ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2005Krebsforschung: Eine merkwürdige Verschwörungstheorie

BRIEFE

Krebsforschung: Eine merkwürdige Verschwörungstheorie

Dtsch Arztebl 2005; 102(12): A-822

Heimpel, Hermann

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: Foto-Grafik Hochscherf Anlage für die extreme Ganzkörperhyperthermie in der „Von Ardenne- Klinik“ in Dresden. Am 30. Juni 2000 stellte die überwiegend von der Familie finanzierte Klinik ihren Betrieb ein.
Foto: Foto-Grafik Hochscherf Anlage für die extreme Ganzkörperhyperthermie in der „Von Ardenne- Klinik“ in Dresden. Am 30. Juni 2000 stellte die überwiegend von der Familie finanzierte Klinik ihren Betrieb ein.
Dr. rer. nat. Gerhard Barkleit erweckt in seinem Artikel den Eindruck, die Weiterentwicklung und Erprobung der Krebs-Mehrschritt-Therapie (KMT) nach Manfred von Ardenne sei an „akteursbedingten Innovationsblockaden“ gescheitert und bemüht dafür Wissenschaftstheoretiker wie Th. S. Kuhn und M. Polanyi. Das Scheitern der KMT, die seit über zehn Jahren nur noch von Außenseitern angeboten wird, hat allerdings andere Gründe. Die mangelnde Anerkennung beruhte auf der gebotenen kritischen Beurteilung des Verfahrens in den westlichen Industriestaaten ebenso wie in der DDR. Dabei konnte der Träger des Stalinpreises und mehrerer Nationalpreise, im Gegensatz zu anderen Wissenschaftlern der DDR, seine Konzepte jederzeit im Westen vorstellen. Gründe für die Ablehnung, sein Konzept in den Kanon der wissenschaftlichen Medizin zu übernehmen, war nicht etwa die „unheilige Allianz der Krebsforschungszentren in Ost-Berlin und Heidelberg“, sondern die vielfach belegten Einwände gegen die Krebszelltheorie Otto Warburgs („die letzte Ursache des Krebses ist der Ersatz der Sauerstoffatmung der Körperzellen durch eine Gärung“) und der fehlende Nachweis des therapeutischen Nutzens bei einer angeblich großen Zahl der mit der KMT behandelten Patienten. Zahlreiche Aussagen des Artikels, welche für die Verschwörungstheorie des Autors angeführt werden, sind nicht belegbar.
1.Weder die Fortschritte der Therapie an 66 „austherapierten oder moribunden (sic!)“ Krebspatientinnen in Greifswald noch die in Manfred von Ardennes eigenen Arbeiten genannten Therapieerfolge wurden in anerkannten onkologischen Zeitschriften publiziert. Die Erfahrungsberichte beschränken sich auf nicht nachprüfbare Surrogatparameter oder auf Einzelfälle. Nach Berichten jüngerer Ärztinnen und Ärzte aus Dresden, die die KMT miterlebt haben, waren die Nebenwirkungen weit schwerer als angegeben.
2. Die Darstellung des Schicksals der „Einrichtung einer Außenstelle des Dresdner Instituts“ in Friedrichshafen ist absurd. Ich wurde 1973 als der internistische Onkologe der mit dem Krankenhaus in Friedrichshafen kooperierenden Universitätsklinik um eine Stellungnahme zum Vorhaben ersucht, eine Hyperthermiestation im Neubau des Krankenhauses einzurichten. Aufgrund katastrophaler Ergebnisse bei eigenen Patienten, die im Spätstadium unheilbarer Krebserkrankungen an anderer Stelle mit der KMT behandelt worden waren, und den bereits damals bekannten Fehlern der zugrunde liegenden Krebstheorie habe ich von der Einrichtung ohne gründliche Prüfung abgeraten und das DKFZ als geeignete Institution zur Erstattung eines Gutachtens benannt. Die Angaben von Prof. Dr. med. Paul Schostok, einem anerkannten Chirurgen und Anästhesisten, über „ermutigende Erfolge“ schienen mir ungenügend und wurden auch niemals publiziert. Die von meiner Beurteilung unabhängige („intrigante“) Stellungnahme des
DKFZ hat meine Bedenken bestätigt und den Stadtrat davon abgehalten, die Organisationsverantwortung für die mögliche Schädigung von Krebskranken durch eine experimentelle Therapie unter einem onkologisch nicht qualifizierten Arzt zu übernehmen.
3. Typisch für die Verschwörungstheorie des Autors sind die Ausführungen zur Verhinderung von Phase-III-Studien in den USA, die den Eindruck erwecken, die Teilnahme an einem entsprechenden Programm sei durch das Konkurrenzdenken eines Dr. Ian Robins verhindert worden, der niemals über onkologische Fragen publiziert hat. Eine KMT-Studie wäre in den USA wie auch in der Bundesrepublik schon damals am Einspruch einer Ethikkommission gescheitert. Wenig hilfreich ist der Hinweis auf Dr. Dean Burk, einen Schüler von Warburg, der sich unter anderem für die Anwendung des berüchtigten Außenseitermedikaments Laetrile („Vitamin B17“) bei Krebskranken eingesetzt hat.
Baron Manfred von Ardenne war ein charmanter und gewinnender Gesprächspartner, dessen Forschungen von den einflussreichsten Politikern des Dritten Reiches, der Sowjetunion und der DDR gefördert wurde. Wissenschaftlich begründete Einwände gegen die Wirksamkeit seiner Mehrschritt-Therapien (die bei allen Krebsformen ebenso wie bei zahlreichen anderen Erkrankungen von Nutzen sein sollten) nahm er allerdings ebenso wenig zur Kenntnis wie Fragen nach der ethischen Vertretbarkeit seiner Experimente an kranken Menschen. Ob man eine solche monomane Verfolgung eines längst als falsch erkannten Therapieprinzips als innovativ bezeichnet oder sie dem von Bleuler beschriebenem Bereich des autistisch-undisziplinierten Denkens in der Medizin zuordnet, ist eine Frage des Standpunkts. Seriöse Forschungsprogramme zur regionalen, ggf. auch allgemeinen Hyperthermie zur Wirkungsverstärkung von Zytostatika und anderen in der Krebsbehandlung eingesetzten Medikamenten sind auch in Zukunft vertretbar, auch, wenn der bewiesene Nutzen für Patienten trotz vieler gut finanzierter Projekte nach wie vor äußerst begrenzt ist. Mit dem gescheiterten Konzept der verschiedenen Krebs-Mehrschritt-Therapien nach Manfred von Ardenne haben sie allerdings nichts mehr zu tun.
Prof. emerit. Dr. med. Hermann Heimpel, Medizinische Universitätsklinik und Poliklinik, Robert-Koch-Straße 8, 89081 Ulm
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige