ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/1996Börsebius zum Börsensturz: Schnelles Happy End

VARIA: Schlusspunkt

Börsebius zum Börsensturz: Schnelles Happy End

Rombach, Reinhold

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Alan Greenspan ist ein mächtiger Mann. Vor ihm zittern die Finanzmärkte der Welt, und wehe, es entschlüpft ihm eine Äußerung, der sich entnehmen ließe, der Dollar sei zu hoch oder zu niedrig, die Mark zu stark oder zu schwach, und so fort – dann ist ein Beben an jedwedem Börsenplatz gewiß.
So geschah es denn auch am 6. Dezember 1996. Der Chef der Amerikanischen Notenbank sagte auf einem Kongreß so ganz nebenbei folgende Ungeheuerlichkeit: "Aber wie wissen wir, wann rationaler Überschwang die Asset-Werte unangemessen hinaufgetrieben hat, die dann Gegenstand unerwarteter und langanhaltender Kontraktionen werden, so wie das in Japan im vergangenen Jahrzehnt der Fall war?"
Das so Dahingesagte flitzte in Sekundenschnelle um den Globus, und die Akteure an den Finanzmärkten schlossen aus den Äußerungen messerscharf zwei Fakten: Erstens beurteilt der oberste amerikanische Geldwächter die Aktien ("Assets") als unangemessen hoch, und zweitens rechnet er mit einem langen Kursverfall, der die Börsen auch noch unvorbereitet träfe. Der japanische Aktienindex Nikkei verlor daraufhin binnen weniger Minuten mehr als 3 Prozent, und der Deutsche Aktienindex DAX knickte am nächsten Tag noch mehr ein. Mit über 4 Prozent ging es hier fast schon crashartig zu. Der Einbruch zog sich durch alle Bereiche, von dem auch der Börsenneuling Deutsche Telekom mit einem Verlust von 1,06 Mark auf 31,74 Mark nicht verschont blieb. So erlebten die Börsianer den stärksten Kurseinbruch in Deutschland seit dem Gorbatschow-Putsch im Jahre 1991.
Am darauffolgenden Montag war der Spuk schon wieder vorbei. Das sei alles nicht so ernst zu nehmen, Greenspan habe das doch nicht so eng gesehen, machten sich die Experten Mut. Und siehe da, die Weltbörsen reagierten erleichtert. Binnen zwei Tagen stiegen die Kurse wieder auf ihr altes Rekordniveau. Die Ängste umsonst ausgestanden. Ein Blitz-Happy-End sozusagen. Wirklich? In Wahrheit hat Alan Greenspan überhaupt nichts Ungeheuerliches gesagt, sondern nur die Realität geschildert. Vertreter der amerikanischen Zentralbank machen seit geraumer Zeit nämlich überhaupt keinen Hehl aus ihrer Meinung, daß sich die Aktienmärkte in der Tat auf viel zu luftigen Höhen bewegen. Und daß die unangenehme Aufgabe immer näher rückte, die Blase anzupieksen.
Übrigens, Greenspan sagte eben auf diesem Kongreß aber auch, daß man einen Börsenkrach so lange nicht zu fürchten brauche, solange er sich nicht auf die reale Wirtschaft auswirken würde. Genau darum geht es. Wenn sich die Herren sicher wären, daß ein Crash die reale Wirtschaft nicht tangierte, hätten sie ihn jetzt zugelassen. Doch ob mit diesem kurzen Happy End die Geschichte schon zu Ende erzählt ist, kann durchaus bezweifelt werden. Börsebius
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote