ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2005Das Sanatorium Trebschen: Anmutig und unaufdringlich

VARIA: Feuilleton

Das Sanatorium Trebschen: Anmutig und unaufdringlich

Dtsch Arztebl 2005; 102(12): A-843 / B-713 / C-666

Neumann, Antje; Reuter, Brigitte

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Patientengebäude, Lesesaal bzw. Konversationsraum mit Wintergarten, 1905. Entnommen aus: Innen-Dekoration, Jg. XVI, Darmstadt 1905, S. 156
Patientengebäude, Lesesaal bzw. Konversationsraum mit Wintergarten, 1905. Entnommen aus: Innen-Dekoration, Jg. XVI, Darmstadt 1905, S. 156
In Polen wurde ein lange vergessenes Werk des belgischen
Jugendstilkünstlers Henry van de Velde wiederentdeckt.

Im Herbst 2003 fand in Trzebiechów (Trebschen) eine internationale Pressekonferenz statt. Fachleute und Journalisten aus Belgien, Deutschland und Polen fanden sich zusammen, um ein lange vergessenes Werk des belgischen Jugendstilkünstlers Henry van de Velde (1863–1957) der Öffentlichkeit vorzustellen.
Trzebiechów (Trebschen) ist ein kleines Dorf in der Nähe von Zielona Gora (Grünberg) und liegt nur eine Autostunde von der heutigen deutsch-polnischen Grenze entfernt. Eine von Kastanien umsäumte Allee führt den Besucher direkt zu einem Schloss. Hausherrin dieses Schlosses war einst Marie Alexandrine Prinzessin Reuß. Sie stammte aus Weimar, war die Tochter des kunstsinnigen Großherzogs Carl Alexander und hegte seit 1897 den Plan, in Trebschen ein Sanatorium beziehungsweise eine „Physikalische und diätische Kuranstalt“ zu gründen. Sie beauftragte 1902 den Zwickauer Architekten Max Schündler mit dem Bau eines umfangreichen Gebäudekomplexes, bestehend aus Hauptbau, Arzthaus und diversen Nebengebäuden. Auch ein Sanatoriumspark mit Luftkurhaus, Liegehallen, Tennisplatz, Luftbad und Kegelbahn durfte nicht fehlen.
Patientengebäude Fotos: Roland Dreßler/© Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen
Patientengebäude Fotos: Roland Dreßler/© Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen
Der Auftrag zur Innenausstattung erging bald darauf an den belgischen Architekten und Designer Henry van de Velde. Ihn kannte die Prinzessin vermutlich aus Weimar, denn dort hatte sich van de Velde gerade niedergelassen und unter der Schirmherrschaft ihres jungen Neffen – Großherzog Wilhelm Ernst – das kunstgewerbliche Seminar gegründet.
Das Arzthaus wurde als Arbeits- und Wohnhaus für den leitenden Arzt Dr. med. Oscar Müller konzipiert.
Im Hochparterre waren die Sprechzimmer und Büros der Ärzte untergebracht. Auch befanden sich dort die Räume für alle elektrischen Untersuchungs- und Behandlungsmethoden, ein Röntgenkabinett sowie die Bibliothek des Chefarztes. Vorbei an einer reich gestalteten Tür, die an das Weimarer Nietzsche-Archiv erinnert, gelangt man über einen schmalen Treppenaufgang in die großräumige Oberlichthalle mit umlaufender Galerie. Glaubt man den Worten van de Veldes,
so sollte die Diele einen „schlichten, starken und würdigen Charakter“ erhalten. Dies verwundert nicht, handelte es sich doch um den repräsentativen Wohnbereich des leitenden Arztes.
Vom Arzthaus gelangte man durch einen überdachten Gang direkt in den Hauptbau des Sanatoriums. Das dreigeschossige Patientenhaus beherbergte Gesellschafts- und Verpflegungsräume sowie annähernd 30 Patientenzimmer. Gleich hinter dem repräsentativen Haupteingang begegnet der Besucher auch heute noch der Innenausstattung von Henry van de Velde, die sich anmutig und keinesfalls aufdringlich in das vorgegebene Raumprogramm und die bereits vorhandenen Einbauten integriert.
Von der zentralen Halle im ersten Obergeschoss kommt man sofort in den wohl schönsten Raum des Sanatoriums. Dieser wurde von van de Velde in zwei Bereiche unterteilt. Vorne befand sich der Lesesaal. Ursprünglich getrennt durch eine verglaste Eisenkonstruktion, wölbt sich
der hintere Teil des Raums als Wintergarten konvex in den weitläufigen Landschaftspark. Den gegenüberliegenden Speisesaal beabsichtigte van de Velde nach seinen eigenen Worten „einfach, einfach“ einzurichten.
Das Sanatorium wurde schon gut vier Jahre nach seiner Eröffnung, im Sommer 1908, wieder geschlossen. Auch der Wechsel in der Leitung im Jahre 1906 von dem wenig bekannten Medizinalrat Dr. med. Oscar Müller zu dem renommierten Dr. med. Brennecke aus Dresden hatte dem Unternehmen keinen wirtschaftlichen Erfolg gebracht. Antje Neumann,
Brigitte Reuter

Treppenhaus im Patientengebäude
Treppenhaus im Patientengebäude
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In den gut erhaltenen Gebäuden befindet sich heute ein Altenheim. Besucher, die sich für dieses gut hundert Jahre vergessene Werk des belgischen Jugendstilarchitekten Henry van de Velde interessieren, sind jederzeit willkommen. Trotz der zahlreich erhalten gebliebenen Briefe von Henry van de Velde und Max Schündler an die Prinzessin Marie Alexandrine von Reuß sind noch viele Fragen zu der Geschichte des Sanatoriums offen. Wer kennt Dr. Oscar Müller oder Dr. Brennecke? Jeder Hinweis zu Trebschen, der Prinzessin Reuß und zu Henry van de Velde ist willkommen: Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen, Weimar, Forschungsprojekt „Werkverzeichnis Henry van de Velde“ (www.wvz-henryvandevelde.de)

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