ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2005Freier Wille: Unter Neuronenfeuer

SEITE EINS

Freier Wille: Unter Neuronenfeuer

Jachertz, Norbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Wie frei entscheidet sich der Mensch? Dieser Fragestellung nehmen sich neuerdings die Feuilletons mit besonderer Verve an. Anlass geben Erkenntnisse der Hirnforschung, die am freien Willen zweifeln lassen, diesmal naturwissenschaftlich begründet. Der freie Wille erscheint danach als Konstrukt, als Hilfsmittel, um im Alltag menschliches Verhalten erklären zu können. Doch in Wirklichkeit laufen kurz vor der vermeintlichen Willensentscheidung im Gehirn blitzschnelle neuronale Prozesse ab. Angeborene und erworbene, im Gehirn abgelegte Informationen spielen ein autonomes Spiel, dessen Ausgang feststeht, bevor der Mensch seine bewusste Entscheidung getroffen hat. So weit
die beunruhigende These. Beunruhigend deshalb, weil sie das vertraute dualistische Weltbild von Leib-Seele/Materie-Geist über den Haufen wirft zugunsten eines rein naturwissenschaftlichen. Beunruhigend auch wegen der praktischen Auswirkungen. Zum Beispiel auf das Strafrecht. Bezeichnend ist, dass Prof. Dr. Wolf Singer mit den Erkenntnissen der Neurowissenschaftler auch deshalb in die Öffentlichkeit ging, weil ihn die Not der forensischen Gutachter bedrückte, die über Schuldfähigkeit befinden sollen, obwohl Schuld im herkömmlichen Sinne nicht vorliegen kann.
Als kürzlich die Max-Planck-Gesellschaft den Einfluss aktueller Ergebnisse der Hirnforschung auf das Strafrecht (Motto: „Freier Wille unter Neuronenfeuer“) zur Diskussion stellte, prallten zwei Welten aufeinander. Dr. Christine Hohmann-Dennhardt, Richterin aus Karlsruhe, vermochte nicht zu akzeptieren, dass ein Täter nicht aus freiem Willen handelt und damit strafunmündig wäre. Da bleibe schließlich nur das Wegschließen, resümierte sie ratlos. Und was sei mit den NS-Tätern, hätten die keine Schuld? Ihr Gegenüber, Wolf Singer, Hirnforscher aus Frankfurt, verwies auf die wissenschaftliche Erkenntnis, die nunmal so sei. Die Gesellschaft muss, folgt man Singer, dennoch Recht sprechen, um ihre Werte öffentlich zur Geltung zu bringen. Eine verstörende Lösung, die die Eigenverantwortung des Individuums außen vor lässt (lassen muss?).
Apropos Eigenverantwortung: Man kennt das Wort aus der aktuellen Gesundheitspolitik. Die stünde jetzt auch infrage. Norbert Jachertz
Anzeige

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote