Archiv5/2005Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Deutschland: Ein Ost-West-Vergleich von Wöchnerinnen
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LNSLNS Auch wenn noch Unterschiede in der Beurteilung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zwischen den alten und neuen Bundesländern zu finden sind, zeichnet sich ein Angleichen des reproduktiven Verhaltens in Deutschland ab.
Die vorliegende Untersuchung setzt sich mit der Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie in den alten und den neuen Bundesländern auseinander. Zu diesem Zweck wurden 5 143 Wöchnerinnen nach spezifischen Einstellungen befragt, die einen Einfluss auf die zu erwartende Kinderzahl pro Frau haben könnten. Dies erfolgte in der Annahme, dass sich die unterschiedlichen persönlichen Kindheitserfahrungen in beiden Teilen Deutschlands auch noch circa zehn Jahre nach der Wende in den Untersuchungsergebnissen widerspiegeln. Die Ergebnisse dieser Erhebung zeigen, dass Frauen aus den neuen Bundesländern es generell einfacher einschätzen, Beruf und Familie miteinander zu verbinden, als Frauen aus den alten Bundesländern.
Der Kinderwunsch junger Frauen in Deutschland ist sowohl in der Fachliteratur als auch in der öffentlichen Presse ein viel diskutiertes Thema (3, 8, 17). Schon 1936 beschäftigte sich Jacobsen mit der Entstehung des weiblichen Kinderwunsches und folgerte, dass es sich dabei nicht um ein triebimmanentes Bedürfnis handele, sondern der Kinderwunsch, wie auch die tatsächlich realisierte Kinderzahl, Resultat der individuellen Persönlichkeitsentwicklung sei, die wandelnden gesellschaftlichen Prozessen unterliegt (4, 14, 24). Der Kinderwunsch stellt eine Biografieentscheidung dar, die im Geflecht der Individual- und Makroebene getroffen wird (9, 13, 22). Als Gegenstand der bewussten Lebens- und Familienplanung (4) setzt er eine Wahlfreiheit voraus, die überhaupt erst durch zuverlässige Kontrazeption ermöglicht wurde. Unumstritten ist die multifaktorielle Bedingtheit des Kinderwunsches wie auch der tatsächlich realisierten Kinderzahl. Dabei ist anzunehmen, dass vor dem Hintergrund des Funktionswandels von Kindern die aktuellen Lebensbedingungen stärkeren Einfluss auf die Intensität eines Kinderwunsches ausüben als antezedente Faktoren. So sind zum Beispiel das Alter, der erreichte Bildungsgrad, die berufliche Position, das verfügbare Haushaltseinkommen, die Partnerzufriedenheit und das bereits Vorhandensein von Kindern stärker mit dem Kinderwunsch assoziiert als das erinnerte Erziehungsverhalten der Eltern während der eigenen Kindheit und Jugend (8, 24). Zwar werden generative Entscheidungen in zunehmendem Maß von beiden Partnern gemeinsam getroffen, dennoch gehen nach wie vor Frauen arbeitsbiografische Kompromisse bei der Geburt von Kindern ein (1, 11).
Die Total Fertility Rate (TFR), das heißt die von einer Frau durchschnittlich zu erwartende Kinderzahl in ihrer reproduktiven Phase, ist für Gesamtdeutschland in den vergangenen 40 Jahren von knapp 2,4 auf 1,34 Kinder je Frau gesunken (Grafik 1). Jedoch wären mindestens 2,08 Kinder je Frau zur Reproduktion eines Bevölkerungsjahrgangs notwendig (15).
Das Sinken der TFR ging mit der Relativierung des Bildes von einer Kleinfamilie einher. Wie schon vor der Zeit des Bürgertums bilden sich seit den Sechzigerjahren Familien- und Lebensformen, die nicht durch Verwandtschaftsbeziehungen gekennzeichnet sein müssen. Gleichzeitig führen die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse (unter anderem Säkularisierung, Deinstitutionalisierung, Individualisierung) zu einer Destandardisierung des Lebenslaufs, was unter anderem auch den Anstieg der Zahl berufstätiger Frauen bedingt. Grafik 1 verdeutlicht den Einbruch der TFR in den alten und neuen Bundesländern seit Anfang der Siebzigerjahre. Die Entwicklung der TFR wurde von einer enormen Rechtsverschiebung der altersspezifischen Geburtenverteilung begleitet, sodass neben der sinkenden Fertilität auch ein steigendes durchschnittliches Geburtenalter in der Querschnittsbetrachtung zu beobachten ist.
