ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/1997Probleme der chemischen Trinkwasserqualität

MEDIZIN: Zur Fortbildung

Probleme der chemischen Trinkwasserqualität

Dtsch Arztebl 1997; 94(1-2): A-38 / B-28 / C-28

Botzenhart, Konrad; Schweinsberg, Friedrich

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LNSLNS Trinkwasser von einwandfreier chemisch-physikalischer Qualität ist keine Selbstverständlichkeit. Die Basis für gesundheitlich begründete Grenzwerte muß durch epidemiologische und toxikologische Untersuchungen gelegt werden. Auch heute noch müssen viele Substanzen, besonders in bezug auf ihre Langzeitwirkung, neu diskutiert und zuweilen auch neu bewertet werden. Die Umsetzung in verbindliche Grenzwerte und eine dementsprechende Analyse- und Aufbereitungstechnik erfordert häufig höchst kontroverse Diskussionen und die Abwägung zwischen konkurrierenden Gütern, wie beispielsweise bei den Agrarchemikalien. Neben Inhaltsstoffen des Rohwassers können auch Substanzen aus dem Verteilungs- und Installationsnetz, namentlich Blei und Kupfer, gesundheitliche Bedeutung erlangen.


Die Gefährdung durch chemische Inhaltsstoffe im Trinkwasser wird in Deutschland meistens eher ernst genommen als die Bedrohung durch Krankheitserreger. Besonders werden gesundheitliche Spätfolgen nach langfristiger Exposition mit niedrigen Dosen gefürchtet. Die Sorgen um die chemische Qualität des Trinkwassers sind nicht unbegründet. Bereits das Niederschlagswasser erfährt durch Schwefeldioxid, Stickoxide und andere Luftverunreinigungen eine erhebliche anthropogene Belastung, die sich sowohl dem Grundwasser als auch dem Oberflächenwasser mitteilt. Das Grundwasser wird vor allem durch die vielfältige Verwendung von Agrar-Chemikalien, durch verschiedene industrielle Aktivitäten, Verkehrswege und Müllablagerungen beeinträchtigt, während das Oberflächenwasser darüber hinaus durch die Einleitung von häuslichem und industriellem Abwasser dauernd belastet wird und zusätzlich durch unbeabsichtigte Einleitungen nach Unfällen, Bränden oder Nachlässigkeit gefährdet ist. Infolge von gesetzgeberischen und technischen Maßnahmen ist allerdings die Belastung der Gewässer in Deutschland deutlich rückläufig, sowohl ihre chemische als auch ihre biologische Qualität hat sich teilweise erheblich gebessert (22). Daher sind einige Substanzen, welche über den Trinkwasserpfad aufgenommen werden und zu Erkrankungen führen können oder auch geführt haben, diesbezüglich ohne aktuelle Bedeutung, wie zum Beispiel Cadmium, Quecksilber und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK).


Grenz- und Richtwerte
Grenz- und Richtwerte für chemische Substanzen sind in den Anlagen 2, 3, 4 und 7 zur Trinkwasserverordnung (TrinkwV, 6) aufgeführt, in der Anlage 2 solche für Stoffe mit vermuteter gesundheitsschädlicher Wirkung in trinkwasserrelevanten Konzentrationen (Tabelle 1). Anlage 3 enthält die für Aufbereitung und Desinfektion allein zulässigen Zusatzstoffe, Anlage 4 "Kenngrößen und Grenzwerte zu Beurteilung der Beschaffenheit des Wassers", Anlage 7 Richtwerte für Zink und Kupfer. Sie entsprechen den Werten, die in der EG-Richtlinie über die Qualität von Wasser zum menschlichen Gebrauch (17) festgelegt sind. Sie dürfen allenfalls strenger sein. Die EG-Richtlinie wird zur Zeit überarbeitet, so daß auch eine Anpassung der TrinkwV erforderlich werden dürfte (1, siehe auch Tabelle 2). Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) hat "Leitwerte" für chemische Stoffe empfohlen (23). Ausführliche Ableitungen und Begründungen der Werte sind in den WHO-Richtlinien (23) enthalten, zu den EG-Werten bei Premazzi et al. (16) dargestellt. Die Richtlinien der EG und der Bundesrepublik kommen in einigen Fällen, aber nicht immer, zu strikteren Grenzwerten (Tabelle 2). Die Grenzwerte sollen sicherstellen, daß das Wasser lebenslang ohne Gesundheitsschaden getrunken werden kann. Für ihre Festlegung können aber ganz unterschiedliche Kriterien maßgeblich sein (Tabelle 3).


