ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2005Kassenärztliche Bundesvereinigung: Selbstbewusste Doppelspitze

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Kassenärztliche Bundesvereinigung: Selbstbewusste Doppelspitze

Rabbata, Samir

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Der Chirurg Dr.med.Andreas Köhler (r.) und Hausarzt Ulrich Weigeldt wollen als neuer KBV-Vorstand „an einem Strang ziehen“. Foto: KBV
Der Chirurg Dr.med.Andreas Köhler (r.) und Hausarzt Ulrich Weigeldt wollen als neuer KBV-Vorstand „an einem Strang ziehen“. Foto: KBV
Die neuen Vorstände der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. med. Andreas Köhler und Ulrich Weigeldt, sehen in den neuen Vertragsformen
zwar Chancen, am Kollektivvertragssystem wollen sie aber festhalten.

Als gelernter Bundeswehroffizier redet der neue Erste Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Andreas Köhler, gerne Klartext. So auch bei der offiziellen Vorstellung der künftigen KBV-Strategie am 27. Januar in Berlin. Sein Partner im neuen zweiköpfigen KBV-Vorstand, der Bremer Hausarzt Ulrich Weigeldt, steht ihm mit seinem trockenen norddeutschen Charme in nichts nach. Kurz und bündig skizzierten beide ihr wichtigstes Ziel für die nächsten Jahre: für Ärzte die bestmöglichen Arbeitsbedingungen schaffen, um eine optimale Versorgung für die Patienten sicherzustellen. „In diesem Sinn verstehen wir uns als Team, das gemeinsam an einem Strang zieht“, erklärte Köhler.
Für Köhler und Weigeldt, die zu Jahresbeginn als erste hauptamtliche Vorstände den bisherigen KBV-Vorstand um Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm ablösten, ist der Weg dorthin steinig. Intern gilt es, auf eine Neuausrichtung der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) zur Bewältigung ihrer künftigen Aufgaben hinzuarbeiten und nach außen Geschlossenheit herzustellen. „Der Aufspaltung in ein Haus- und ein Fachärztelager werden wir mit aller Kraft entgegenwirken“, stellte der Chirurg Köhler klar. Letztlich werde von der Einigkeit der Ärzte abhängen, welche Rolle die KVen spielen werden.
Auf Bestandsschutz der Politik können die Kassenärztlichen Vereinigungen jedenfalls nicht hoffen. Dies zeigte schon ein Vorentwurf der rot-grünen Bundesregierung zum späteren GKV-Modernisierungsgesetz, in dem der Einfluss der KVen massiv beschnitten werden sollte. Konnte dies noch weitgehend abgewendet werden, droht mit der möglichen Einführung einer Bürgerversicherung neues Ungemach. So könnten die KVen im Sog des großen Systemwechsels gleich mit weggespült werden. Ein Eckpunktepapier der SPD lässt sich zumindest dahingehend interpretieren.
Wohl auch deshalb geht die neue KBV-Führung in die Offensive. Sowohl Köhler wie Weigeldt betonten, keine rückwärts gewandte Klientelpolitik betreiben zu wollen. Im Gegenteil: An der Weiterentwicklung neuer Vertragsformen wolle man sich beteiligen. „Wir als KBV haben überhaupt keine Angst, uns dem Wettbewerb zu stellen“, zeigte sich Köhler selbstbewusst. Gerade bei der Integrierten Versorgung könne man „wertvolles Know-how“ einbringen. Um Vertragsärzten im Dickicht der neuen Versorgungsformen Orientierung zu bieten, sollen die KVen stärker beratend tätig werden. „In Zukunft werden wir noch mehr die Chance nutzen, gegenüber den niedergelassenen Ärzten als Dienstleister aufzutreten“, kündigte Weigeldt an.