In der DDR wurde zumindest für einen kurzen Zeitraum durch eine gezielte familienfreundliche Sozialpolitik die negative Entwicklung der TFR gestoppt und in einen positiven Verlauf umgekehrt. Dies war vor allem auf einen Anstieg der Zweit- und Drittgeburten zurückzuführen. Die persönlichen Erfahrungen und das Selbstverständnis der Wöchnerinnen unterscheiden sich vor 1990 zwischen Ost- und Westdeutschland erheblich. So war es in der BRD für einen Großteil der Mütter üblich, für die Kindererziehung die Berufstätigkeit für eine mehr oder weniger lange Zeitspanne aufzugeben und eine Hausfrauenrolle anzunehmen. In der DDR erfolgte die Rückkehr in den Beruf relativ kurz nach der Geburt, und die Betreuung des Kindes wurde während der Arbeitszeit der Mutter von Krippeneinrichtungen übernommen (1, 23).
In diesem Kontext steht der Gegenstand dieser Untersuchung. Es werden die persönlichen Einschätzungen von Wöchnerinnen über die Vereinbarkeit von beruflichen Zielen und der Realisierung des Kinderwunsches in West- und Ostdeutschland untersucht, um herauszufinden, ob anerzogene Einstellungen und Wertevorstellungen in Bezug auf diese Fragestellung weiterhin Bestand haben. Diese Untersuchung soll auch klären, ob die unterschiedlichen Kindheitserfahrungen und Wertevorstellungen einen Einfluss auf die Einschätzung der Wöchnerinnen haben oder ob allein die aktuellen Lebensbedingungen ausschlaggebend sind.
Daten und Methode
Auf der Grundlage eines umfangreichen Erhebungsbogens wurde die schulische, berufliche und soziale Situation von 5 143 Wöchnerinnen und deren Partner in Deutschland erfasst. Darüber hinaus wurden Fragen zum Kinderwunsch und zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie in unserer Gesellschaft gestellt. Die Erhebung der Daten in den Kliniken erfolgte in den Jahren 1998 bis 2000. Es beteiligten sich insgesamt 29 Krankenhäuser, davon zwölf in den neuen und 14 in den alten Bundesländern sowie drei in Berlin. Aus den neuen Bundesländern kamen 2 081 Wöchnerinnen, aus den alten Bundesländern 2 455 und aus Berlin (vorwiegend Ost-Berlin) 607 Wöchnerinnen. In die weitere statistische Bearbeitung des Datenmaterials wurden wegen der Homogenität der Stichprobe nur Wöchnerinnen und deren Partner mit deutscher Staatsangehörigkeit herangezogen. Dadurch reduzierte sich die Probandenzahl auf 4 852. Um eine ost-/westspezifische Sichtweise zu erhalten, wurden für diese Arbeit die Wöchnerinnen aus Berlin nicht in die Auswertung einbezogen. Damit ergab sich eine endgültige Fallzahl von 4 245 Personen.
Die Teilnahme der Wöchnerinnen an dieser Erhebung war freiwillig und an-
onym. Durch die alleinige Konzentration auf Wöchnerinnen kann kein allgemeingültiger Schluss auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für alle Frauen gezogen werden. Zu erwähnen sei hier, dass der Anteil kinderloser Frauen in einem Geburtsjahrgang in Deutschland mittlerweile auf mehr als 26 Prozent gestiegen ist (20). Doch lässt dieser Datensatz Rückschlüsse auf eine sehr spezielle Personengruppe zu, welche in dieser Form durch andere Stichproben nicht erreicht wird.
Die Wöchnerinnen füllten den Erhebungsbogen während ihrer Zeit im Wochenbett in der Klinik aus. Der Erhebungsbogen gelangte dann in einem von der Wöchnerin verschlossenen Umschlag zur Auswertung in die Universitätsfrauenklinik Rostock.

Folgende Fragen wurden unter anderem untersucht und ausgewertet:
1. „Die Frage, wer für die Kindererziehung im Allgemeinen zuständig ist, wird in den einzelnen Partnerschaften unterschiedlich gesehen. Welche der folgenden Aussagen trifft für Ihre Partnerschaft am ehesten zu?*
2. „Inwieweit stimmen Sie folgender Aussage zu: Wenn der Partner ein ausreichend hohes Einkommen erzielt, sollte die Frau auf eine eigene Erwerbstätigkeit verzichten, wenn noch Kleinkinder im Haushalt zu versorgen sind?“
3. „Wie schätzen Sie allgemein die Möglichkeit ein, mit einem Kleinkind
Familie und Beruf verbinden zu können?“
4. „Wie schätzen Sie für sich persönlich die Möglichkeit ein, mit einem Kleinkind Familie und Beruf verbinden zu können?“
Die einzelnen Fragen wurden hinsichtlich der Herkunft (neue und alte Bundesländer), des Schulabschlusses, des Nettoeinkommens, der Anzahl geborener Kinder, der beruflichen Stellung der Wöchnerin, des persönlich eingeschätzten Lebensstandards, des Alters des Partners und der beruflichen Stellung des Partners untersucht.

* Die Beantwortungsmöglichkeiten sind in den dazugehörigen Grafiken angegeben.

Zu Beginn der statistischen Analyse wurden umfangreiche Plausibilitätsprüfungen am Datenmaterial vorgenommen, um den Einfluss von Fehlverschlüsselungen zu reduzieren. Da nicht alle Daten pro Fall vollständig vorhanden waren, sind die Fallzahlen in den einzelnen Auswertungen teilweise unterschiedlich.
Grafik 2 gibt die Zuständigkeit bei der Kindererziehung in der Partnerschaft wieder. Während in den neuen Bundesländern 20,2 Prozent der Frauen angeben, dass die Kindererziehung allein ihre Aufgabe sein werde, liegt der Anteil in den alten Bundesländern bei 38,6 Prozent. Insgesamt wollen in knapp drei Vierteln der Fälle beide Partner die Kindererziehung zu gleichen Teilen übernehmen. In den neuen Bundesländern liegt dieser Anteil jedoch mit 79,4 Prozent signifikant höher als in den alten Bundesländern mit 60,9 Prozent.
In Grafik 3 ist die Bewertung zu der Aussage „Wenn der Partner ein ausreichend hohes Einkommen erzielt, sollte die Frau auf eine eigene Erwerbstätigkeit verzichten, wenn noch Kleinkinder im Haushalt zu versorgen sind“ dargestellt. Die Zustimmung zum Erwerbsverzicht („voll und ganz“ beziehungsweise „eher“) ist in den alten Bundesländern mit 66 Prozent signifikant höher als in den neuen Bundesländern, wo dieser Anteil nur bei 39,5 Prozent liegt.
Grafik 4 zeigt die allgemeine Einschätzung der Wöchnerinnen, mit einem Kleinkind Familie und Beruf verbinden zu können. Laut Darstellung glauben 2,8 Prozent der Wöchnerinnen in den neuen Bundesländern, dass es mit einem Kleinkind leicht möglich sei, Beruf und Familie zu verbinden. Hingegen sprachen sich 67,8 Prozent dafür aus, dass dies nicht leicht, aber dennoch möglich sei. Dies sind signifikant mehr Frauen als in den alten Bundesländern (1,3 Prozent und 54,6 Prozent). Hier wiederum gehen die Wöchnerinnen häufiger davon aus, dass eine Vereinbarkeit von Kleinkind und Beruf möglich, aber schwierig oder nicht möglich sei (insgesamt 44,1 Prozent), als in den neuen Bundesländern (29,4 Prozent).
