ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2005Gesundheitsversorgung in Thailand: System der Kontraste

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Gesundheitsversorgung in Thailand: System der Kontraste

Dtsch Arztebl 2005; 102(13): A-894 / B-754 / C-705

Kubisch, Bernd

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Die elegante Rezeption erinnert eher an ein Luxus-Hotel als an ein Krankenhaus.
Die elegante Rezeption erinnert eher an ein Luxus-Hotel als an ein Krankenhaus.
Luxus-Krankenhäuser locken Ausländer, während die ärmere Bevölkerung sich 20-Betten-Zimmer teilt.

Von Thailands Wirtschaftswachstum profitiert auch der Gesundheitssektor, zumindest der private. Etliche Kliniken machen zunehmend gute Geschäfte vor allem mit Gästen aus dem Ausland, den so genannten Medizintouristen. Diese können wählen zwischen komfortablem Einzelzimmer oder Luxussuite mit üppiger Polstergarnitur. Unterdessen liegen in den meisten staatlichen Krankenhäusern die Patienten weiter dicht an dicht. Manchmal stehen 15 und mehr Betten in einem Krankensaal. Der Kontrast in der Gesundheitsversorgung im Königreich ist gewaltig.
Ein buntes Völkergemisch wartet vor den Sprechzimmern von Dr. Visit Thienpaitoon und seinen Kollegen. In weiten Gängen und auf Freiflächen der Bumrungrad-Klinik sitzen Frauen in Saris mit ihren Kindern, Herren mit weißem Gewand und Turban, ein Diplomat aus Europa sowie ein asiatischer Banker in dunklem Anzug und mit Aktenkoffer. Der Teil des riesigen Krankenhauskomplexes, in dem die ambulante Versorgung stattfindet, ist hell und zweckmäßig. Hier wird kein Luxus präsentiert wie in den Patienten-Suiten im stationären Trakt, in der großräumigen Lobby oder der eleganten Rezeption. Ebenso wie der Haupteingang mit gläserner Fassade und hohen Säulen erinnern diese Bereiche eher an Luxus-Hotels als an eine medizinische Einrichtung. Das Bumrungrad-Krankenhaus im Herzen Bangkoks gehört zu den größten und modernsten in Asien.
„Natürlich sind die Kosten in unseren Privatkliniken viel niedriger als in Deutschland oder den USA. Deshalb fallen auch die Gebühren der Patienten für Untersuchung, Behandlung, Bett und Operation geringer aus“, erläutert Thienpaitoon in gutem Deutsch. „Auch wir Ärzte verdienen viel weniger.“ Er hat an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster studiert und danach einige Jahre in Deutschland gearbeitet. Es verwundert deshalb nicht, dass zu den Patienten des Internisten Diplomaten und Geschäftsleute aus Deutschland, der Schweiz und Österreich gehören.
In dem Krankenhaus werden jährlich mehr als 900 000 Patienten versorgt, davon 30 000 stationär. 2 600 Menschen arbeiten hier. Der Kliniktrakt verfügt über 554 Betten einschließlich Intensivstation sowie 80 Luxuszimmer und Suiten. Ein Drittel der Patienten im Bumrungrad-Krankenhaus kommt aus dem Ausland, vor allem aus den arabischen Staaten, aus den asiatischen Nachbarländern, aus Australien, aber auch aus den USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Italien, Schweden und Deutschland. Eine Million ausländischer Gäste jährlich kombinieren wegen des guten Preis-Leistungs-Verhältnisses Strand- und Kultururlaub mit Arzt- oder Klinikbesuch. Thienpaitoon ist einer von fünf der insgesamt 600 Ärzte im Bumrungrad, die im deutschsprachigen Ausland studiert oder gearbeitet haben. „Die medizinische Ausbildung in Deutschland gehört zu den besten der Welt“, sagt der Internist. Aber auch in Thailand habe die Ausbildung eine sehr gute Qualität. Die Prüfung sei nicht leicht.
