ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/1996Aus dem Alltag eines Arztes: Ratschläge für jede Lebenslage

VARIA: Feuilleton

Aus dem Alltag eines Arztes: Ratschläge für jede Lebenslage

Reinfrank, Arno

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LNSLNSLNSLNS "Man kann sich seiner Haut nicht erwehren", sagte der Internist Dr. D. "Wo man auftaucht, immer dasselbe."
Er bezog sich auf die Penetranz gewisser Herrschaften, auf jeder beliebigen Abendgesellschaft, im Privathaus oder im Restaurant, einen Arzt um medizinische Tips "anzupumpen". Kaum betritt er den Raum, fühlt sich dieser oder jener der Gäste wie magisch in seine Nähe gezogen. Dem Entkommen von Weiterem stehen Schwierigkeiten im Wege.
Der solcherart zum Opfer Auserkorene, durch Zunicken von der Gegenseite ermuntert, frei von der Leber auszupacken, mag durchaus Sympathien für Yoga, Akupunktur, braunen Reis und japanischen Dörrfisch hegen. Die Fragekaskaden aber hindern ihn, an der leichtherzigen, erholsamen Konversation mit den übrigen Anwesenden teilzunehmen. Was muß er sich in seiner Freizeit die Aufzählung von dazu meist eingebildeten Symptomen anhören? Um zu geistvollen Schlüssen zu gelangen, wäre eine Untersuchung nötig, und die wiederum verlangt das Entkleiden. Man hüte sich davor, sagte Dr. D., etwas Derartiges auch nur zu erwähnen. Zweimal passierte ihm, daß ungeachtet der anderen im Raum die Gesundheitsschlaucher sich anschickten, sich vor ihm zu entblößen. Die Zunahme des Bewußtseins von einer leicht zu beschädigenden Umwelt, gar einer Umwelt, die bereits grausliche Schäden vorweisen kann, veranlaßt diese Personen, sich an den Arzt zu heften wie Metallstaub an den Magneten. Wer sonst, wenn nicht er, ist der Gesundheitsexperte? Wie beurteile er den Mangan-Gehalt im Broccoli? Wird Hummer im Mikrowellenherd in seiner chemischen Substanz beeinträchtigt, und kann das nicht zu Hautausschlägen führen? Himmel, es ist für diese Greuel kein Ende abzusehen.
Vernünftige Methoden, das Gespräch von Rheumatismus, Migräne und Arthritis abzulenken, versagen so gut wie immer. Einem aus jeder Pore Nikotin verströmendem Bankier anzuraten, auf Zigaretten zu verzichten, ist so erfolgreich wie der Rat an eine Übergewichtige, den Hummer wegzulassen. Beratungsecken in Zeitschriften, Fernsehen und Radio motivieren sie. Sie bestehen auf der Erfüllung ihrer Erwartungen.
Man könnte den Rezeptblock aus der Tasche ziehen, was Harmloses verschreiben, und am nächsten Tag eine saftige Rechnung hinterherschicken. Dr. D. entschloß sich zur Herausgabe eines Taschenbuches mit dem Titel "Medizinische Gefahren des Lebens". Er sagte: "Dem Frager empfehle ich, es zu erwerben, es enthalte alle Antworten. Diese Methode ist narrensicher. Zwar wird er mein Buch weder kaufen noch lesen, doch für den Rest des Abends habe ich ihm den Mund gestopft!" Arno Reinfrank
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