ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2005Arzt-Patienten-Beziehung: Über den Tod sprechen

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Arzt-Patienten-Beziehung: Über den Tod sprechen

Dtsch Arztebl 2005; 102(14): A-1012 / B-856 / C-804

Sonnenmoser, Marion

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Foto: Barbara Krobath
Einem Patienten mitzuteilen, dass das Ende naht, gehört zu den schwierigsten Aufgaben des Arztberufes. Sie erfordert innere Überwindung und viel Feingefühl.
Bevor ein Patient mit der Prognose konfrontiert wird, gilt es abzuschätzen, wie er darauf reagieren könnte. Wird er es gefasst aufnehmen oder zusammenbrechen? Wird er weinen, in einen Schockzustand verfallen oder das Gesagte nicht glauben wollen? Eine solche Einschätzung gelingt zwar nicht immer, doch als Arzt sollte man sich auf verschiedene Reaktionen einstellen. Es ist nie falsch, sich Zeit zu nehmen, ruhig zu bleiben und dem Patienten zuzuhören. Außerdem sollte dem Patienten die Gewissheit gegeben werden, dass er bis zum Schluss gut betreut wird und alles getan werden wird, um unnötiges Leiden zu vermeiden. Ob außerdem noch tröstende und persönliche Worte angebracht sind, muss ein Arzt je nach Situation und Patient entscheiden. Er sollte sich jedoch nicht dazu hinreißen lassen, seine Hilflosigkeit einzugestehen oder Wut oder Verzweiflung über das unabwendbare Schicksal zu zeigen. Dies wäre zwar menschlich und nachvollziehbar, aber der Patient könnte verunsichert werden und an der fachlichen Kompetenz des Arztes zweifeln. Insbesondere verbietet sich das offene Äußern von Ärger, wenn ein Patient die Prognose ablehnt. Denn die Weigerung, sich mit existenzieller Bedrohung auseinander zu setzen, ist eine natürliche Schutzreaktion der Psyche, die sich nicht gegen den Arzt richtet, sondern gegen das Unfassbare und die Angst. Diese Reaktion als persönliche Beleidigung oder als Angriff zu verstehen ist daher unangemessen.
In manchen Fällen stellt sich die Frage, ob man offen zum Patienten sein kann. Sollte Unsicherheit darüber bestehen, ob ein Patient die Prognose begreifen und verkraften kann, hilft manchmal ein Gespräch mit den Angehörigen weiter. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass auch die Angehörigen mit Fingerspitzengefühl behandelt werden müssen. Es gibt Angehörige, die innerlich stark sind und die Lage gut abschätzen können. Sie sind meist auch bereit, dem Patienten die Nachricht schonend beizubringen und ihm anschließend beizustehen. Daneben gibt es aber auch Angehörige, die mit der Prognose nicht umgehen können und ähnlich reagieren wie die Patienten – von Schock über Wut bis hin zum Nicht-wahrhaben-Wollen. Das kann den Umgang mit den Angehörigen schwieriger machen als der Umgang mit den Sterbenden.
Seitens der Angehörigen sind Ärzte vor allem mit zwei Problemen konfrontiert: Mit dem Versuch der Konspiration und mit Schuldzuweisungen. Ersteres äußert sich beispielsweise darin, dass Angehörige den Arzt um Informationen oder um Absprachen ersuchen, von denen der Patient nichts wissen soll. Dahinter steht häufig der Wunsch, den Patienten zu schonen; in manchen Fällen wird aber auch intendiert, Macht und Kontrolle auszuüben. Für den gewissenhaften Arzt sollten Gespräche oder Handlungen „hinter dem Rücken“ des Patienten jedoch tabu sein, denn wenn der Patient davon Wind bekommt, wird er kaum Verständnis dafür aufbringen. Er wird sich hintergangen fühlen und sein Vertrauen gänzlich verlieren.
In ihrer Verzweiflung neigen manche Angehörige außerdem dazu, dem Arzt Versagen vorzuwerfen und ihm allein die Schuld zu geben. Wie eine Studie zeigt, die am Universitätsklinikum Münster durchgeführt wurde, können Ärzte jedoch teilweise Einfluss auf die Zufriedenheit der Angehörigen nehmen. Ein angemessenes Gesprächsvorgehen bei der Übermittlung der schlechten Nachricht und eine Versorgung im Krankenhaus, von der die Angehörigen den Eindruck hatten, dass alles Menschenmögliche für die Patienten getan wurde, führten dazu, dass Schuldzuweisungen ausblieben und die Angehörigen den Schicksalsschlag besser akzeptieren konnten.
Die Schwierigkeiten, die sich manchmal mit Angehörigen ergeben, sind zu bewältigen, indem man ihre Ängste und Sorgen ernst nimmt und mit ihnen gemeinsam nach Lösungen sucht. Marion Sonnenmoser
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