ArchivDeutsches Ärzteblatt3/199735. Geburtstag der Deutschen Oper: Jiéi Kout vermittelt Tschaikowskys Feuer

VARIA: Feuilleton

35. Geburtstag der Deutschen Oper: Jiéi Kout vermittelt Tschaikowskys Feuer

Juds, Bernd

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS "Wahr, aufrichtig und einfach" wollte Tschaikowsky in seinem "Eugen Onegin" die "Stimmungen und Bilder durch Musik zum Ausdruck bringen". Die Reihung "lyrischer Szenen" aus Puschkins Lang-Poem über die Liebes- und Lebensnöte des urbanen Dandys Jewgenij (Eugen) und des schwärmerischen Gutsfräuleins Tatjana hat Hausherr Götz Friedrich bewogen, das Opus des "russischen Beethoven" zum 35. Geburtstag seiner Deutschen Oper aufs Programm zu setzen.
In keinem anderen Werk des Musiktheaters ragen die Biographica des Textdichters und Tonsetzers so direkt mitten ins Bühnengeschehen hinein: Puschkins Duelltod, Tschaikowskys Brief-Liaison und nachfolgende kurze "Ehequal" mit der jungen Miljukowa. Hat Puschkin in Tschaikowskys Seele das "Feuer der Inspiration entzündet", so ist der Maestro am Berliner Pult, der Tscheche Jiéi Kout, der richtige Vermittler, um dieses Feuer ins Publikum weiterzureichen. Mit einer selten gehörten unpathetischen Konzentration blättert er Seite um Seite dieser slawischen Bürger-Oper auf: jedes düster-deutende Morendo der Celli, jedes amouröse Credo der Holzbläser, jeder westimportierte Tanz im Saal des Gutshauses wird zum anrührenden moment musical.
Mit sicherer Hand führt Götz Friedrich sein Team durch die "Phantasmagorien der Gefährdung": bei ihm sind dies die stimmschönen Schwestern Tatjana und Olga (Eva Johansson, Elena Zhidkova), die Freund-Feinde Jewgenij und Lenskij (Lucio Gallo, Laurence Dale) und der ältere Gremin (Anatoli Kotscherga), vor allem schöngewandete Puppen in einer leeren Bühnenwelt voller westimportierter Anleihen. Alle Requisiten auf der überhohen Bühne suggerieren Größenwahn: der Keramik-Schornstein des Kachelofens, die hochhängenden Früchtegirlanden der Gartenszene, die prunkprotzende Tausend-Kerzen-Wand, welche leicht das ganze Nobelgebäude entzünden könnte. Am Ende laute Bravos, kein einziges Buh, für die Renaissancerusse von 1996. Bernd Juds
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote