ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2005Kulturjahr der Zehn: Der erweiterte Horizont

FEUILLETON

Kulturjahr der Zehn: Der erweiterte Horizont

PP 4, Ausgabe Februar 2005, Seite 88

Merten, Martina

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Imre Benkö: Blaskapelle der Gießereiarbeiter, Ózd, 1989
Imre Benkö: Blaskapelle der Gießereiarbeiter, Ózd, 1989
Bis Mai widmen sich Dutzende Veranstaltungen in Berlin der Kultur in den neuen EU-Mitgliedsstaaten.

Schmunzeln muss man, wenn man dieses Foto betrachtet: eine Reihe von älteren Damen und Herren, verkleidet mit ein paar Hüten, Schals und Tüchern, fröhlich gestikulierend auf einer Ladefläche eines alten LKW auf Strohballen sitzend. Die dunklen Wolken, die sich über ihnen zusammengebraut haben, scheinen die Senioren nicht zu stören. Denn, so verrät der Untertitel der Fotografie, sie feiern Karneval – Karneval auf dem polnischen Dorf Koziebrody.
Das Bild, das der polnische Fotograf Maciej Skawinski im Jahr 2002 aufgenommen hat, ist in der Ausstellung „Bitte lächeln, Aufnahme!“ im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen. Dort wird Fotokunst osteuropäischer Künstler aus den zehn neuen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union gezeigt. Auf den Aufnahmen sind zum größten Teil nicht inszenierte Alltagsszenen mittel- und osteuropäischer Bürger aus den letzten 34 Jahren zu sehen, die in ihrer unspektakulären Art einen Einblick in das Leben der Bevölkerung vor und nach der Wende ermöglichen.
So haben auch die anderen Fotografen Festtagsrituale, Kleinstadtjahrmärkte oder andere Ereignisse von lokaler Bedeutung zum Motiv ihrer Bilder gemacht. Der litauische Fotograf Rimaldis Viksraitis zum Beispiel zeigt auf seinen Bildern „Fratzen eines müden Dorfes“ Menschen, die auf eher eigenwillige Art und Weise einfache Feste zelebrieren. Imre Benkö aus Ungarn hat die Blaskapelle der Gießereiarbeiter im ungarischen Ort Ózd fotografiert, der vor 1990 ein produktiver Industriestandort war. „Die fehlende Euphorie der Menschen beim Bespielen ihrer Blasinstrumente steht sinnbildlich für den allmählichen Niedergang der Industriestadt nach der Wende und den schwierigen Umgang der Menschen mit der neuen Weltordnung“, erklärt Zsuzsa Breier die Aufnahme. Breier ist Initiatorin und Leiterin des „Kulturjahres der Zehn“, des Programms, unter dessen Motto die Ausstellung stattfindet. Die Absurditäten, die auf vielen Bildern zu sehen sind, spiegeln ihrer Ansicht nach die Absurdität der politischen Systeme wider. Gleichzeitig durchziehe die Fotografien ein feiner Humor, der den Betrachter – wie bei der Karnevalsaufnahme – zum Lächeln bringe.
Anstoß für das „Kulturjahr der Zehn“ war die EU-Erweiterung zum 1. Mai 2004. Gemeinsam mit Breier überlegten die zehn Kuratoren der Beitrittsländer, durch welche Initiativen man die Lebensgewohnheiten, Gefühle und Schicksale der Mittel- und Osteuropäer erklären könnte. Herausgekommen sind rund 50 einzelne Projekte und Veranstaltungen, die alle Kunstsparten umfassen – angefangen von der Fotografie über die Literatur und den Film bis hin zum kulturellen Dialog. Denn Erweiterung, so die Devise der am Kulturjahr Beteiligten, ist nicht nur „mehr Musik, mehr bildende Kunst, mehr Fotokunst oder mehr Tanz und Theater“. „Erweiterung ist gut für den Horizont.“ Martina Merten
Fotos: Kulturjahr der Zehn Maciej Skawinski: Plo´nsk, Bauer, 2000
Fotos: Kulturjahr der Zehn Maciej Skawinski: Plo´nsk, Bauer, 2000

Veranstaltungen im Rahmen des EU-Kulturjahres
- Die Fotoausstellung „Bitte lächeln, Aufnahme! Fotokunst aus den zehn neuen EU-Mitgliedsstaaten“ ist bis zum 14. Februar im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen.
- Jeweils am 2. Februar, 16. Februar, 2. März, 9. März und 16. März berichten Zeitzeugen aus den Beitrittsländern an verschiedenen Orten in Berlin über Erlebtes.
- Weitere Projekte und Veranstaltungen unter www.kulturjahrder
zehn.de
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