Kriterien derGrenzwertfestsetzung
Bei der Grenzwertfestsetzung aufgrund einer (a) toxikologischen Einzelbewertung müssen die Wirkungen in den Zielorganen und die Dosis-Wirkungsbeziehungen der Substanz bekannt sein, ferner die über das Trinkwasser aufgenommene und resorbierte Menge in bezug auf die Gesamtzufuhr sowie die Wirkungsweise von Metaboliten und die Wirkung auf spezielle Risikogruppen (zum Beispiel Säuglinge) oder unter besonderen Umständen (beispielsweise in heißen Klimaregionen). Auf diese Weise sind die Grenzwerte für Blei, Cyanid, Fluorid und Quecksilber abgeleitet.
Das (b) Vorsorgeprinzip wird auf potentiell toxische Substanzen und Substanzgruppen angewendet, die man am liebsten überhaupt nicht im Trinkwasser finden möchte, weil sie natürlicherweise nicht vorkommen und für die Trinkwassergewinnung, -versorgung und -gebrauch keinerlei Nutzen mit sich bringen (8). Dies betrifft vor allem die organisch-chemischen Stoffe zur Pflanzenbehandlung und Schädlingsbekämpfung (PBSM). Der Grenzwert wurde in den Bereich der (inzwischen allerdings überholten) Bestimmungsgrenze gelegt. Die WHO hat dagegen, im Hinblick auf Entwicklungsländer, in denen die Steigerung der Nahrungsmittelproduktion Vorrang hat, für ungefähr 35 PBSM toxikologisch ermittelte Leitwerte angegeben. Mit der Grenzwertfestsetzung allein ist es aber nicht getan. Man muß die Werte kontinuierlich (entsprechend dem Gebrauch in der Landwirtschaft) analytisch kontrollieren können, die PBSM gegebenenfalls aus dem Wasser entfernen oder ihren Gebrauch einschränken können. Insofern bietet das Vorsorgeprinzip entscheidende Vorteile.
Für (c) kanzerogene Substanzen ist eine Wirkungsschwelle nach heutiger Kenntnis nicht zu ermitteln. Man toleriert daher bei natürlich vorkommenden Substanzen ein epidemiologisch abgestütztes Restrisiko ("Referenzrisiko") in der Größenordnung von einem Krebsfall auf 105 Personen bei lebenslanger Zufuhr mit dem Trinkwasser. Dies gilt beispielsweise für die Substanzen Arsen, Cadmium und die Gruppe der PAK. Soweit kanzerogene Substanzen technisch bedingt oder technisch beeinflußbar sind, gilt außerdem das Minimierungsgebot, das heißt sie sollen auch unterhalb der festgelegten Grenzwerte soweit wie technisch möglich vermindert werden. Dies gilt vor allem für die Desinfektionsnebenprodukte. Grenzwerte aufgrund (d) ästhetischer Gesichtspunkte sind einerseits für die Akzeptanz des Wassers bedeutend, die Merkmale Geruch, Geschmack, Färbung und Trübung sind aber manchmal auch entscheidende Indikatoren für unkontrollierte Verschlechterungen der Wasserqualität durch Eindringen von Fremdwasser, Versagen der Aufbereitung oder fehlerhafte Arbeiten am Verteilungsnetz. Hinweise auf Gefahren für die Wassergüte sind ferner von gesundheitlich zunächst unerheblichen Eigenschaften wie Oxidierbarkeit und pH-Wert abzuleiten.


Grenzwerte wichtiger Substanzen
Von den Substanzen, die in der TrinkwV, von der EG oder der WHO mit Grenzwerten belegt sind, sollen im folgenden diejenigen betrachtet werden, die in Deutschland im Trinkwasser nicht nur vereinzelt auftreten und deren gesundheitliche Auswirkungen in den letzten Jahren eingehender diskutiert worden sind. Es handelt sich dabei um Aluminium, Arsen, Asbest, Blei, Fluorid, Kupfer, Nitrat, PBSM und Trihalogenmethane. Die Hinweise auf schädliche Wirkungen von Bor (bei männlichen Ratten reproduktionstoxisch) und Bromat (mutagen, bei Ratten kanzerogen) (24) sind noch zu neu, als daß für das Trinkwasser eine fundierte Beurteilung möglich wäre.