Ein Drittel der Patienten im Bumrungrad- Krankenhaus stammt aus dem Ausland. Fotos: Bernd Kubisch
Ein Drittel der Patienten im Bumrungrad- Krankenhaus stammt aus dem Ausland. Fotos: Bernd Kubisch
Das kennt Dr. Olivier Meyer aus eigener Erfahrung. Der Schweizer praktiziert knapp zwei Autostunden von Bangkok entfernt im Amüsier-, Shopping- und Badebetrieb Pattaya. Im Wartezimmer seiner Praxis mit angeschlossener kleiner Klinik sitzen an diesem heißen Nachmittag ein Dutzend Patienten, darunter eine thailändische Mutter mit ihrem kleinen Sohn, ein älterer Tourist mit seiner jungen Ferien-Liebe und ein Urlauberpaar aus Hamburg. „Manchmal sind 20 Leute im Wartezimmer“, sagt der Anästhesist aus Genf, der früher auch Kriegsopfer an der Grenze zu Kambodscha behandelte und seit langem mit seiner thailändischen Frau und den Kindern in dem südostasiatischen Land lebt.
Meyer spricht fließend Französisch, Deutsch, Englisch und Thailändisch. Er ist einer der wenigen Ärzte aus dem deutschsprachigen Raum, die in Thailand praktizieren. „In der Region bin ich vermutlich der Einzige“, sagt er. „Die Prüfung für die Approbation erfolgt in thailändischer Sprache. Dies ist eine große Hürde. Und die Prüfung ist schwierig – nicht nur wegen der fremden Sprache. Aber ich habe es geschafft.“ Meyer bescheinigt dem Land einen hohen Ausbildungsstandard. Der Genfer, der stark sozial engagiert ist und viele Bedürftige ohne Rechnung behandelt, fügt hinzu: „Viele Ärzte kümmern sich in Thailand auch um mittellose Kranke, ohne einen Baht zu nehmen.“ Das habe natürlich mit dem Berufsethos zu tun wie überall auf der Welt, „aber auch mit der Mentalität und dem Buddhismus“. Der Anästhesist kennt auch die Arbeitsbedingungen in den staatlichen Kliniken und die äußerst schmalen Gehälter seiner Kollegen. Er freut sich über das wirtschaftliche Wachstum Thailands, bedauert aber, dass daran längst nicht alle Menschen teilhaben. „Auch heute noch stehen in einfachen Spitälern bis zu 20 Krankenbetten in einem Raum“, sagt Meyer.
Viele Privatkliniken des Königreichs haben sich in den letzten Jahren auch auf ausländische Patienten eingestellt. Oft ist alles unter einem Dach: Allgemeinärzte, Internisten, Schönheitschirurgen, Onkologen, Zahnärzte, Rehabilitationszentrum, Apotheke, Restaurants, Dolmetscherservice, Hotel für Familienangehörige, Wellness- und Fitnessbereich. Zum Bumrungrad gehören zum Beispiel auch noch Allergie- sowie Augen-Laser-Zentrum, Kindergarten, Sushi-Restaurant und „McDonald’s“. Es ist möglich, über das Internet Leistungen und Preise zu erfahren, per E-Mail den später behandelnden Arzt zu konsultieren sowie Klinkaufenthalt und Urlaubshotel elektronisch zu buchen.
In Thailands Privatkliniken stammen die Ärzte größtenteils aus dem Königreich und das Management aus dem Ausland, wie im Bumrungrad-Krankenhaus aus den USA. „Das funktioniert. Wir lernen alle voneinander und setzen das positiv um“, betont Chief Executive Officer Curtis Schroeder (47), ein Kalifornier. Sein Marketing-Direktor Ruben Toral (40) stammt aus South Carolina. Er freut sich über 114 Millionen US-Dollar Turnover des an der Börse notierten Klinikunternehmens im Jahr 2003 sowie über die Akkreditierungsurkunde der Joint Commission International (www.jcaho.org) in den USA. Toral: „Sie bescheinigt unserem Krankenhaus höchsten internationalen Qualitätsstandard.“ Der Manager verfolgt auch die schrumpfenden Leistungen der Krankenkassen in Europa und anderswo mit Aufmerksamkeit: „Dieser Trend setzt sich fort und arbeitet für uns.“