Grafik 5 zeigt im Gegensatz zur vorherigen Abbildung die persönliche Einschätzung der Wöchnerinnen, mit einem Kleinkind Familie und Beruf verbinden zu können. Auch hier nehmen die Frauen aus den neuen Bundesländern zu 6,6 Prozent an, dies sei leicht möglich, und zu 62,2 Prozent, es sei nicht leicht, aber möglich. Dies sind wiederum bedeutend mehr Wöchnerinnen als in den alten Bundesländern (4,1 Prozent und 47,2 Prozent). Dennoch sinkt der zusammengefasste Anteil dieser beiden Gruppen leicht im Vergleich zur allgemeinen Einschätzung: in den neuen Ländern von 70,6 Prozent auf 68,8 Prozent und von 55,9 Prozent auf 51,3 Prozent in den alten Bundesländern.
Diese Unterschiede zwischen Ost und West veränderten sich auch nicht, wenn man das Haushaltsnettoeinkommen, das Alter des Partners und die berufliche Stellung mit berücksichtigte. Bei der allgemeinen Einschätzung der Verbindung von Kleinkindern mit beruflichen Zielen konnte bei Berücksichtigung der bereits vorhandenen Kinderzahl keine Veränderung der Zahlen für Ost und West festgestellt werden. Signifikante Unterschiede zwischen Ost und West blieben auch unter der zusätzlichen Betrachtung der beruflichen Stellung der Mutter bestehen. Nur bei Selbstständigen und sich in Ausbildung befindenden Wöchnerinnen gab es bei den Fragen nach der allgemeinen und persönlichen Einschätzung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie keine bedeutsamen Unterschiede zwischen Ost und West. Allerdings sind hier die Fallzahlen sehr gering. Sofern die Wöchnerinnen ihren persönlichen Lebensstandard als schlecht einstuften, ergaben sich ebenfalls keine signifikanten Unterschiede zwischen den alten und neuen Bundesländern.
Diskussion
Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch zehn Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung in den neuen und den alten Bundesländern unterschiedlich gesehen wird. Erklärt wird dieser Unterschied oft mit dem Einfluss des Elternhauses während der eigenen Kindheit (23). So zielte die Familienpolitik der DDR neben speziellen Maßnahmen der Familienplanung auf eine zeitliche Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit, während in der BRD besonderes Augenmerk auf die Arbeitsteilung zwischen den Ehepartnern gelegt wurde. Deutlich werden die Unterschiede auch im Artikel 31 Absatz 2 des Einigungsvertrages, wo unter anderem steht: „Es ist die Aufgabe des gesamtdeutschen Gesetzgebers, angesichts unterschiedlicher rechtlicher und institutioneller Ausgangssituationen bei der Erwerbstätigkeit von Müttern und Vätern die Rechtslage unter dem Gesichtspunkt der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu gestalten.“ (7, 17)
Die zunehmende negative Korrelation zwischen Familie und Berufstätigkeit zeigt sich auch bei den Zeitabständen zwischen Haushaltsgründung, Heirat und der Geburt des ersten Kindes. Fielen in der DDR durch die Familien- und Wohnungspolitik diese drei Ereignisse zeitlich oft zusammen, so vergrößerten sich die Zeitabstände zwischen Haushaltsgründung und Heirat sowie zwischen Heirat und Geburt des ersten Kindes in der BRD zunehmend (18). Ein erhöhtes Heiratsalter ist jedoch negativ mit der zu erwartenden Kinderzahl korreliert (11). Nach der Wende näherten sich diese Zeitabstände bei den Frauen aus den neuen Bundesländern denen aus den alten an; dennoch haben die Frauen in den neuen Bundesländern generell eine positivere Einstellung zur gleichzeitigen Realisierung von Kinderwunsch und Beruf (17, 22).
Für viele Frauen aus den neuen Bundesländern ist die Vorstellung vom Mann als „Ernährer“ und der Frau als „Hausfrau und Mutter“ ein Fremdbild. Nur zehn Prozent von ihnen glauben, dass die Rolle als „Hausfrau und Mutter“ sie ausfüllen könnte. Für sie ist die Geburt, Pflege und Erziehung von Kindern nur ein Teil ihres Lebensinhalts. Außerdem stehen sie persönlichen und ökonomischen Einschränkungen durch ein Kind weniger kritisch gegenüber (5, 23, 25). Die bewusste Selbstständigkeit der ostdeutschen Frauen spiegelt sich auch in der Zahl der ledigen allein erziehenden Mütter wider. So betrug deren Anteil im Jahr 2003, gemessen an allen Alleinerziehenden, in den neuen Bundesländern 30,1 Prozent, während dieser Wert in den alten Bundesländern mit 16,8 Prozent um fast die Hälfte geringer war (27).
Bundesweit arbeiten nur neun Prozent der Frauen ganztags, bevor ihr Kind drei Jahre alt ist, in den neuen Bundesländern sind es immerhin 23 Prozent (6). Frauen aus den neuen Bundesländern gehen daher grundsätzlich eher davon aus, dass Beruf und Familie zu vereinbaren sind. Dies zeigt auch diese Studie. Auch die größere Bereitschaft zum Erwerbsverzicht bei Frauen in den alten Bundesländern bei einem ausreichend hohen Einkommen des Partners lässt sich aus diesem Zusammenhang deuten.
Die Erwartung der Frau hinsichtlich einer Beteiligung des Partners an der Erziehung und der Betreuung der Kinder begünstigt eine weitere Festigung des Kinderwunsches (2). So glauben nach Richter (23) 85 Prozent der Frauen, dass eine Berufstätigkeit möglich sei, wenn beide Partner für die Kindererziehung verantwortlich sind. In Ostdeutschland geben mehr Frauen an, dass sich beide Partner an der Kindererziehung beteiligen als in den alten Bundesländern. Hier werden sich, verglichen mit den neuen Bundesländern, doppelt so viele Wöchnerinnen allein um die Erziehung der Kinder kümmern.
Der Einfluss des Staates auf die Familienpolitik, insbesondere zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird oft diskutiert. So ist es die Aufgabe des Gesetzgebers, die Rechtslage unter dem Gesichtspunkt der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu gestalten. Dennoch unterstützt die Familienpolitik eher die Hausfrauenrolle als die Berufstätigkeit der Frau beziehungsweise bewertet der Staat die Berufstätigkeit höher als den Mut zur Familie (16, 23). Ob verstärkte staatliche pronatalistische Maßnahmen sich positiv auf die Geburtenrate auswirken, ist dennoch fraglich. In Frankreich zum Beispiel, wo eine sehr intensive Familien- und Bevölkerungspolitik betrieben wird, hat sich die Kinderzahl durch diese Maßnahmen „nur“ um circa 0,2 Kinder je Frau erhöht: TFR = 1,66 im Jahr 1993, TFR = 1,88 im Jahr 2001 (26). Zudem ist in Frankreich wie auch in den USA zu beachten, dass vor allem die ethnischen Minderheiten die günstige TFR im Vergleich zu Deutschland entstehen lassen. Tragen doch vor allem diese Gruppen mit einem überdurchschnittlichen Anteil zu den relativ hohen Geburtenraten bei (21).
Obwohl der Kinderwunsch einer Frau in Deutschland heutzutage oft im Konflikt mit ihrer beruflichen Laufbahn steht, ist zusammenfassend zu sagen, dass sich vor allem die verhaltensprägenden gesellschaftlichen Unterschiede auf der Individualebene bemerkbar machen (12, 24), denn bestehende Einstellungen werden nur zeitverzögert verändert oder ersetzt. Der definitive Wunsch für ein Kind setzt, zumindest vorübergehend, berufliche Kompromisse voraus, die jedoch von den Frauen in den neuen und alten Bundesländern unterschiedlich bewertet werden. Somit führt das Argument „Gefährdung des Berufsziels beziehungsweise Arbeitsplatzes“ häufiger bei den westdeutschen Frauen zu einer Ablehnung oder zeitlichen Verschiebung des Kinderwunsches (10, 19). Auch wenn noch Unterschiede in der Beurteilung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zwischen den alten und neuen Bundesländern zu finden sind, zeichnet sich ein Angleichen des reproduktiven Verhaltens in den sozioökonomischen Entwicklungen in Deutschland ab.

Literatur
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Anschrift für die Verfasser:
Priv.-Doz. Dr. Dr. rer. med. Manfred Voigt
Abt. Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin am Zentrum für
Kinder- und Jugendmedizin der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Soldtmannstraße 15
17487 Greifswald
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