ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2005Arztgeschichten: „Endlich loslassen können“

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Arztgeschichten: „Endlich loslassen können“

Kalthoff, Horst

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Seit 2003 veröffentlicht das Deutsche Ärzteblatt regelmäßig Arztgeschichten – zunächst aus der Literatur, seit Heft 3/2004 vorwiegend Beiträge aus der Leserschaft.

Ein multimorbider Parkinsonpatient erlitt nach Nagelung eines Oberschenkelhalsbruches eine Pneumonie, fiel ins Koma und wurde 24 Tage lang auf einer Intensivstation behandelt. Dort wurde eine PEG angelegt. Im Entlassungsbericht stehen weitere Diagnosen nach ICD-10 wie Harnwegsinfekt, Hypertonus, entgleister Diabetes mellitus mit Polyneuropathie, dekompensierte Nephropathie und Vorhoftachykardie. Nach zehnwöchiger stationärer Rehabilitation kehrte der Patient nach Hause zurück. Fünf Monate später schrieb der Verfasser, der den Patienten seit Jahrzehnten kennt, an den Chefarzt der Intensivstation:
„Sehr geehrter Herr Kollege, Ihr früherer Patient Herr Lehmann* feierte kürzlich zu Hause im Kreise von Verwandten und Bekannten den 70. Geburtstag, sicher auch dank Ihrer und Ihrer Mitarbeiter Bemühungen.
Andererseits ergaben sich Probleme gegenüber der Ehefrau, die sich täglich um ihren Mann kümmerte. Sie wurde in mehrfachen Gesprächen mit Ärzten und Ärztinnen Ihrer Klinik aufgefordert, die Erlaubnis zu erteilen, die nichtinvasive Maskenbeatmung einzustellen, da diese wegen der schlechten Prognose keinen Sinn mehr mache. Die Frau des Patienten wies darauf hin, dass ihr Mann trotz seines komatösen Zustandes manchmal auf Aufforderung ihre Hand gedrückt hatte und dass sie sicher sei, ihr Mann wünsche zu leben. Dennoch musste sie sich während der Arztgespräche mehrmals sagen lassen, sie solle doch „endlich loslassen“. Sie hat viel Kraft aufgewandt, um sich, wie sie sagt, „gegen die Ärzte durchzusetzen“. Nur eine Schwester und ein Pfleger der Intensivstation sowie die Pfarrerin standen ihr seelisch bei.
Herr Lehmann benötigt weiterhin erhebliche häusliche Pflege (Stufe 3). Jedoch hilft er zunehmend bei den Transfers und sitzt tagsüber im Wohnzimmer. Zur Weihnachtszeit fuhr er zweimal mit dem Behindertenbus aus, erfreute sich im Rollstuhl sitzend zusammen mit seiner Frau am Weihnachtsmarkt und am Lichterschmuck der Innenstadt. Auch sein großer Wunsch, selber wieder essen zu können, ging in Erfüllung, seit nach einer fiberoptisch-endoskopischen Schluckuntersuchung der Aufbau oraler Nahrungsaufnahme angeraten wurde. Trotz seines schweren Leidens äußert Herr Lehmann nicht den Wunsch zu sterben, bedankte sich vielmehr bei seiner Frau dafür, dass sie ihm das Leben gerettet habe.
Irrtümer bei Diagnose, Therapie oder Prognose sind in unserem Beruf unvermeidlich, weil wir Menschen sind. Deshalb erscheint es mir problematisch, wenn Ärzte, auch wenn sie von einer infausten Prognose überzeugt sind, die Hoffnung ihrer Patienten und derer Angehörigen völlig zerstören. Damit zerstören sie auch das Vertrauen der Menschen, dass Ärzte alles versuchen, ihr Leben zu erhalten. Ärzte selbst geraten in Gefahr, vorzeitig Leben aufzugeben, wenn sie noch nicht erkannt haben, wie wertvoll ein jeder Tag in einem nach ihrem eigenen Empfinden ,nicht lebenswerten‘ Leben sein kann. Mit kollegialem Gruß.“
Das Abschalten lebenswichtiger Geräte mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit, „loslassen zu können“, mutet den Angehörigen die Verantwortung zu. Das und die heute als „Unterstützung kranker Menschen am Lebensende“ verbrämte Euthanasie (dazu DÄ, Heft 1–2/2005) sowie die Missachtung beginnenden menschlichen Lebens erscheinen inhuman. In 60 Jahren mögen unsere Nachfahren fragen: „Wie konnte man nur so etwas zulassen“ und eine historische Aufarbeitung unserer Zeit durchführen.
Dr. med. Horst Kalthoff
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