ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2005Risiken kohlenhydratarmer Diäten

MEDIZIN: Editorial

Risiken kohlenhydratarmer Diäten

Dtsch Arztebl 2005; 102(11): A-750 / B-628 / C-586

Hauner, Hans

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LNSLNS Von vermuteten großen Erfolgen kohlenhydratarmer („low carb“) Diäten zur Gewichtsreduktion, die in den USA erzielt werden, berichten auch deutsche Medien. Angeblich sollen schon bis zu 50 Millionen US-Amerikaner diese Ernährungsweise praktizieren. Jetzt soll diese Erfolgsgeschichte in Europa wiederholt werden, dementsprechend wird die deutsche Ärzteschaft zunehmend mit Fragen ihrer Patienten zu diesem Thema konfrontiert.
In den USA sind kohlenhydratarme Diäten in den letzten Jahren sehr populär geworden. Medizinische Außenseiter, wie der kürzlich verstorbene Dr. Atkins, propagieren mit großem Erfolg entsprechende Konzepte, weil nach ihrer Einschätzung die bisherigen Maßnahmen zur Vermeidung und Behandlung von Übergewicht versagt hätten. Ein gängiges Argument ist, dass die Nordamerikaner trotz Reduzierung des Fettkonsums immer dicker geworden seien. Die eigentlichen Übeltäter sind jetzt vor allem die schnell resorbierbaren Kohlenhydrate, die über eine gesteigerte Insulinsekretion und den folgenden Blutzuckerabfall eine übermäßige Gewichtszunahme fördern sollen. Nur durch Weglassen der Kohlenhydrate könnten die eingelagerten Fette, so die Hypothese, verbrannt werden.
Um die Antwort vorwegzunehmen: Diese Argumente sind nicht stichhaltig. Der relative Anteil der durch Fette zugeführten Kalorien ist zwar zurückgegangen, nicht aber der absolute, weil die Gesamtenergiezufuhr in den letzten 20 Jahren um schätzungsweise 300 bis 400 kcal/Tag gestiegen ist, beispielsweise als Folge größerer Portionen. Gleichzeitig bewegen sich die US-Amerikaner immer weniger (4), sodass die Zunahme der Adipositas im Wesentlichen mit diese beiden Beobachtungen erklärt werden kann. Grundsätzlich entscheidet nicht die Zusammensetzung der Nährstoffe, sondern allein die Energiebilanz über die Gewichtsentwicklung.
Metabolische Risikofaktoren
Seit Mitte des vergangenen Jahres wurden die Ergebnisse von mehreren randomisierten, kontrollierten Studien veröffentlicht, in denen die Wirkung von kohlenhydratarmen Diäten, darunter auch der klassischen Atkins-Diät, mit der von mäßig hypokalorischen, konventionellen Diäten verglichen wurde. Nach sechs Monaten verloren die Probanden in allen Studien nach einer Kohlenhydratreduktion mehr Gewicht als bei einer konventionellen fettreduzierten Diät (5,8 bis 12,0 kg versus 1,9 bis 6,5 kg) (2, 3, 7, 10). Dabei konnte auch ein stärkerer Abfall der Serumtriglyzeride beobachtet werden. Bezüglich anderer Parameter des Glucose- und Lipidstoffwechsels fanden sich aber keine Unterschiede zwischen den verglichenen Diäten.
Dies werteten die Protagonisten kohlenhydratarmer Diäten als Erfolg. Überraschend waren die Ergebnisse aber kaum, da solche Diäten bereits vor 30 Jahren populär waren, aber trotz guter Anfangswirkung wegen verschiedener Bedenken wieder aufgegeben wurden (1). In der Zwischenzeit liegen die Ein-Jahres-Ergebnisse von zwei ursprünglich im New England Journal of Medicine publizierten Studien vor. In beiden Untersuchungen war die Gewichtsabnahme nach zwölf Monaten zwischen beiden Kostformen nicht mehr signifikant verschieden, die Gewichtsreduktion lag bei 3 bis 5 kg unterhalb des Ausgangsgewichts, die günstigen Effekte der kohlenhydratarmen Kost auf die Serumtriglyze-
ride blieben aber erhalten (3, 7, 8). Im Vergleich zur konventionellen fettreduzierten Mischkost wurde unter den kohlenhydratarmen Diäten erwartungsgemäß eine Tendenz zu höheren LDL-Cholesterin-, Harnsäure- und Harnstoffwerten sowie ein erhöhtes Nierensteinrisiko festgestellt (6, 8). Dies wirft die Frage auf, wie kohlenhydratarme Diäten langfristig abschneiden und wie sie sich insbesondere auf das kardiovaskuläre Risiko auswirken. Inzwischen weisen einige Studien darauf hin, dass eine Ernährung, die reich an gesättigten Fettsäuren und ballaststoffarm ist, das kardiovaskuläre und das Diabetesrisiko erhöht (9). Somit ist zu befürchten, dass kohlenhydratarme Diäten entsprechende Folgen haben.
Eine Analyse der Nährstoffaufnahme nach einem Jahr ergab, dass die Studienteilnehmer unter der kohlenhydratarmen Kost die Cholesterinzufuhr um 32 Prozent und die Gesamtfettzufuhr um 31 Prozent gesteigert hatten, wohingegen die Kohlenhydratzufuhr um 52 Prozent (auf 120 ± 93 g/Tag) und die Ballaststoffaufnahme um 42 Prozent (auf 7 g/Tag) zurückgegangen war. Dies verdeutlicht, dass die angestrebte Begrenzung der Kohlenhydratzufuhr nur teilweise erreicht wurde. Darüber hinaus wurde die Gesamtenergieaufnahme unter der kohlenhydratarmen Kost stärker verringert als bei konventioneller hypokalorischer Mischkost (8). Rechnerisch erfolgte bei der kohlenhydratarmen Kost bei einer Begrenzung auf 30 g/Tag eine Kalorieneinsparung von 1 000 bis 1 500 kcal/Tag, wohingegen bei der konventionellen Reduktionskost das angestrebte Kaloriendefizit lediglich bei 500 bis 600 kcal/Tag lag, somit bestand keine vergleichbare Kalorienreduktion. Letztlich entscheiden aber die Kalorienmenge und die Dauer der Kalorienbegrenzung und nicht die Art der Diät über den Gewichtserfolg (1).
Langfristig ist Kalorienzufuhr ausschlaggebend
Die begrenzten Erfahrungen mit kohlenhydratarmen Diäten deuten zwar auf einen guten initialen Gewichtsverlust, über einen Zeitraum von sechs Monaten hinaus bieten kohlenhydratarme Diäten aber keine Vorteile. Da die Lebensmittelauswahl stark eingeengt ist, scheint die Langzeitcompliance eher schlechter als unter den konventionellen fettreduzierten Diäten zu sein. Erfolgreiche Langzeitabnehmer (mehr als 13,6 kg über einen Zeitraum von mindestens fünf Jahren) zeichnen sich vor allem durch eine starke Fettreduktion und hohe körperliche Aktivität aus (5). Somit gibt es keine überzeugenden Argumente, die bisherigen Konzepte zu verwerfen, selbst wenn diese keine eindrucksvollen Gewichtserfolge erzielen, mühsam zu befolgen sind und auf lange Sicht häufig scheitern. Wunderdiäten gibt es nicht, es bleibt nur der steinige Weg über eine Lebensstiländerung mit knapper, aber ausgewogener Ernährung und regelmäßiger körperlicher Bewegung. Wichtig für den kurzfristigen Gewichtserfolg ist, dass die Art der Kalorienbegrenzung mit dem individuellen Lebensstil und den Essvorlieben vereinbar ist. Dort ist möglicherweise Platz für die kurzzeitige Wahl kohlenhydratarmer Diäten. Für die Sicherung des Langzeiterfolgs gibt es bisher aber keine Alternative zur fett- und kalorienbegrenzten Ernährung.