Gänzlich neu ist das Bekenntnis der KBV zu mehr Wettbewerb allerdings nicht. Insbesondere Verträge zur Integrierten Versorgung wurden auch unter dem früheren Vorstand als sinnvolles Zusatzangebot betrachtet. Der Vorstoß ist deshalb als erneutes Signal an die Politik zu verstehen: Die KBVwill sich nicht länger den Stempel des Blockierers aufdrücken lassen. Denn am Kollektivvertragssystem wollen auch Köhler und Weigeldt nicht rütteln. Die KVen stünden für eine flächendeckende und wohnortnahe Versorgung. „Das Recht der freien Arztwahl wird von den Patienten hoch geschätzt“, sagte Köhler. Zudem sei das derzeitige System ein wichtiger Faktor zur Sicherung des sozialen Friedens. Zu seinem Erhalt bedürfe es der Kassenärztlichen Vereinigungen.
So sehen das offenbar auch die Versicherten. Rund zwei Drittel fühlen sich im vorhandenen System der Selbstverwaltung nach wie vor gut aufgehoben. Dies ergab eine repräsentative Infas-Untersuchung im Auftrag der Universität Passau. Von den Parteien sehen sich dagegen knapp 40 Prozent der Befragten gar nicht gesundheitspolitisch vertreten. Köhler forderte die Politik auf: „Wer ein anderes System anstrebt, soll dies den Bürgern offen sagen.“
Um die Akzeptanz der ärztlichen Selbstverwaltung weiter zu stärken, sieht der neue Vorstand aber auch die Notwendigkeit, Nutzen und Leistungsumfang der KVen deutlicher zu vermitteln. Köhler verwies auf die hohen Qualitätsanforderungen, denen niedergelassene Ärzte unterliegen. Weder in der privaten Kran­ken­ver­siche­rung noch in den Krankenhäusern finde ein vergleichbares Management statt.
Um die Patienten über die Qualifikationen der einzelnen Vertragsärzte zu informieren, plant die neue KBV-Spitze in den nächsten zwei bis drei Jahren, erstmals Qualitätslisten zu veröffentlichen. Nach Meinung Köhlers haben Versicherte ein Interesse daran, beispielsweise bei einem ambulanten Eingriff am Kniegelenk einen guten Operateur aufzusuchen. „Es wäre gut, wenn der Patient im Internet sehen könnte, welcher Arzt in seiner Region solche Eingriffe wie häufig vornimmt.“
Zwar begrüßten Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt und Verbraucherschützer den KBV-Vorschlag, dennoch sind Qualitätslisten nicht unumstritten. Dies zeigte die kontroverse Diskussion über die Einführung von Mindestmengen für bestimmte Eingriffe in Krankenhäusern beim letztjährigen Deutschen Ärztetag. Eindeutige wissenschaftliche Belege, dass die Zahl der vorgenommenen Operationen generell etwas über die Qualität der Leistung aussagt, gibt es kaum. Köhler warnt denn auch vor zu großen Erwartungen. So lasse sich etwa die Qualität eines hausärztlichen Patientengesprächs nicht messen. Auch Empfehlungen für bestimmte Ärzte werde die KBV aus berufsrechtlichen Gründen nicht abgeben können.
Anreize für Ärzte schaffen
Um den grassierenden Ärztemangel insbesondere in ländlichen Gebieten einzudämmen und bereits bestehende Versorgungslücken zu schließen, will der KBV-Vorstand neben Krankenkassen auch staatliche Stellen in die Pflicht nehmen. Schon jetzt fehlten vielerorts Hausärzte. In fünf bis sechs Jahren werde sich dieser Mangel auch auf Augenärzte, Hals-Nasen-Ohren-Ärzte und Kieferchirurgen ausdehnen. Wie es bei Unternehmen längst üblich ist, sollten die Kommunen die Ansiedlung von Ärzten durch finanzielle Anreize fördern, forderten Köhler und Weigeldt. Das Arztsein müsse insgesamt wieder attraktiver werden. Samir Rabbata
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