ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/1997Auch Weise können irren

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Auch Weise können irren

Pfleger, Helmut

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LNSLNS Ach, wie so trügerisch sind Eröffnungsbücher und grau bis schwarz oft alle Theorie. Nachdem ich ein ganzes Schachleben mit der Wissenschaft der Eröffnungen auf Kriegsfuß gestanden habe, ist es mir stets ein besonderes Vergnügen, wenn auch deren Weisen gelegentlich irren. Einer der großen seines Fachs war der sowjetische Großmeister Lew Polugajewski, auf den zahlreiche Eröffnungsfeinheiten zurückgehen, die er zu Hause in nimmermüder Kleinarbeit ausgekocht hatte. Kennzeichnend für ihn ist die folgende, mir von Karpow mitgeteilte Anekdote: In einem spanischen Zug ging "Polu" zwischendurch in den Speisewagen, um bei seiner Rückkehr feststellen zu müssen, daß sein Gepäck Beine bekommen hatte. Verzweifelt lief er durch den Zug und beschwor den Dieb: "Behalte alles, aber gib mir meine Analysen wieder!" Russische Unterhosen, englischer Maßanzug – alles war zu verschmerzen, aber nicht etliche Blatt Papier, Früchte langen Studiums, wie künftige Gegner am besten übers Ohr zu hauen sind. Im Vorwort zu Polugajewskis "Grandmaster Preparation" schreibt der ehemalige Weltmeister Tal: "Dieses Buch ist eine Einladung, in die Studierstube eines der stärksten Spieler der Welt zu schauen." So weit, so gut. Nun kam im Finale der diesjährigen italienischen Fernschachmeisterschaft das BlumenfeldAbspiel der Meraner Verteidigung des Damengambits (es ist so kompliziert, wie es sich anhört) aufs Brett.
Der Führer der weißen Steine, ein gewisser Comini, glaubte der zwölf Jahre lang unbeanstandet gebliebenen Analyse Polugajewskis, zumal diese noch Zug für Zug in die "Enzyklopädie der Eröffnungen" (2. Auflage), das heilige Buch dieses Metiers, aufgenommen wurde (sollte nun jemand an Entsprechendes bei medizinischen Lehrbüchern denken, so bleibe es ihm unbenommen). Danach steht Weiß hier klar besser. Nach dem nächsten schwarzen Zug des Herrn Marziali allerdings gab er auf (honni soit, wem hier der dumme Spruch "Operation gelungen, Patient tot" in den Sinn kommt). Was für ein "wahrer Keulenschlag" (Dr. Paoli) war das?


Lösung:
Die "Keule" war 1. ... Sd7-e5!! Weiß kann sich drehen und wenden, wie er will – er erleidet entscheidenden materiellen Schaden. Es droht sowohl Sxf3+ nebst Dxd4 als auch Dxd4 nebst Sxd3+. Auf 2. Dxb6 käme 2. ... Sxd3+ 3. Kd2 Txb6 4. Kxd3 und jetzt die fette Springergabel 4. ... Sxf2+ nebst Sxh1.

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