Manuskript eingereicht: 14. 9. 2004, angenommen:
21. 9. 2004

Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2005; 102: A 750–751 [Heft 11]

Literatur
1. Bravata DM, Sanders L, Huang J, Krumholz HM, Olkin I, Gardner CD: Efficacy and safety of low-carbohydrate diets: a systematic review. JAMA 2003; 289: 1837–1850
2. Brehm BJ, Seeley RJ, Daniels SR, D'Alessio DA: A randomised trial comparing a very low carbohydrate diet and a calorie-restricted low fat diet on body weight and cardiovascular risk factors in healthy women. J Clin Endocrinol Metab 2003; 88: 1617–1623.
3. Foster GD, Wyatt HR, Hill JO, McGuckin BG, Brill C, Mohammed BS, Szapary PO, Rader DJ, Edman JS, Klein S: A randomized trial of a low-carbohydrate diet for obesity. N Engl J Med 2003;348:2082–90
4. Kimm SY, Glynn NW, Krisha AM, Barton BA, Kronsberg SS, Daniels SR, Crawford PB, Sabry ZI, Liu K: Decline in physical activity in black girls and white girls during adolescence. N Engl J Med 2002; 347: 709–715.
5. Klem ML, Wing RR, McGuire MT, Seagle HM, Hill JO: A descriptive study of individuals at long-term maintenance of substantial weight loss. Am J Clin Nutr 1997; 66: 239–246.
6. Reddy ST, Wang CY, Sakhace K, Brinkley L, Pak CY: Effect of low carbohydrate high protein diets on acid-base balance, stone-forming propensity, and calcium metabolism. Am J Kidney Dis 2002; 40: 265–274.
7. Samaha FF, Iqbal N, Seshadri P, Chicano KL, Daily DA, McGrory J, Williams T, Williams M, Gracely EJ, Stern L: A low-carbohydrate as compared to a low-fat diet in severe obesity. N Engl J Med 2003; 348: 2074–2081.
8. Stern L, Iqbal N, Seshadri P, Chicano KL, Daily DA, McGrory J, Williams M, Gracely EJ, Samaha FF: The effects of low-carbohydrate versus conventional weight loss diets in severely obese adults: one-year follow-up of a randomized trial. Ann Intern Med 2004; 140: 778–785.
9. World Health Organization: Diet, nutrition, and prevention of chronic diseases. World Health Organization, Technical Report Series 916, Geneva 2003.
10. Yancy WS, Olsen MK, Guyton JR, Bakst RP, Westman EC: A low-carbohydrate, ketogenic diet versus a low-fat diet to treat obesity and hyperlipidemia. Ann Intern Med 2004; 140: 769–777.

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Hans Hauner
Else Kröner-Fresenius-Zentrum
für Ernährungsmedizin
der Technischen Universität München
Klinikum Rechts der Isar
Ismaninger Straße 22
81675 München
E-Mail: hauner@wzw.tum.de

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