Der private Kliniksektor in Thailand ist in den letzten zehn Jahren, mitbedingt durch ausländische Firmenansiedlungen, internationale Investitionen und Fremdenverkehr, gewaltig gewachsen. Er macht heute 30 Prozent der Krankenhausbetten aus. The Private Hospital Association of Thailand hat 208 Mitglieds-Krankenhäuser. Sie empfiehlt davon 16 geprüfte Kliniken besonders für internationale Patienten in den wichtigsten Touristenmetropolen wie Bangkok, Pattaya, Chiangmai und Phuket.
Die Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern wissen, dass ihre Gehälter weit unter denen der Länder liegen, aus denen die meisten Patienten stammen. Doch darüber klagt kaum jemand. Die Kommentare von Klinik-Beschäftigten haben viel mit Lebensphilosophie und Religion der Thais zu tun und erfreuen jeden Arbeitgeber. Einige Stimmen aus der Bumrungrad-
Höchsten internationalen Qualitätsstandard bescheinigt die Joint Commission International dem Bumrungrad-Krankenhaus.
Höchsten internationalen Qualitätsstandard bescheinigt die Joint Commission International dem Bumrungrad-Krankenhaus.
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Klinik: „Lebensstandard und Preise sind hier niedriger.“ „Wir haben einen sicheren Arbeitsplatz.“ „Wir sind stolz auf unseren sozialen Beruf.“ „Die Patienten sind dankbar, das macht uns glücklich.“
Viele private Krankenhäuser unterstützen im Rahmen von Charity-Programmen die ärmere Bevölkerung. Zum Beispiel hat die Bumrungrad Hospital Foundation in den vergangenen 14 Jahren mehr als 100 000 Bedürftige kostenfrei behandelt. „Das reicht von Check-ups bis zu Herzoperationen“, erklärt Dr. Thienpaitoon. „Zusätzlich versorgen viele meiner Kollegen auch in anderen Kliniken Bangkoks, in Chiangmai oder Phuket mittellose Kranke auf eigene Faust, ohne ein Stiftungsprojekt und ohne, dass die Presse darüber berichtet“, sagt der 61-Jährige.
Besorgt ist die Ärzteschaft Thailands über Scharlatane und Kurpfuscher in der Schönheitschirurgie, denen – zum Glück immer seltener – ahnungslose Einheimische und Ausländer auf den Leim gehen. Auch in der deutschen und US-amerikanischen Presse hat dies schon für negative Schlagzeilen gesorgt. Manche Patienten vertrauen sich einem „Experten“ an, der gar nicht medizinisch ausgebildet ist, aber zum Beispiel auch in englischsprachigen Zeitungen und Broschüren in Thailand mit Schnäppchenpreisen für faltenfreies Antlitz, Postraffung und Busenvergrößerung wirbt. Manches zunächst verjüngte Gesicht verwandelte sich so nach der Rückkehr ins Heimatland in eine entstellte Visage – zum Beispiel durch verunreinigtes Silikon.
Für positive Schlagzeilen hat zur Jahreswende der Münchner Arzt Gerhard Melzer gesorgt, der nach der Flutkatastrophe pausenlos im Vachira Phuket Hospital in Patong im Einsatz war. Hier absolviert der Deutsche seit etlichen Monaten seine Weiterbildung als Facharzt für orthopädische Unfallchirurgie. Zu seinem Job zählten während dieser Zeit etwa 30 Operationen sowie unzählige Notaufnahmen und Wundversorgungen. Das Vachira Phuket gehört nicht zu den Krankenhäusern, in die Patienten aus aller Welt einfliegen. Die Website ist in thailändischer Sprache verfasst, ein Zusatzlink zum Tsunami-Unglück in englischer. Bernd Kubisch

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