ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2005Decubitus: Lateinisches Wortspiel

VARIA: Post scriptum

Decubitus: Lateinisches Wortspiel

Dtsch Arztebl 2005; 102(6): [44]

Wagener, Wolfgang

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Das lateinische Verb „decumbere“ bedeutet „sich niederlegen“. Der medizinische Terminus rührt daher, dass bei „Niedergelegten“, Bettlägerigen, häufig durch Aufliegen Druckgeschwüre entstehen, „Decubit . . .“.
Was haben Sie da gedanklich gerade ergänzt? „-i“, „-a“ oder „-us“, lang oder kurz gesprochen, oder? Hier herrscht sprachliche Unsicherheit, ebenso wie therapeutische. Selbst akademisch gebildete Konferenzteilnehmer, die über diese eindrücklichen Wunden ausdrucksvoll streiten, vermeiden oft den Plural des Begriffs. Ist ein Decubitus noch beherrschbar, potenzieren sich Schwierigkeiten bei mehreren „Decubitus“. Lang gesprochen als „Decubitu-uus“. Im heute lockeren, immer weniger Regeln akzeptierenden Sprachgebrauch spielt korrekter Ausdruck offenbar keine Rolle mehr. Doch wer „Pigsel“ statt „Pixel“ oder „Teasease Menagement“ statt „Disease Management“ schriebe, wäre dennoch der Häme sicher.
Die gleichen Schwierigkeiten wie der „Decubitus“ macht das „Ulcus“. Auch hier nicht als einzelnes. Selbst im Plural ist „Ulcera“ gängig. Was aber bei den häufig vorkommenden Verbindungen mit Adjektiven? Wenn mehrere Magengeschwüre oder Unterschenkelwunden vorliegen? Ulcera ventricula? Ulcera ventriculi! Als Otto Normalarzt in Praxis oder Klinik beherrsche ich gängige Termini und Abkürzungen wie ADHS, CUP, COPD oder KHK. Ich rede und setze voraus, dass jeder weiß, was ich meine. Sonst würde nachgefragt. Untersuchungen zeigen, dass dem nicht so ist. Demonstrieren Ärzte hier sprachlich Macht?
Generell gilt: Wer unsicher ist, ob er sich richtig ausdrückt, gerät ins Schwitzen. Auch Ärzte. Im bekannten Terrain macht man wesentlich weniger Fehler. Vielleicht denkt deshalb mancher Arzt gar nicht darüber nach?
Von Ärzten wird erwartet, dass sie alles rasch und problemlos verstehen. Leicht erwächst daraus ein entsprechendes Selbstverständnis. Aber für handelnde Personen ist wesentlich, sich immer wieder infrage zu stellen und infrage gestellt zu werden. Nur so bleibt „Bodenhaftung“ erhalten.
Da das ärztliche Gespräch sowohl diagnostisch als auch therapeutisch hohen Stellenwert hat, ist entscheidend, dass man sich dabei auf seinen Patienten einstellt. Dieser will sich angenommen fühlen, verstanden wissen, verstehen, was er hat und
was geschehen wird. Dr. med. Wolfgang Wagener
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