ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2005Krankenhäuser: „Vernetzte Einheiten“

POLITIK

Krankenhäuser: „Vernetzte Einheiten“

Dtsch Arztebl 2005; 102(9): A-556 / B-472 / C-438

Merten, Martina

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LNSLNS In den nächsten 15 Jahren wird die Zahl stationärer Einrichtungen um ein Viertel sinken.

Jede vierte stationäre Einrichtung wird bis 2020 vom Markt gefegt“, lautet eine der zentralen Thesen einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young zum deutschen Gesundheitsmarkt. Von den derzeit rund 2 200 Akutkrankenhäusern würden nur etwa 1 500 übrig bleiben, so Nils Söhnle von Ernst & Young bei der Vorstellung der Ergebnisse in Berlin. Gründe für den Konzentrationsprozess seien vor allem der wirtschaftliche Druck durch die Einführung der diagnosebezogenen Fallpauschalen, die zunehmende Vernetzung der ambulanten und stationären Versorgung sowie der wachsende technologische Fortschritt. Die durchschnittliche Verweildauer werde in den nächsten 15 Jahren von 8,9* auf 6,2 Tage sinken. Auch die Bettenzahl werde von derzeit 660 Betten je 100 000 Einwohner auf 293 Betten schrumpfen.
Besonders betroffen von der prognostizierten Entwicklung sind der Studie zufolge die öffentlich-rechtlichen Einrichtungen: Bis zum Jahr 2020 müssten aufgrund mangelnder technologischer Ausstattung, begrenzt vorhandener Innovationsbereitschaft sowie der weit unterdurchschnittlichen Wirtschaftlichkeit zwei von drei Krankenhäusern schließen, sodass sich die Zahl der Einrichtungen bis 2020 von 543 auf 225 Einrichtungen reduziere. Zum Marktführer würden hingegen die privaten Krankenhäuser: bis 2020 werde es statt der derzeit 545 Kliniken 675 geben. „Wir sehen in dieser Entwicklung aber keine negativen Folgen für die Ge-sundheitsversorgung“, betonte Söhnle. Schließlich bedeute hohe Quantität nicht gleichzeitig hohe Qualität.
Die Autoren der Studie kommen zu dem Ergebnis, dass sich die Grundstrukturen im Gesundheitswesen bis zum Jahr 2020 gravierend verändert haben werden. Statt der derzeit überwiegend separat agierenden Krankenhäuser gebe es dann nur noch Klinikverbünde: Diese „vernetzten Einheiten“ bieten von der ambulanten über die stationäre bis hin zur präventiven Versorgung alles „unter einem Dach“ an. Zu den größten dieser „360-Grad-Anbieter“ zählten künftig Aktiengesellschaften. Im Szenario der Studie werden aus Ärzten, die in solchen Einrichtungen arbeiten, nicht nur „Dienstleister“, sondern aus Patienten auch „Kunden“, deren indivduellen Bedürfnissen Rechnung getragen wird. Da der Patient den Leistungen gegenüber künftig kritischer geworden ist, spielen Behandlungs- und Versorgungsqualität eine große Rolle. „Aus diesem Grund sehen wir in der Zertifizierung einen Haupttrend der Zukunft“, sagte Söhnle.
Staat gibt nur Rahmen der Gesundheitsversorgung vor
Dem Bild der Dienstleistungsgesellschaft entsprechend, stünde die Gesundheitsversorgung 2020 unter einer geringeren Einflussnahme durch den Staat. „Der Staat versteht sich in Zukunft mehr als Controller, der nur noch den Rahmen vorgibt“, glaubt Rudolf Böhlke, Branchenexperte bei Ernst & Young. „Planwirtschaftliche“ Methoden wie die Krankenhausbedarfsplanung gebe es dann nicht mehr. Die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung werde nur noch in Form einer Grundversicherung bestehen, die weder den Vorstellungen der politischen Parteien von einer Kopfprämie noch denen von einer Bürgerversicherung entspricht. „Darüber hinausgehende Leistungen werden mit individuellen Policen, die sich an Alter, Geschlecht und Lebensverhältnissen orientieren, abgedeckt.“ Der Anteil der privaten Haushalte an den Gesundheitskosten werde dementsprechend von zurzeit zwölf auf 30 Prozent steigen. Die Gesamtausgaben für Gesundheit beliefen sich im Jahr 2020 auf
500 Milliarden Euro – doppelt so viel wie heute. Martina Merten
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