ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2005Ärztemangel: Arbeitsbedingungen schrecken viele ab

POLITIK

Ärztemangel: Arbeitsbedingungen schrecken viele ab

Dtsch Arztebl 2005; 102(12): A-797 / B-673 / C-629

Rieser, Sabine

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Dem Ärztemangel vorbeugen heißt vor allem auf angehende Ärztinnen achten. DÄ-Titel, Heft 14/2003
Dem Ärztemangel vorbeugen heißt vor allem auf angehende Ärztinnen achten. DÄ-Titel, Heft 14/2003
Ein Gutachten im Auftrag des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums analysiert die Gründe für den Studienabbruch und die Flucht aus dem Beruf.

Seit Hinweise auf einen sich abzeichnenden Ärztemangel in Deutschland nicht mehr grundsätzlich als übertriebene Darstellung der Ärztelobby abgetan werden, wird immer stärker über den medizinischen Nachwuchs philosophiert. Auswanderung nach Schweden, lieber eine Stelle in der Forschung als im Krankenhaus – nachweisbar weniger junge Ärztinnen und Ärzte als noch vor Jahren streben in die Patientenversorgung hierzulande. Warum genau – das wollte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD) wissen. Im Frühjahr 2004 beauftragte sie das Beratungsunternehmen Rambøll Management damit, die Gründe zum Ausstieg aus der kurativen ärztlichen Berufstätigkeit in Deutschland näher zu untersuchen.
Befragt wurden für die Studie, die dem Deutschen Ärzteblatt in Aus-
zügen vorliegt, circa 5 000 Medizinstudierende/ehemalige Studierende sowie knapp 5 000 (ehemalige) Ärztinnen und Ärzte. Die Befragung erfolgte im Juli und August 2004 über das Internet.
Die Antworten bestätigen über weite Strecken, was viele im Gesundheitswesen seit längerem vermuten. Zu den Faktoren, die negativ bewertet wurden, gehören die Arbeitsbedingungen in Kliniken und Praxen, insbesondere die zeitliche Belastung und damit einhergehend die mangelnde Vereinbarkeit des Berufs mit Familie und Freizeit. Letzteres spielte vor allem für Krankenhausärzte eine große Rolle. Das größte Problem sahen diese allerdings in ihrer als zu niedrig empfundenen Bezahlung. Weitere Kritikpunkte am Krankenhaus: der vorherrschende autoritäre Führungsstil und das Ausmaß nicht-ärztlicher Aufgaben. Die negative Einschätzung der Hierarchie und der autoritären Führung schwächt sich jedoch in der Facharztphase ab. Doch selbst mit beruflichem Aufstieg und Erfolg wird die zeitliche Belastung als Hauptgrund für den Ausstieg aus der Klinik genannt.
Für den Abbruch des Medizinstudiums wurden auch Gründe genannt, die nicht direkt mit dem Arztberuf zusammenhängen. In manchen Fällen bereiteten Prüfungsversagen oder finanzielle Engpässe dem Traumberuf ein vorzeitiges Ende. Doch den meisten machte in erster Linie die Theorielastigkeit zu schaffen: „Der Faktor, der von den Studentinnen als wichtigster Abbruchgrund angegeben und gleichzeit von den derzeit Studierenden am stärksten negativ bewertet wurde, ist der mangelnde Praxisbezug“, schreiben die Autoren der Studie. Kritisiert wurde daneben die fehlende Betreuung durch die Dozenten. Frauen und Männer bewerteten in ihren Antworten die Problembereiche und Schwierigkeiten graduell unterschiedlich. „Angesichts der steigenden Anzahl von Medizinstudentinnen und -absolventinnen muss diesem Aspekt bei der Entwicklung von Maßnahmen, die einem drohenden Ärztemangel entgegenwirken sollen, besondere Beachtung geschenkt werden“, heißt es im Gutachten.
Interessant ist auch, was Ärztinnen und Ärzte geantwortet haben, die nicht mehr in Klinik oder Praxis tätig sind. Rund 80 Prozent von ihnen gaben an, nach wie vor im engeren Umfeld der kurativen Medizin zu arbeiten: im Gesundheitsmanagement, in der Arbeitsmedizin, in der Forschung oder als Gutachter. Viele würden gern wieder in der Patientenversorgung tätig sein; von den Befragten war es fast die Hälfte. Als größte Barrieren wurden „zu hohe Arbeitsbelastung“ und „mangelnde Vereinbarkeit mit der Familie/Freizeit“ genannt.
Den Antworten ist weiter zu entnehmen, dass „Vorurteile gegenüber der Lebensqualität in Ostdeutschland bestehen“. Nur wenige Medizinstudierende und Ärzte aus den alten Bundesländern könnten sich nach eigenen Angaben vorstellen, im Osten zu arbeiten. Voraussetzung für einen Einstellungswandel wären in erster Linie bessere Verdienstmöglichkeiten, in zweiter Linie „ansprechende Rahmenbedingungen für die Familien“. Studierende an ostdeutschen Hochschulen und Ärzte aus den fünf neuen Ländern scheinen flexibler: Sie bevorzugen eine Arbeit im Osten, lehnen aber auch eine Tätigkeit im Westen nicht ab.
Was die Datenlage anbelangt, so weisen die Autoren der Studie auf Lücken hin. Ein Beispiel: „Bekannt ist die jährliche Anzahl der Absolventen, aber nicht, wie viele von ihnen eine Approbation beantragen und erhalten und wer zu welchem Zeitpunkt in die kura-
tive Berufstätigkeit eintritt oder ins Ausland bzw. in eine nichtkurative Beschäftigung abwandert.“ Auch werde nicht erfasst, welche Fachrichtung Ärzte zu Beginn ihrer Weiterbildung wählen. Als dünn werden zudem die Prognosen auf der Basis vorliegender Studien beurteilt. So würden Angaben über offene Stellen oder über die Problematik eines Ärztemangels keine detaillierten Bedarfszahlen oder -prognosen gegenübergestellt. Vielmehr werde der Bedarf aus der Vergangenheit fortgeschrieben. Fazit des Gutachtens: Ein genereller Ärzte- und Ärztinnenmangel lasse sich aus bisherigen Studien nicht ableiten. Allerdings belegten sie eindeutig, „dass eine punktuelle Unterversorgung besteht, die sich ohne Entgegenwirken in den nächsten Jahren verstärken wird“. Dies gelte vor allem für ländliche ostdeutsche Regionen. Sabine Rieser
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