ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2005Wirtschaftsfaktor Gesundheitswesen: Die unterschätzte Branche

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Wirtschaftsfaktor Gesundheitswesen: Die unterschätzte Branche

Dtsch Arztebl 2005; 102(10): A-644 / B-542 / C-508

Blöß, Timo

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Altenpflege, Medizintechnik, Patiententourismus und die Versorgung kranker Menschen – mehr als eine Million zusätzliche Jobs könnten im Gesundheitssektor entstehen.

Schwalmtal, Januar 2005, im Konferenzraum des St.-Antonius-Krankenhauses. „Das ist schon bitter“, sagt Geschäftsführer Dieter Polmanns. „Es ist bitter, einen Laden abzuwickeln, in dem man selber 20 Jahre gearbeitet hat.“ Als Polmanns im September 2004 den Stellvertreter- mit dem Geschäftsführer-Posten tauschte, war schon
klar, dass sein Krankenhaus zum 1. Januar 2005 geschlossen würde. „Trotzdem war es hart, als Mitte Dezember die letzten zwei Patienten das Haus verlassen haben – da sind Tränen geflossen“, erinnert er sich. „Am schlimmsten aber war es für die Mitarbeiter.“ Wie viele von ihnen inzwischen eine neue Anstellung haben, weiß er nicht.
Knapp 160 Angestellte haben mit der Schließung ihren Job verloren – für die 19 000-Einwohner-Gemeinde an der niederländischen Grenze ein schwerer Schlag – nicht nur weil sich mit dem Wegfall des Hauses die Notfallversorgung der Region verschlechtert, auch wirtschaftliche Folgen sind erkennbar. Von etwa 4 500 Arbeitsplätzen in Schwalmtal hat die Gemeinde dadurch mehr als drei Prozent verloren.
Spargesetze als Jobfresser
Berlin im Juli 2003. Es ist der Sommer, in dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD) und Unions-Gesundheitsexperte Horst Seehofer (CSU) enger zusammenrücken. Wochenlang brüten sie darüber, wie sich die Belastung der Löhne durch die Krankenkassenbeiträge und damit auch die Arbeitslosigkeit senken lässt. Als die beiden vor die Kameras treten, verkünden sie ein Sparpaket seltenen Ausmaßes: Rund zehn Milliarden Euro soll das GKV-Modernisierungsgesetz allein 2004 einbringen und die Krankenkassenbeiträge damit im Schnitt von 14,3 auf 13,6 Prozent verringern.
Es scheint aber niemand bei den Konsensverhandlungen durchgerechnet zu haben, wie viele Arbeitsplätze das Sparprogramm kosten könnte. Nach wie vor werden in der Politik die Ausgaben für das Gesundheitswesen vor allem als Standortnachteil auf globalisierten Märkten gesehen. Wissenschaftler, die immer häufiger von „Gesundheitswirtschaft“ sprechen, scheinen da schon ein Stück weiter zu sein. „Die nächsten fünf Jahrzehnte stehen im Zeichen der Gesundheit“, sagt etwa Ökonom und Zukunftsforscher Leo Nefiodow von der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung e.V. in St. Augustin. Nefiodow stützt sich dabei auf die so genannten Kondratieff-Zyklen. Demnach wird das Wirtschaftswachstum in Phasen von 30 bis 50 Jahren von einzelnen Branchen dominiert. Haben in den letzten beiden Zyklen die Automobilindustrie und die IT-Technologie die Marschzahl vorgelegt, werde jetzt der Gesundheitssektor eine maßgebliche Rolle spielen, so Nefiodow.
Die Fakten scheinen dies zu bestätigen: Denn im Gegensatz zu den meisten anderen Branchen boomt das Geschäft mit der Gesundheit. Mit 234 Milliarden Euro macht der Gesundheitsmarkt schon jetzt mehr als elf Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland aus.
Ob Arzt, Krankenschwester, Apotheker, Medizintechniker oder Angestellter der Pharmaindustrie – jeder neunte Erwerbstätige in Deutschland verdient sein Geld mittlerweile im Gesundheitswesen. Die meisten Arbeitsplätze entfallen hierbei auf die ambulante und stationäre beziehungsweise die teilstationäre Versorgung. Jeweils etwa 1,7 Millionen Menschen stehen hier in Lohn und Brot, insgesamt also 3,4 Millionen. Weitere knapp 800 000 Arbeitsplätze befinden sich in der Medizintechnik, der Verwaltung, in der Pharma- und den Vorleistungsindustrien sowie im Gesundheitsschutz. Den Zahlen des Statistischen Bundesamts zufolge ist das Gesundheitswesen mit seinen 4,2 Millionen Arbeitsplätzen (Grafik) zu einem der größten Arbeitgeber geworden. Allein 2003 nahm die Zahl der Beschäftigten gegenüber dem Vorjahr erneut um 25 000 zu. Zum Vergleich:
Im Jahr 2004 waren in der ehemaligen deutschen Vorzeigeindustrie, der Automobilindustrie, insgesamt nur knapp 800 000 Personen beschäftigt.