Aluminium
Aluminium (Al) ist in der Erdkruste sehr weit verbreitet. Al-Verbindungen werden als Folge des sauren Regens vermehrt aus Boden und Gesteinen mobilisiert und ins Rohwasser eingetragen. Außerdem werden sie bei der Wasseraufbereitung als Flockungsmittel zugesetzt. Es ist ein Zusammenhang zwischen der Al-Aufnahme, speziell mit dem Trinkwasser, und dem Auftreten der Alzheimerschen Krankheit diskutiert worden. Die epidemiologischen Daten, die diese Annahme stützen könnten, sind aber sehr lückenhaft. Neuere Forschungen über die Pathogenese der Alzheimerschen Erkrankung lassen keinen Zusammenhang zwischen Al-Aufnahme mit dem Trinkwasser und der Alzheimerschen Erkrankung erwarten. Die durch Al in Medikamenten und dem Dialysewasser verursachte Enzephalopathie von Dialyse-Patienten hat ein anderes Erscheinungsbild und kann im Unterschied zur Alzheimerschen Krankheit durch Chelatbildner erfolgreich behandelt und durch Verwendung von Al-armem Wasser verhindert werden (11). Die WHO sieht aufgrund der vorhandenen Daten keine Notwendigkeit, aus gesundheitlichen Gründen einen Leitwert für Al festzulegen. Der Wert der EG für diesen Parameter wird als "Indikatorwert" bezeichnet, also als Zeichen unvollkommener Aufbereitung.


Arsen
Arsen ist ebenfalls in Böden und Gesteinen weit verbreitet und kann daher in manchen Regionen wegen der lokalen geologischen Verhältnisse vermehrt im Wasser auftreten. Aufgrund neuerer epidemiologischer Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Arsen und Krebserkrankungen (Bronchial-, Blasen- und Hautkarzinome) ist die im Trinkwasser zulässige Arsenkonzentration von 0,040 mg/l auf 0,010 mg/l herabgesetzt worden. Damit wird aber statt des generell akzeptierten Zusatzrisikos von 1025 ein Lebenszeitrisiko von 631024 für Hautkrebs in Kauf genommen (23).


Asbest
Es ist bekannt, daß Asbest bei Aufnahme über die Luftwege zu Mesotheliomen und Bronchialkarzinomen führen kann. Dies wirft die Frage auf, inwieweit die Verwendung von Asbestzement für Wasserleitungsrohre zulässig ist. In manchen Regionen der Erde werden aus dem Gestein vergleichsweise sehr viel höhere Asbestfaserkonzentrationen an das Wasser abgegeben. Die WHO kommt zu dem Schluß, daß es kein beweiskräftiges Material dafür gibt, daß oral aufgenommenes Asbest der Gesundheit schaden kann oder zu vermehrten Krebserkrankungen führt. Daher ist in Übereinstimmung mit der Richtlinie der EG und der TrinkwV kein Leit- oder Grenzwert für Asbest im Trinkwasser festgesetzt worden.


Blei
Seit langem ist bekannt (bereits Vitruv weist darauf hin, 25), daß Blei (Pb) toxisch ist und sowohl die Blutbildung als auch das sich entwickelnde Nervensystem schädigt. Der früher bestehende Grenzwert im Trinkwasser von 0,100 mg/l ist durch die TrinkwV von 1975 auf 0,040 mg/l herabgesetzt worden. Neuere Erkenntnisse zeigen aber, daß für Kinder bereits Werte über 0,010 mg Pb/l als schädlich angesehen werden müssen. Diese Konzentration wird von der WHO und dem Entwurf zur neuen EG-Richtlinie angesetzt. Der Wert errechnet sich aus der zufolge der WHO vorläufig duldbaren wöchentlichen Zufuhr (PTWI) von 0,035 mg/kg Körpergewicht für ein fünf kg schweres Kind mit 750 ml täglicher Wasserzufuhr und 50 Prozent der PbZufuhr über dieses Wasser. Die Herabsetzung des Grenzwertes auf 0,010 mg/l führt dazu, daß keine Bleirohre mehr im Haushalt oder in den Hauszuleitungen verwendet werden dürfen, da bei Stagnation des Wassers in den Leitungen der Wert sonst nicht eingehalten werden kann (2, 13). Auch bleihaltige Legierungen für Armaturen, Dichtungen und Lötzinn in der Hausinstallation müssen vermieden werden. Als Eintragsweg von lokaler Bedeutung ist Grund- und Quellwasser aus früheren Bleibergbaugebieten zu nennen.


