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Fehlende Compliance: Patienten, die dem Arzt etwas vorgaukeln

Dtsch Arztebl 2005; 102(10): A-704 / B-596 / C-556

Sonnenmoser, Marion

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Foto: Eberhard Hahne
Foto: Eberhard Hahne
Ein Kranker tut alles, um wieder gesund werden. Er geht zum Arzt, lässt sich untersuchen, beraten und Medikamente verschreiben. Dann löst er sein Rezept ein, nimmt die Medikamente vorschriftsmäßig und befolgt alle Empfehlungen seines Arztes. Was sich vernünftig anhört, entspricht nicht der Realität. Tatsächlich gibt es kaum einen Patienten, der eine Arzneimitteltherapie richtig durchführt. Etwa ein Fünftel der Rezepte wird nicht eingelöst, und die Hälfte aller Medikamente werden gar nicht oder falsch angewandt. In einem Drittel der Fälle entstehen dadurch ernste Gesundheitsschäden.
Die häufigste Ursache für ungenügende Therapietreue sind Ängste, Vorbehalte und Zweifel der Patienten. Sie misstrauen den Medikamenten, fürchten mögliche Neben- und Wechselwirkungen und setzen Medikamente eigenmächtig ab, die zunächst ihren Zustand verschlechtern. Dazu kommt, dass viele Patienten in Zeiten der Wissensbeschaffung über das Internet oft eine andere Meinung zu Diagnose, Krankheitsursachen und Therapie haben als der Arzt.
Manche Patienten wenden ihre Medikamente falsch an, weil sie nicht ausreichend informiert wurden. Sie wissen nicht genau, wann oder wogegen sie die Medikamente einnehmen sollen, und verstehen die Packungsbeilage nicht. Besonders geistig oder körperlich beeinträchtigten Patienten fällt es schwer, sich an die Therapievorschriften zu halten. Die Bereitschaft zur Mitarbeit sinkt außerdem, wenn die Therapie kompliziert ist und nur schlecht in den Alltag eingebunden werden kann.
Darüber hinaus lässt die Therapietreue in der Regel mit der Dauer einer Therapie nach, alte Verhaltensmuster schleichen sich wieder ein. Ein weiterer Grund für Non-Compliance ist der fehlende Leidensdruck, vor allem bei Krankheiten, die keine direkten Beschwerden verursachen wie etwa Bluthochdruck. Auch eine schlechte Beziehung zwischen Arzt und Patient kann eine Ursache von Non-Compliance sein. „Wenn der Patient kein Vertrauen zum Arzt hat, sich bevormundet und nicht verstanden fühlt, hält er sich auch nicht an die Therapieregeln“, haben Dr. med. Hubert O. Heuer aus Frankfurt/Main und Sabine Heuer, Apothekerin in Schwabenheim, beobachtet.
Ärzte erfahren längst nicht immer von absichtlichen Änderungen des Therapieplans. Denn Patienten können sehr erfindungsreich sein, wenn es darum geht, ihrem Arzt eine gute Compliance vorzugaukeln. Beispielsweise befolgen sie nur kurz vor einem Arztbesuch die Therapieanweisungen, unterlassen sie aber sonst. Oder sie nehmen zwei Tage oder länger ein Arzneimittel nicht mehr ein. Über die Länge der „Arzneimittelferien“ entscheiden sie willkürlich. Solche Strategien der Non-Compliance sind keine Bagatellen, sondern richten bei Patienten, im Gesundheitswesen und in der Volkswirtschaft großen Schaden an. Auch für Ärzte wird die Behandlung mühselig, denn sie müssen regelrecht Detektivarbeit leisten, um den Patienten auf die Schliche zu kommen.
Wünschenswert wäre es, dass die Patienten freiwillig, eigenverantwortlich, gewissenhaft und in enger Zusammenarbeit mit dem Arzt ihre Therapien durchführen. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist – neben einer ausführlichen Information des Patienten über Krankheit und Behandlung – eine Arzt-Patient-Beziehung, die von gegenseitigem Vertrauen geprägt ist. Ärzte können das Vertrauen ihrer Patienten gewinnen, indem sie ihnen mit einer positiven und interessierten Grundhaltung begegnen und sich Zeit für Gespräche nehmen – auch wenn diese nicht ausreichend honoriert werden. Die meisten Patienten öffnen sich, wenn sie merken, dass sie ernst genommen werden, und sind dann auch zur Mitarbeit bereit. Die Entscheidung zur Therapie müssen Arzt und Patient gemeinsam tra-gen, und beide sollten sie als
Teamleistung verstehen. Aufbau und Pflege von tragfähi-gen Arzt-Patient-Beziehungen können unter anderem in Gesprächsführungskursen erlernt
werden. Marion Sonnenmoser
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