnellschachpartie beim Deutschen Ärzteturnier einmal als Fest betrachten wollen.
Trotz etlicher Ermahnungen des Chronisten – letztere via beider Leib- und Magenlektüre, das „Deutsche Ärzteblatt“ – frühstückt Prof. Krauseneck wie immer seelenruhig und „auf den letzten Drücker“, obwohl seine Schachuhr im Turniersaal zur Freude seines Gegners schon munter vor sich hin tickt. So sei es schon zu Schulzeiten gewesen. Ein leerer Bauch studiert nicht gern! Punktum.
Nun mag ja das vegetative Innenleben eines Neurologen verborgene Ressourcen bereithalten, von denen wir Normalsterblichen nur träumen können, doch sicher gesellt sich auch bei ihm zum Parasympathicus ein Sympathicus, sprich die Lust an der Schnelligkeit, am Kitzel, an den Wonnen, unter Zeitnot. Ich habe einmal Karpow und Kasparow bei ihren WM-Kämpfen gefragt, warum sie gegen alle praktische Vernunft immer wieder in Zeitnot geraten und so schon einmal grobe Fehler begehen. Die Anwort: Sie können dem Sog nicht widerstehen, alle Tiefen auszuloten. Und Kortschnoi, das dritte große „K“, meinte gar, er sei im Grunde immer ein „Amateur“ geblieben, der in Zeitnot statt einer pragmatischen Vereinfachung unvernünftig halsbrecherische Komplikationen suche.
Womit ich beim vierten „K“ bin. All diese beklagens- beziehungsweise lobenswerten Eigenschaften teilt Peter Krauseneck mit den Herren Karpow, Kasparow und Kortschnoi. Einen kleinen Unterschied gibt es allerdings schon – jene erscheinen rechtzeitig zum Frühstück. Aber jetzt nur noch Schach.
Sehen Sie, welche gewinnbringende Abwicklung Prof. Krauseneck als Schwarzer am Zug gegen Dr. med. Thomas Wolf bei der letzten deutschen Ärztemeisterschaft erspähte?

Lösung:

Nach dem Damentausch 1. . . . Dxc3 2. Sxc3 biss sein Springer c6 trotz des hängenden Kompagnons e7 auf d4 zu: 2. . . . Sxd4!
3. Lxe7 und fand nach der Springergabel 3. . . . Sxc2+ 4. Kd1 Sxa1 5. Lxf8 Kxf8 6. a5 Sb3 auch wieder heil nach Hause, um zwei siegbringende Bauern im Gepäck schwerer.

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