ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2005„Bochio“ vom Stamm der Fon: Schutzfiguren in allen Religionen

KUNST + PSYCHE

„Bochio“ vom Stamm der Fon: Schutzfiguren in allen Religionen

PP 4, Ausgabe Februar 2005, Seite 96

Kraft, Hartmut

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Alte Bochio-Schutzfigur der Fon in Benin / Westafrika. Holz, Stoff, Pflanzenfasern und dicke Opfer-Krustenpatina. Höhe 133 cm. Foto: Henricus Simonis
Alte Bochio-Schutzfigur der Fon in Benin / Westafrika. Holz, Stoff, Pflanzenfasern und dicke Opfer-Krustenpatina. Höhe 133 cm. Foto: Henricus Simonis
Die als „Bochio“ bezeichneten Skulpturen werden auch heute noch von den Schmieden vom Stamm der Fon im heutigen Benin, West-afrika, hergestellt. Häufig sind es recht grobe Schnitzwerke, die gerade in ihrer ästhetischen Unvollkommenheit beeindrucken. Bei der gezeigten Figur sind die Proportionen des Gesichts nur grob herausgearbeitet, die Arme sind deutlich verkürzt, und der Unterkörper geht in einen massiven Stamm über, der zum Teil in den Boden eingelassen ist.
Die Bochio-Figuren stehen auf Dorfplätzen oder vor einem Hauseingang. Ihre Funktion ist klar zu benennen: Sie sollen das Böse auf sich ziehen und es auf diese Weise wie ein Blitzableiter von den Menschen fernhalten. Es sind Schutzfiguren. Im Rahmen von Voodoo-Zeremonien werden die Figuren mit Palmöl, Bier oder Tierblut beopfert, sodass sich mit der Zeit eine dicke Krustenpatina entwickelt. Sie kündet von der langen Verwendung dieser Figur und ist damit zugleich ein Hinweis auf die dem Bochio über Jahre oder sogar Jahrzehnte zugeschriebene Wirkkraft. Dabei wird der strukturell vergleichbare Umgang mit Heiligendarstellungen im Christentum gern übersehen. Dass in Europa Kerzen vor Heiligenbildern angezündet werden oder Marienstatuen mit Schmuckstücken behängt werden, entspricht der Beopferung mit Blut und Palmöl. Auch das Anbringen von Votivgaben (wie zum Beispiel in Blech geformte Gliedmaßen) als Zeichen für Heilungswünsche in vielen Kirchen gehört in die gleiche Kategorie. Auch hier vermittelt gerade die Anhäufung der Votivgaben – vergleichbar der Krustenpatina – den Eindruck von bereits gewährtem Schutz und Hilfe in allen Notlagen. Unabhängig von der jeweiligen Religion scheint es Menschen schwer zu fallen, ohne konkrete Objekte ihren Glauben zu leben. Die sinnliche Präsenz einer zu verehrenden Heiligen-statue, eines Bochio oder eines Ortes für Votivgaben wird als hilfreich erlebt – und von (fast?) allen Religionen mehr oder weniger offen geduldet. Hartmut Kraft

Fon
Volksgruppe und Gründer des alten Königreiches „Dahomey“ (17. bis 19. Jahrhundert) im heutigen Staat Benin, Westafrika. Ausgedehnter Sklavenhandel begründete
ursprünglich den Reichtum des Königreiches. Bekannt wurden die Metallarbeiten der Fon. Als Holzarbeiten sind fast ausschließlich die „Bochio“ genannten Schutzfiguren bekannt geworden.

Literatur
Chesi G: Voodoo. Afrikas geheime Macht. Wörgl: Perlinger, 1979.
Savary C: Dahomey. Traditions du Peuple Fon. Genf: Musée d’Ethnographie, 1975.
Schmalenbach W (Hrsg.): Afrikanische Kunst aus Kölner Privatbesitz. Köln: Kölnmesse, 2004.
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