ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2005Stereotaxie: Forderung der Stunde!

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Stereotaxie: Forderung der Stunde!

PP 4, Ausgabe Februar 2005, Seite 78

Ehebald, Ulrich

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LNSLNS . . . Bereits 1978 trug eine Kommission beim Bundesgesundheitsamt über „Stereotaktische Hirnoperationen bei abweichendem Sexualverhalten“ dazu bei, dass die verstümmelnden „Ausschaltungsoperationen“, die die damalige Generation der Hirnchirurgen vornahm, zum Erliegen kamen. Die chirurgischen Eingriffe jener Zeit freilich sind mit „Tiefenhirnstimulation“ der Kölner Hirnchirurgen heute nicht vergleichbar, weshalb der Titel des Berichts im DÄ irreführend ist. In meinem Vortrag über „Abweichendes Sexualverhalten in psychoanalytischer Sicht“ äußerte ich eine Reihe von Bedenken, die durch die Lektüre des Berichts über die „Rückkehr der Psychochirurgie“ wieder geweckt wurden. Mein Haupteinwand 1978 betraf den Zugriff der Hirnchirurgen auf das Gebiet der neurotischen Erkrankungen. Es hatte sich damals herausgestellt, dass „in aller Stille“ auch solche Erkrankungen „stereotaktisch“ hirnoperiert wurden. Ich zitiere die zentrale Kritik: „Ich warne mit allem Nachdruck und Ernst vor psychochirurgischen Eingriffen am menschlichen Gehirn mit dem Ziel, bestehenden psychopathologischen Phänomenen, die lebensgeschichtlich entstanden sind, die neurophysiologische Grundlage im Zentralnervensystem zu entziehen! Solche Operationen können nur bei ganz verzweifelten Fällen in Betracht gezogen werden im Sinne einer „Method of last resort“ (Miller 1976). Im oben genannten Bericht wird auffallenderweise nur von schweren seelischen Störungen gesprochen, als fürchte der Verfasser wie der Teufel das Weihwasser, den Hinweis auf den Krankheitsbegriff der Neurosenlehre. So findet sich auch heute wie damals, 1978, der verräterische Satz: „Denn während die Studien an Patienten mit Zwangsstörungen laufen, denken manche schon an andere psychische Erkrankungen, für die die Tiefenhirnstimulation in schwersten Fällen eine Alternative darstellen könnte“. Das Wort „Störungen“ reduziert die Dimension, um die es sich hier handelt, und so wird unmerklich der ganz klare Übergriff auf das Fachgebiet der Neurosenlehre, von dem ein Psychochirurg in der Tat nichts wissen kann, verschleiert. Das kann nicht hingenommen werden! Hier ist vielmehr klare einvernehmliche Diagnostik und Indikation vorrangig zu verlangen. Das ist die Forderung der Stunde! Es kann so in der Tat „schnell passieren, dass aus der Tiefenhirnstimulation nur ein weiteres Kapitel in der unrühmlichen Geschichte der psychiatrischen Chirurgie werden könnte“, wie Dr. Albrecht, der Verfasser des Ärzteblattartikels, gewiss zu Recht fürchtet.
Dr. med. Ulrich Ehebald, Sanderskoppel 9,
22391 Hamburg
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