Fluorid
Der natürliche Gehalt an Fluorid (F¯) im Trinkwasser liegt in Deutschland fast überall erheblich unter dem zur Kariesprophylaxe optimalen Wert von 0,7–1,2 mg/l. Daher wird häufig ein Zusatz von F zum Trinkwasser in den Wasserwerken gefordert, was aber die TrinkwV nicht zuläßt. Man muß sich vor Augen halten, daß F¯ in einer Menge von 5 bis 50 mg F¯/kg Körpergewicht tödliche Vergiftungen verursacht und solche durch fluoridiertes Trinkwasser nach Fehlern in der Dosieranlage auch schon vorgekommen sind (10). Die Fehldosierung ist organoleptisch nicht wahrnehmbar. Da das F¯ mit Erfolg und sicherer auch auf anderem Wege zugeführt werden kann (20), wie mit Speisesalz oder fluoridierter Zahnpaste, ist es nicht sinnvoll, in den Wasserwerken eine derartige Gefahrenquelle zu installieren.


Kupfer
Kupfer (Cu) ist ein für die menschliche Gesundheit essentielles Spurenelement. Seit 1984 sind aber in Deutschland Fälle von frühkindlicher Leberzirrhose beschrieben worden, die auf eine erhöhte Cu-Aufnahme mit dem Trinkwasser zurückgeführt wurden (9). Diese Befunde haben sich im Unterschied zu den Ausführungen der WHO bestätigt (5, 19). Ein genetischer Faktor kann eine Rolle spielen (12). Für Neugeborene, bei denen im Vergleich mit Erwachsenen die Synthese des Transportproteins Coeruloplasmin noch nicht voll entwickelt ist, muß die Cu-Zufuhr begrenzt werden (7). Die aufgetretenen hohen CuKonzentrationen im Trinkwasser hatten ihre Ursache darin, daß bei Einzelversorgungen mit relativ saurem Wasser (pH < 6,5) Cu-Leitungen verwendet wurden. Wasser aus zentralen Versorgungsanlagen mit vorschriftsmäßig eingestelltem pH-Wert hat noch nicht zu derartigen Fällen geführt. Dieser Befund weist auf die besondere Situation der Eigen- und Einzelversorgungen hin, die häufig unzureichend überwacht werden, und darüber hinaus auf die Notwendigkeit, den pH-Wert des Trinkwassers entsprechend dem Grenzwert der TrinkwV so einzustellen, daß die Korrosion von metallischen Installationswerkstoffen gering gehalten wird. Eine generelle Ablehnung von Kupferleitungen kann man daraus aber nicht ableiten.


Nitrat
Nitrat wird von der Landwirtschaft mit Kunstdünger und tierischem Dünger in großer Menge in das Grundwasser eingetragen. Hohe Konzentrationen werden daher vor allem in Wasser aus Brunnen und Quellen im Bereich intensiver Landwirtschaft beobachtet. Aus Nitrat bildet sich durch baktierelle Reduktion Nitrit, besonders in bakteriell besiedelten Brunnen und Vorratsbehältern, Nahrungsmitteln, im Mund und auch noch im Magen. Mögliche schädliche Folgen sind die Methämoglobinämie bei Säuglingen, die nicht gestillt werden, etwa bis zum dritten Monat, sowie die Bildung von kanzerogenen N-Nitrosoverbindungen nach Umsetzung mit sekundären Aminen im sauren Milieu des Magens. Ein kanzerogenes Potential von bakteriologisch einwandfreiem Wasser mit erhöhtem Nitratgehalt ist epidemiologisch nicht dokumentierbar (24). Der in der TrinkwV enthaltene Grenzwert von 50 mg/l wird allein mit der Gefahr der Methämoglobinämie begründet. Nitrat wird auch aus anderen Quellen, wie Gemüse, zugeführt. Es wird geschätzt, daß Erwachsene bei einer Konzentration von 50 mg/l im Wasser etwa die Hälfte des Nitrates mit dem Wasser aufnehmen.


