ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2005Krebsforschung: Die wirklichen Gründe des Scheiterns

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Krebsforschung: Die wirklichen Gründe des Scheiterns

Dtsch Arztebl 2005; 102(12): A-821

Müller, Martin

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LNSLNS Herr Dr. rer. nat. G. Barkleit versucht, ähnlich wie von Ardenne zu Lebzeiten, Gründe für das Scheitern der KrebsMehrschritt-Therapie u. a. in der mangelnden ärztlichen Kooperationsbereitschaft zu sehen. In Wirklichkeit lagen die Dinge damals anders. Von Ardenne zog von Anfang an weitgehende Schlüsse aus simplen Experimenten an Ehrlich-Aszites-Karzinomzellen in vitro. Er weigerte sich strikt, von der experimentellen Krebsforschung geforderte Tierversuche mit standardisierten syngenen Transplantationstumoren vorzunehmen. Bewährte Messgrößen eines potenziellen Therapieeffektes wie Überlebenszeit, Tumorgröße und Zahl der Metastasen waren für ihn irrelevant angesichts eleganter In-vitro-Messkurven von Temperatur, Azidose und Sauerstoffpartialdruck. Auf der Grundlage dieser einfachen In-vitro-Experimente suchte er die Lösung auf technologischem Gebiet und erhielt dank seines Einflusses leider die Erlaubnis zur Hyperthermie an inkurablen Krebspatienten. Ich habe als junger Assistent einige Obduktionen solcher Patienten durchgeführt bzw. mit ausgewertet. Wir haben uns mit histologischen Beschreibungen sehr bald zurückgehalten, nachdem wir erkennen mussten, dass von Ardenne jede im histologischen Befund erwähnte spontane Tumornekrose seiner Therapie zuschrieb und diese Interpretation ohne Rücksprache mit den Protokollanten für publikatorische Zwecke benutzte. Dieses in vielen Varianten wiederkehrende Verhalten, Ignoranz allgemeinen biologisch-medizinischen Basiswissens und Ergebnisinterpretation ohne Konsultation der originären Befunderheber, zwang die meisten der anfangs kooperationswilligen Ärzte und Krebsforscher um ihrer Glaubwürdigkeit willen zur Aufgabe der begonnenen Zusammenarbeit mit von Ardenne. Hinzu kamen regelrechte Bombardements mit Publikationen im „Deutschen Gesundheitswesen“ und in der Tagespresse, die jedes Mal den absoluten Durchbruch und Therapieerfolg verkündeten. Ans Peinliche grenzten von Ardennes Auftritte bei medizinischen Kongressen. Es bedarf keines Nachdenkens über eine unterstellte naturwissenschaftliche Naivität der damaligen Medizin oder einer Trägheit gegenüber einem angeblich verordneten Paradigmawechsel, um das a priori programmierte Scheitern des von Ardenneschen Konzeptes zu begreifen. . .
Prof. Dr. med. Martin Müller, Weißiger Weg 2, 01324 Dresden
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