Infolge der Kostendämpfung jedoch könnte der Jobmotor ins Stocken geraten. Häufig wird unterschätzt, welche Auswirkungen das auf Arbeitsplätze in anderen Branchen hat. Denn eine Vielzahl von Dienstleistern und Zulieferern ist auf Einrichtungen der Gesundheitswirtschaft angewiesen. So auch in Schwalmtal: Dort hatte das Krankenhaus Firmen mit dem Catering und der Gebäudereinigung beauftragt. Sechs Mitarbeiter waren beispielsweise als Putzkolonne für das Klinikum abgestellt. Für die kleine Reinigungsfirma war der Wegfall des Auftrags nur schwer zu verkraften. Die Folge: Den sechs Reinigungskräften wurde gekündigt.
In dem rund 600 Kilometer weiter östlich gelegenen Pritzwalk zeigt sich dagegen, wie andere Branchen vom Gesundheitswesen profitieren können. In der 14 000-Einwohner-Stadt am Rande Brandenburgs wird bei einer Arbeitslosenquote in Höhe von mehr als 24 Prozent in der Region jeder Auftraggeber gefeiert wie ein Großinvestor. Das einstige wirtschaftliche „Zugpferd“ der Stadt, das alte Zahnradwerk, hat seit der Wende an Pferdestärken eingebüßt. Mit der Modernisierung des vormals größten Arbeitgebers der Stadt hat sich auch die Zahl der Angestellten von 1 300 auf heute knapp 250 verringert.
In Pritzwalk ist mittlerweile die Gesundheitswirtschaft die wichtigste Branche. Neben den mehr als 30 niedergelassenen Ärzten – die ihrerseits mehr als 100 Arzthelferinnen beschäftigen –, den Physiotherapeuten, Apotheken und anderen mittelständischen Einrichtungen aus dem Gesundheitssektor sorgt vor allem das Klinikum Pritzwalk der KMG Kliniken AG dafür, dass die Arbeitslosenquote nicht noch höher liegt. Allein dort sind 190 Mitarbeiter angestellt. Hinzu kommen circa 150 Jugendliche, die in den KMG-Schulen für Kranken- und Altenpflege ausgebildet werden. Mit dem sich derzeit im Bau befindlichen Seniorenheim werden zugleich knapp 45 neue Stellen geschaffen. „2005 werden wir darüber hinaus einen Betriebskindergarten einrichten, in dem zwei oder drei Erzieherinnen arbeiten werden“, so eine Krankenhaussprecherin.
Indirekt trägt das Klinikum noch eine ganze Reihe weiterer Jobs in Pritzwalk. 30 Arbeitskräfte beschäftigt allein der größte Krankenhausdienstleister. Dieser stellt Servicekräfte für die Reinigung, die Küche oder Kurierdienste. Auch andere mittelständische Unternehmen der Sekundärwirtschaft verdienen am Klinikum. „Dazu gehören eine Wäscherei, ein Orthopädietechnik-Betrieb, kleine und mittlere Handwerksfirmen oder auch ein Logistikunternehmen“, so der Verwaltungsdirektor des Hauses, Holger Kötzsch.
Forschungsintensive Branchen
Wie viele Arbeitsplätze in anderen Branchen tatsächlich vom Gesundheitsbusiness abhängen, weiß man nicht exakt. Nur vage lässt sich dies berechnen, denn die meisten Dienstleister und Zulieferer sind für zahlreiche Auftraggeber tätig. In einer Studie hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW) durchgerechnet, welche Beschäftigungseffekte die Pharmaindustrie auf andere Branchen hat. An den rund 117 000 direkt Beschäftigten, ermittelte das DIW, hängen weitere 125 000 Erwerbstätige bei Dienstleistern und Zulieferbetrieben.