Pestizide und Herbizide
Organisch-chemische Stoffe zur Pflanzenbehandlung und Schädlingsbekämpfung einschließlich ihrer toxischen Hauptabbauprodukte (PBSM): In Deutschland und der EU gilt ein Vorsorgewert (Tabelle 3) für die Summe der PBSM, von der WHO wurden dagegen toxikologisch begründete Leitwerte für zirka 35 PBSM festgelegt. Diese liegen für die Substanzen Aldrin/Dieldrin und Heptachlor noch unter dem europäischen Vorsorgewert von 0,1 mg/l, überwiegend aber weit darüber. Hier kommen, wie erwähnt, unterschiedliche Prinzipien und Prioritäten zum Ausdruck. Im Unterschied zur WHO hat sich in Europa die Auffassung durchgesetzt, daß in Trinkwassereinzugsgebieten als PBSM keine Mittel verwendet werden sollen, welche in Grund- und Oberflächenwasser übergehen und dort für Monate oder Jahre persistieren können (8, 16). Man geht mit dieser grundsätzlichen Ablehnung einerseits einer berechtigten, endlosen Diskussion über die Schädlichkeit vorhandener Reste von PBSM und den damit verbundenen Zweifeln an der Trinkwassergüte aus dem Wege und vermeidet andererseits die konkreten Probleme einer lückenlosen, ausreichend genauen Analytik und ihrer Kosten, die für kleine Wasserwerke untragbar sein können.


Trihalogenmethane
Bei der Desinfektion des Wassers mit Chlor kommt es zur Bildung von Reaktionsprodukten des Chlors mit organischen Wasserinhaltsstoffen, zum Beispiel Zerfallsprodukten von Algen oder Huminsäuren aus Wald- und Moorböden. Die Trihalogenme-thane (THM) sind dabei am stärksten vertreten mit Chloroform als Leitsubstanz (4, 18). Eine Metaanalyse epidemiologischer Studien aus den USA ergab, daß mit Chlor desinfiziertes Trinkwasser mit einem erhöhten Krebsrisiko vor allem in bezug auf Blasen- und Rektumkarzinome assoziiert ist (14, 15). Diese Beobachtung kann auch durch andere Wasserinhaltsstoffe (beispielsweise Arsen) verursacht sein, jedoch wurde die kanzerogene Wirkung der THM im Tierversuch bestätigt. In den USA sind traditionsgemäß die zur Trinkwasseraufbereitung eingesetzten Chlormengen höher als in Europa, es werden auch, ebenso wie von der WHO, höhere THM-Konzentrationen zugelassen. Sie orientieren sich an den substanzspezifischen zugemuteten Restrisiken und berücksichtigen den Umstand, daß auch bei unzulänglicher Wasseraufbereitung keinesfalls der Desinfektionserfolg in Frage gestellt werden darf. Die EG-Richtlinie und die TrinkwV setzen strengere Werte fest, weil es durch Maßnahmen der Wasseraufbereitung, namentlich durch Entfernung organischer Reaktionspartner des Chlors, möglich ist, niedrigere THM-Werte zu erreichen (Minimierungsgebot). Durch diese Maßnahmen wird außerdem die Zuverlässigkeit der Desinfektion mit Chlor erhöht. Die hier geltenden Grenzwerte liegen deutlich unter den von der WHO mit den genannten Krebsrisiken assoziierten Konzentrationen, so daß bei Einhaltung der Werte und auch bei vorübergehender Überschreitung keine Gesundheitsgefahr anzunehmen ist. In Deutschland liegen die THM-Werte meist unter der Bestimmungsgrenze von 0,5 µg/l . Konzentrationen über fünf µg/l finden sich speziell nach Transport in langen Leitungsstrecken, in denen das zugesetzte Chlor viele Stunden oder Tage mit organischen Stoffen reagieren kann. Der Grenzwert von 10 µg/l wird nur selten überschritten (3). Die Desinfektion des Wassers kann anstatt mit Chlor auch mit Chlordioxid, Ozon oder UV-Strahlen erfolgen. Eine Alternative bildet am ehesten das Chlordioxid, bei dessen Verwendung ebenso wie bei Chlor über längere Zeiträume antimikrobiell wirksame Konzentrationen aufrechterhalten werden können, ohne daß es aber zu erheblicher Bildung von THM kommt. Chlordioxid ist ein stärkeres Oxidationsmittel als Chlor; die zur Desinfektion erforderlichen Konzentrationen sind niedriger.


