ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2005Mobbing in der Arztpraxis: Wehret den Anfängen

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Mobbing in der Arztpraxis: Wehret den Anfängen

Dtsch Arztebl 2005; 102(6): A-380 / B-320 / C-300

Leicher, Rolf

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Foto: Eberhard Hahne
Foto: Eberhard Hahne
Fast zwei Drittel der Mobbing-Täter sind Frauen. Hinter dem Kleinkrieg in der Arztpraxis steckt meist das menschliche Bedürfnis nach Anerkennung. Wer nicht durch sehr gute Leistung dazu kommt, der versucht, die erfolgreichere Kollegin durch Mobbing zu demontieren. Schon alltägliche Vorgänge können den Kleinkrieg auslösen. Kommt beispielsweise eine neue Kollegin in das Praxisteam, gerät schnell das zwischenmenschliche Lot aus dem Gefüge. Ist die Neue erfolgreicher als die anderen, kann man sie mit Mobbing „aus dem Rennen werfen“.
Ursache von Mobbing ist vor allem Neid. Wer neidet, wird zum Unruhestifter, der etwas haben möchte, was ein anderer besitzt: das Gehalt, die Position oder die Fähigkeiten eines anderen. Durch Intrigen und andere Gemeinheiten kann man dem Beneideten Schaden zufügen und sich am Unglück des anderen weiden. Dadurch wird die eigene Situation wieder in ein besseres Licht gerückt. Da ein Neider sehr geschickt in der Wahl seiner Mobbing-Strategien ist und auch andere als Instrument für seine Ziele einsetzt, ist es oft schwierig, ihn bei seinem Treiben zu erwischen.
Der Gemobbte befindet sich immer in der Verteidigungsposition. Ein Drittel seiner Gedanken kreist um die Frage: Wie kann ich mich rechtfertigen? Für den Arzt als Vorgesetzen wird das Opfer unbequem, es fällt negativ auf, weil es sich ständig verteidigen muss. Deshalb sollte die Gemobbte die Vorwürfe der Täterin ignorieren. Das Problem des Mobbing-Opfers ist es, dass sein Selbstbewusstsein langsam und systematisch zerstört wird. Das Gefühl, etwas verkehrt gemacht zu haben, sitzt tief. Die Folge sind Minderwertigkeitsgefühle. Deshalb darf der Arzt nicht wegschauen und hoffen, dass sich „die Sache von selbst erledigt“.
Das Wohlbefinden des Opfers wird durch verschiedene Maßnahmen beeinträchtigt. Dadurch wird sein Selbstwertgefühl stark reduziert, was
im Endstadium als „sozialer Herzinfarkt“ bezeichnet wird. Mobbing-Opfer klagen über Depressionen, Schlafstörungen, ständige Müdigkeit, Kopfschmerzen, sinkendes Selbstbewusstsein, Appetitlosigkeit, Überempfindlichkeit, Übelkeit, Vergesslichkeit, Schwindelgefühle, Konzentrationsstörungen, Schweißausbrüche, Herz-Kreislauf-Schwierigkeiten, mangelnden Antrieb und Magen-Darm-Probleme.
Typisches Mobbing-Verhalten von Arzthelferinnen:
- Gespräche zwischen Kolleginnen werden sofort unterbrochen, wenn sich die Betroffene nähert. Türen werden demonstrativ geschlossen.
- Die Gemobbte wird von den Tätern ignoriert.
- Anonyme, ehrverletzende Äußerungen finden sich auf Zetteln auf dem Schreibtisch oder auf dem Bildschirm des Computers.
- Aufgaben, die für das Opfer schon immer problematisch waren oder für die es nicht die geeignete Ausbildung besitzt, werden ihm bewusst zugewiesen. Das erhoffte Scheitern soll deutlich machen, dass das Opfer „fehl am Platz ist“.
- Wichtige Informationen, auf die die Schikanierte wartet, werden unterschlagen.
- Die Gemobbte muss Arbeiten unter ihrer Qualifikation ausführen oder solche, die nicht in das eigentliche Aufgabengebiet gehören.
- Unterlagen des Opfers sind plötzlich unauffindbar.
Obwohl in der Anfangsphase von Mobbing die Anzeichen dafür oft nur schwach ausgeprägt sind, sollte der Arzt seinen Blick schärfen, um harmlose Zwistigkeiten von schweren Konflikten unterscheiden zu können. Dazu ist es notwendig, sich als Arzt mit seinen Mitarbeitern auseinander zu setzen und ihre Bedürfnisse, Verhaltensweisen und Eigenheiten zu kennen, um Veränderungen bemerken zu können. Abweichungen können so am ehesten registriert werden. Nur wer weiß, in welchen Verkleidungen Mobbing auftritt, wie es sich auswirkt und was das Verhalten der Täterinnen bestärkt, kann das Phänomen auch wahrnehmen.
Den Helferinnen sollte ein gewisser Handlungsspielraum eingeräumt werden. Nur Mitbeteiligung an Entscheidungen und Autonomie (in Grenzen) befähigt die Mitarbeiter, ihre Energien richtig zu kanalisieren und sie nicht für negative psychologische Spiele zu verwenden. Je mehr Eigenbestimmung jemand hat, desto schwieriger ist es, Mobbing zu betreiben. Rolf Leicher
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