Effekte auf andere Wirtschaftssparten dürften auch von der Medizintechnik ausgehen, insbesondere in den so genannten Clustern – den Verdichtungen medizintechnischer Unternehmen in einer Region. Rund 450 Medizintechnikunternehmen haben sich beispielsweise in und um Tuttlingen – dem „Weltzentrum für Medizintechnik“, wie sich die Kreisstadt selbst betitelt – angesiedelt. Dabei reicht das Spektrum der Firmen von kleinen Werkstätten mit zwei bis drei Mitarbeitern bis zu weltweit tätigen Unternehmen, wie Karl Storz mit 1 300 Mitarbeitern oder der Firma B. Braun Aesculap mit ungefähr 2 300 Angestellten. Vor allem für den Bereich der Endoskopie und der Endoprothetik sind diese Unternehmen bedeutende Hersteller. „Insgesamt sind deutlich mehr als 10 000 Arbeitsplätze direkt oder indirekt von der Medizintechnik abhängig“, erklärt ein Sprecher der Stadt, in der nur rund 18 000 sozial­ver­sicherungs­pflichtige Jobs gemeldet sind. !
Anders als viele andere Wirtschaftsbereiche schreibt die Medizintechnik schwarze Zahlen. 2003 verzeichnete die Branche ein Wachstum in Höhe von 4,2 Prozent – eine Rate, von der andere nur träumen. Beim Export liegen die deutschen Firmen weltweit auf Platz zwei, hinter den USA. Anders aber als in Amerika wird der Gesundheitssektor hierzulande nicht von riesigen Konzernen, sondern von mittelständischen Unternehmen mit 108 000 Beschäftigten getragen.
Immer mehr Krankenhäuser müssen schließen. Foto: Enker/laif
Immer mehr Krankenhäuser müssen schließen. Foto: Enker/laif
Bundesländer konkurrieren um Gesundheitswirtschaft
Immer mehr Bundesländer, zum Beispiel Nordrhein-Westfalen (NRW), Schleswig-Holstein, Hamburg oder Berlin, nutzen das Gesundheitswesen als Job-Lokomotive. In NRW beispielsweise hat die Landesregierung im September letzten Jahres den „Masterplan Gesundheitswirtschaft NRW“ ins Leben gerufen. Dessen neueste Version 2.0 wurde Anfang März in Düsseldorf als „10-Punkte-Programm für Qualität in der Gesundheitswirtschaft“ vorgestellt. Damit reagierte die Politik auf die Tatsache, dass das Gesundheitswesen mit mehr als einer Million Beschäftigten die „größte Wirtschaftsbranche“ des Landes ist, wie Ministerpräsident Peer Steinbrück (SPD) erklärte. In den kommenden zehn Jahren könnten mehr als 200 000 Arbeitsplätze dazukommen. Mit Geldern in dreistelliger Millionenhöhe soll der Gesundheitsstandort nun gefördert werden, heißt es im NRW-Ge­sund­heits­mi­nis­terium. Wie hoch die Subventionen tatsächlich ausfallen, ist schwer zu überblicken. Denn zum Förderungstopf dazugerechnet werden beispielsweise auch Gelder aus der ohnehin fließenden Krankenhausförderung.
In Hamburg hat man besonderes Augenmerk auf den Gesundheitstourismus gelegt. Die Politik hat sich auf die Fahnen geschrieben, die Hansestadt nun international zu bewerben. Eigens wurde dafür das „Büro für internationale Zusammenarbeit“ in der Behörde für Wissenschaft und Gesundheit geschaffen. Darüber laufen alle Kontakte aus dem Hamburger Gesundheitswesen ins Ausland, wie der Leiter des „Büros für internationale Zusammenarbeit“, Reinhard Hollunder, erklärt. Mitte Februar unterzeichnete Gesundheitssenator Jörg Dräger (parteilos) einen Kooperationsvertrag auf der Medizinmesse „Arab Health“ in Dubai. Mit dem Abkommen soll die Aufnahme ausländischer Touristen in Hamburger Krankenhäuser vereinfacht werden. Darüber hinaus sollen gemeinsame Forschungsprojekte im medizinischen und medizin-technischen Bereich unterstützt und der Wissenstransfer intensiviert werden. Begleitet wurde Dräger von rund 40 Repräsentanten aus der Hansestadt, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Unter dem Motto „Health Care in Northern Germany“ hatten sie auf der Messe die Dienstleistungen im Nahen Osten angepriesen.
