ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2005Die Mendelssohns: Eine begabte Familie

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Die Mendelssohns: Eine begabte Familie

PP 4, Ausgabe Februar 2005, Seite 87

Jachertz, Norbert

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Hans-Günter Klein: Die Mendelssohns im Bildnis, 102 Seiten, Berlin (Gebr. Mann Verlag), 2004, 24,90 Euro
Hans-Günter Klein: Die Mendelssohns im Bildnis, 102 Seiten, Berlin (Gebr. Mann Verlag), 2004, 24,90 Euro
Zum Clan gehörten Wissenschaftler, Bankiers, Künstler, aber auch schwarze Schafe wie der Arzt und Revolutionär Arnold Mendelssohn.

Am Anfang steht der Philosoph Moses Mendelssohn (1729–1786). Er ist der Begründer einer verzweigten Familie, die über fünf Generationen hinweg das Kultur- und Wirtschaftsleben in Deutschland beeinflusste. Der bekannteste Vertreter dürfte heute der Komponist Felix-Mendelssohn-Bartholdy sein. Bekannt und einflussreich waren die Bankiers. In deren ehemaligem Bankhaus in der Berliner Jägerstraße wurden während der Jüdischen Kulturtage im November vorigen Jahres zwei Bücher vorgestellt, die auch mit den unbekannteren Vertretern des Clans bekannt machen.
Zu den Mendelssohns zählen auch Naturwissenschaftler, Historiker und nicht zuletzt eigenwillige, emanzipierte Frauen. Nur ein Arzt gehörte zur Familie. Und der war ein schwarzes Schaf, ein Revolutionär und Abenteurer. Arnold Mendelssohn (1817–1854), ein Enkel von Moses, begann seine Berufslaufbahn als Armenarzt in Berlin. Dort lebte er mit Ferdinand Lassalle, dem führenden Sozialisten, in einer Wohngemeinschaft. Er wurde in die Hatzfeld-Affäre verwickelt, zu Zuchthaus verurteilt, kam aber auf Intervention seiner Bankiers-verwandtschaft wieder frei, musste aber ins Exil. In Österreich geriet er als ungarischer (!) Revolutionär vors Kriegsgericht, in Jerusalem gründete er ein Hospiz, nahm als türkischer Militärarzt am Krimkrieg teil und starb bei einem Gewaltmarsch in Mesopotamien.
Kurz – eine Biografie, die für einen dicken Abenteuer-schmöker überreichen Stoff liefert. Elke Steiner hat Arnolds Leben in einen Comic gegossen. Ein eindrucksvolles Bild eines ungewöhnlichen Mannes ist so entstanden. Steiner, die auch im Deutschen Ärzteblatt biografische Comics veröffentlicht hat (Herbert Lewin und Käte Frankenthal), zeigt einmal mehr, dass der Comic vorzüglich geeignet ist, auch ernste Themen darzustellen. „Steiners Comics sind weder komisch, noch enthalten sie Sprechblasen“, bemerkte die Journalistin Katja Lüthje bei der Präsentation. Ihre Comics seien gekennzeichnet durch einen wiedererkennbaren Stil, der an Linolschnitte erinnere, und eine gewisse Sperrigkeit der Figuren, mit denen Steiner aber „sichtbar liebevoll umgeht“.
Zusammen mit Arnold porträtiert Steiner auch dessen Cousine Dorothea Schlegel (1764–1839). Auch die hatte ein bewegtes, wenn auch völlig anders geartetes Leben. Dorothea war ein Frau, die mit vielen Konventionen brach, sie ließ sich scheiden, lebte mit dem acht Jahre jüngeren Friedrich Schlegel zunächst in wilder Ehe, bekannte sich zu ihren Überzeugungen, anfangs den Idealen der Romantik, später, nach dem Übertritt zum Katholizismus, der Religion.
Elke Steiner: Die anderen Mendelssohns, 64 Seiten, Berlin (Reprodukt, Bülowstraße 52, 10783 Berlin), 12 Euro
Elke Steiner: Die anderen Mendelssohns, 64 Seiten, Berlin (Reprodukt, Bülowstraße 52, 10783 Berlin), 12 Euro
Die Mendelssohns waren jüdischer Herkunft, entstammten sehr einfachen Verhältnissen und arbeiteten sich hoch. Viele blieben Juden, viele konvertierten zum Christentum. Man schloss Ehen mit jüdischen, aber bald auch mit christlichen Partnern, siehe Dorothea oder auch Fanny Hensel, die Schwester des Komponisten und selbst eine begabte Musikerin, die mit dem Maler Wilhelm Hensel verheiratet war.
Kurze Porträts in Text und Bild der Mendelssohns der ersten bis vierten Generation hat der Historiker Hans-Günter Klein in einem kleinen und edel gemachten Band zusammengestellt. „Philosophischer Geist, künstlerische Gabe und kaufmännische Fähigkeiten“, resümierte Klein bei der Buchvorstellung im alten Mendelssohn-Bankhaus, „waren das Besondere an den Mendelssohns.“ Nach dem Studium von Kleins Buch und des Comics ist als weitere Gabe der Wagemut hinzuzufügen.
Die Familientradition sei bis zur vierten Generation noch intakt gewesen, stellte Klein fest. Sie brach erst nach 1933 abrupt ab, „als der Name Mendelssohn aus dem öffentlichen Leben verbannt wurde“. Norbert Jachertz
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