Überschreitung der Grenzwerte
Überschreitungen der Grenzwerte der Trinkwasserverordnung durch die Versorgungsunternehmen sind selten, zumal sie als Straftat geahndet werden können (§ 23 TrinkwV), und müssen unverzüglich abgestellt werden. In Baden-Württemberg (21) handelt es sich dabei vor allem um erhöhte Konzentrationen von Nitrat (ein bis zwei Prozent der Versorgungsanlagen), Atrazin (zirka ein Prozent) und Desethylatrazin (vier Prozent). Die zuverlässige, dauerhafte Gewährleistung einer einwandfreien Trinkwasserqualität ist aber bei ungünstiger Rohwasserbeschaffenheit mit einem hohen Aufwand für die Aufbereitung und die Analytik verbunden.
Das Wasser aus vorschriftsmäßig geführten und überwachten Anlagen sollte nach heutiger Kenntnis keinerlei nachweisbare Gesundheitsschäden verursachen. Ausnahmen sind eventuell bei selten kontrollierten Eigen- und Einzelversorgungen zu vermuten. Zu ärztlicher Besorgnis gibt am ehesten die Bleikorrosion in entsprechend installierten Gebäuden Anlaß. Die erwähnten Fälle der frühkindlichen Leberzirrhose sollten darüber hinaus daran erinnern, daß auch zunächst gesundheitlich unerhebliche Abweichungen wie zu geringer pH-Wert oder auffälliger Geruch oder Geschmack Anzeichen oder Ursache für gesundheitsschädliche Veränderungen des Wassers sein können.


Resümee
Der Nachweis zahlreicher anthropogener Fremdstoffe im Rohwasser und im Trinkwasser rechtfertigt Besorgnisse um die chemische Qualität des Trinkwassers. Bei der steigenden Leistungsfähigkeit moderner Analysenmethoden darf der Grundsatz "dosis fecit velenum" nicht vergessen werden. Durch Maßnahmen des allgemeinen Umweltschutzes und des speziellen Ressourcenschutzes für das Trinkwasser ist in Deutschland die Gefährdung durch Chemikalien aus industriellen Abwässern zur Zeit nicht erkennbar, aber bei Unfällen nicht auszuschließen. Im Bereich der Agrarchemikalien kann bei Einhaltung bestehender Grenz- und Vorsorgewerte ein Gesundheitsrisiko über den Trinkwasserpfad als unwahrscheinlich gelten. Dagegen mußten in den letzten Jahren altbekannte Schadstoffe wie Blei und Arsen einer Neubewertung unterzogen werden und als harmlos geltende Substanzen wie Aluminium und Kupfer unter neuen Aspekten mit unterschiedlichem Ergebnis bezüglich ihrer gesundheitlichen Relevanz diskutiert werden. Neben der Qualität des Wassers "ab Werk" müssen die Veränderungen im Verteilungsnetz und der Hausinstallation berücksichtigt werden. Bei den Desinfektionsnebenprodukten, beispielsweise den THM, muß ein Mittelweg zwischen den gewünschten und den unerwünschten Folgen gefunden werden. Je nach Interessenlage differieren die resultierenden Grenzwerte um Zehnerpotenzen. Die Schwierigkeiten bei der Festlegung von Grenzwerten machen deutlich, daß eine gute Rohwasserqualität unersetzlich ist, wenn man sich nicht in die Abhängigkeit von einer sehr aufwendigen Aufbereitungstechnik, Analytik und unter Umständen politisch beeinflußten Grenzwertfestlegung begeben will.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1997; 94: A-38–42
[Heft 1-2]
Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis im Sonderdruck, anzufordern über die Verfasser.


Anschrift der Verfasser:
Prof. Dr. med. Konrad Botzenhart Prof. Dr. rer. nat. Friedrich Schweinsberg
Hygiene-Institut, Abteilung für Allgemeine Hygiene und Umwelthygiene
Wilhelmstraße 31
72074 Tübingen

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