Tatsächlich scheint der norddeutsche Raum für Patienten aus den Golf-Anrainer-Staaten interessant zu sein. Ab Oktober des Jahres wird die arabische Fluggesellschaft „Emirates“ einen Direktflug von Hamburg nach Dubai anbieten. Schon letztes Jahr seien circa 1 000 Patienten aus dem arabischen Raum nach Hamburg gekommen, um sich in den Universitätskliniken behandeln zu lassen. Dabei kämen sowohl zahlungskräftige Patienten aus der Oberschicht als auch Durchschnittsverdiener, die in den Golf-Anrainer-Staaten Unterstützungsgelder für Auslandsbehandlungen erhalten, sagt Hollunder.
Mehr Jobs ohne Überversorgung
Während die einen immer mehr das Potenzial des Gesundheitswesens in den Fokus nehmen, sind andere, wie Regierungsberater und Gesundheitsökonom Prof. Dr. med. Karl Lauterbach, kritisch. „Die Zahl derjenigen, die im Gesundheitswesen arbeiten, ist angemessen, und sie wird auch nicht dramatisch steigen“, ist er überzeugt. Nach wie vor ließen sich Qualitätsreserven in Höhe von 20 bis 25 Prozent nutzbar machen, indem man Über- und Unterversorgungen „umschichtet“ und ausgleicht. Das werde dazu führen, dass in einigen Bereichen neue Arbeitsplätze entstehen werden, zum Beispiel in der Pflege. Durch Einsparungen im Arzneimittelsektor würden auf der anderen Seite aber auch Jobs wegfallen, etwa in der Pharmaindustrie.
Es gelte nur das zu fördern, was medizinisch sinnvoll sei. Andernfalls drohe die Gefahr, dass das Gesundheitswesen zu einer künstlichen Arbeitsbeschaffungsmaschine degradiert werde.
Diese Sorge teilt Prof. Dr. Jürgen Wasem nicht. Der Gesundheitsökonom prognostiziert wegen der Alterung der Bevölkerung eine steigende Nachfrage nach Dienstleistungen: „Der Bedarf wird größer, vor allem im Gesundheitswesen.“ Bis 2030 würden die Pro-Kopf-Ausgaben um 20 bis 25 Prozent zunehmen. Dementsprechend werde das Plus an Arbeitsplätzen etwa vergleichbar hoch ausfallen. Abhängig sei dies allerdings von der Finanzierung. „Kostendämpfung steht dem entgegen“, so Wasem.
Ähnlich wie das Prognos-Institut, das in einer Studie auf rund 700 000 zusätzliche Arbeitsplätze kam, schätzt auch Dr. Josef Hilbert das Wachstumspotenzial ein. „Abhängig von den Rahmenbedingungen könnten 400 000 bis 900 000 Arbeitsplätze entstehen“, so der Experte für Gesundheits- und Seniorenwirtschaft am Institut Arbeit
und Technik im Wissenschaftszentrum NRW. Zwar sei das Wachstum durch die Gesundheitsreform vorübergehend gebremst worden. In den kommenden Jahren werde die Jobmaschine jedoch wieder in Gang kommen. Das größte Potenzial – rund die Hälfte der Arbeitsplätze – schreibt Hilbert hierbei der Altenbetreuung zu. Aber auch der Patiententourismus und neue Versorgungs- und Wohnformen böten Wachstumsmöglichkeiten. Grundvoraussetzung für das Jobwachstum sei „mehr Innovationsbiss“.
Mit der Überalterung der Bevölkerung entstünden diese Arbeitsplätze nicht von allein. Wolle man den Jobmotor ankurbeln, müsse mehr Geld in das System. Dabei sollten öffentliche Mittel nur einen Teil ausmachen. „Gesundheit wird von den Menschen nach wie vor als ein hohes Gut angesehen – da werden sie auch mehr Geld in ihre Gesundheitsversorgung investieren“, ist Hilbert überzeugt.
Anlass zur Zuversicht gibt es auch in Schwalmtal. Denn es haben sich bereits neue Investoren aus der Region für die Krankenhausimmobilie gefunden. Ein Immobilienmakler und ein Arzt planen dort für vier Millionen Euro eine Anlage für eine moderne Variante des betreuten Wohnens. Etwa 50 Wohneinheiten sollen hier entstehen, in denen „gesetztere Menschen eigenständig ein Heim finden sollen“, wie der Makler Hans Wilhelm Janissen-Brass erklärt. Sicher und wohl sollen diese sich hier einmal fühlen. Darum wollen die Investoren, dass sich neben verschiedenen Ärzten – vom Röntgenspezialisten bis zum Chirurgen – auch eine Apotheke und eine Physiotherapeuten-Praxis im Haus niederlassen. Janissen-Brass ist überzeugt, dass das Konzept funktioniert: „Manche Dinge haben eben Zukunft.“ Timo Blöß
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