ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/1997„Liliom„ im Darmstädter Staatstheater: Der Strizzi vom Rummelplatz

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„Liliom„ im Darmstädter Staatstheater: Der Strizzi vom Rummelplatz

Steiner-Rinneberg, Britta

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LNSLNS Lilioms Hoffnung, irgendwann doch noch ein "rechter Mensch" werden zu können, geht nicht in Erfüllung. Nach vertanem Lotterleben erwarten den Strizzi vom Rummelplatz 16 Jahre in der Vorhölle, zu denen ihn das himmlische Schnellgericht verdonnerte, damit er sich "bessere und läutere". Ein eintägiger Erdenurlaub gibt ihm Gelegenheit, dort ein "wirklich gutes Werk" zu tun und so der göttlichen Gnade vielleicht doch noch teilhaftig werden zu können. Der gute Wille ist da – doch Lilioms Versuch scheitert. Molnars "Vorstadtlegende in sieben Bildern" gehört zum Schönsten, das er schrieb. Doch für das feine Publikum des Budapester Lustpieltheaters, das die Uraufführung 1909 unbarmherzig ausbuhte, hatte sich der Lieblingsdichter der Nation in Thema wie Tonart total "vergriffen". Proletariermilieu, Liebe in der Gosse und gemeiner Raubmord – das war nicht Sache der ungarischen Salongesellschaft.
Die auf einer lokalen Begebenheit basierende poetische Vorstadtgeschichte wurde im Darmstädter Staatstheater unter der Regie Michael Gruners zu einer lautstarken Milieustudie mit einigen komödiantischen Effekten. Peter Schulz’ spartanisch-einfaches Bühnenbild beschränkt sich auf verschiebbare, dunkle Segmente, eine eindrucksvolle Tunnelszene und eine schmutzig-graue, große Pfütze: Sinnbild wohl für das bejammernswerte Elend dieser Underdogs, Habenichtse und Kleinkriminellen.
Jürgen Hartmann mausert sich glaubwürdig vom bedenken- und gewissenlosen, großmäuligen Hallodri zur echt tragischen, mitleiderweckenden Figur. Veronika Nickl schafft ihre nicht leichte Verwandlung vom erlebnishungrigen, albernen, dummen Ding im billigen Sonntagsfähnchen über die vom Leben enttäuschte Hochschwangere bis hin zur im Leid gereiften Frau bewundernswert. Sehr gut Anita Köchl als Freundin Marie, die es verstand, sich besser zu betten, reichlich überzogen Elisabeth Krejcir als grell-ordinäre Schaustellerin, takt- und geschmacklos Matthias Straubs ausgekostete Sondervorstellung als um sich schlagender Spastiker (es waren mehrere Behinderte in der Vorstellung).
Britta Steiner-Rinneberg
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