THEMEN DER ZEIT: Glosse

Fort-Bildung

Dtsch Arztebl 2005; 102(15): A-1046

Gerst, Martin

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LNSLNS Als folgsamer Allgemeinmediziner achte ich selbstverständlich auf mein Fortbildungs-Punktekonto. Schon Ende vergangenen Jahres habe ich mich für einige Fortbildungen verbindlich angemeldet. Die Termine sind bereits seit langem in meinem Kalender vermerkt – im ersten Quartal drei Abende und ein Wochenende für insgesamt 16 Punkte. Na ja – mit so vielen Grippe-Kranken im Februar und März und mit diesen vielen Überstunden konnte man im November noch nicht rechnen. Aber ich kriege das schon irgendwie hin!
Brav den gesundheitlichen Strömungen der Zeit gehorchend, bin ich DMP-Arzt für Diabetiker. Klar, dass ich mich deshalb einem Qualitätszirkel angeschlossen habe. Leider bin ich auch gezwungen, an einer halbtägigen Fortbildungsveranstaltung zum süßen Thema teilzunehmen. Ich denke, das lässt sich schon einrichten.
Als überzeugter Anhänger des Primärarztmodells beteilige ich mich am neuen Hausärztevertrag der BEK. Im Kleingedruckten entdeckte ich erst gestern, dass ich nunmehr genötigt bin, eine Pharmakotherapie-Fortbildung zu besuchen. Wann, wo und vor allem wie lange wird nicht erwähnt.
Ich bin auch DMP-Arzt für KHK-Patienten. Nun raten Sie mal . . . – ja, auch hier – ich habe mich gestern noch bei meiner KV erkundigt – muss ich eine „spezielle Herzfortbildungsmaßnahme“ besuchen, so der Originalton der netten Dame am anderen Ende der Telefonleitung. Ist es nicht süß – „Herzfortbildungsmaßnahme“?
Der neue EBM ist da – eine Informationsveranstaltung zu besuchen erscheint für das wirtschaftliche Überleben sinnvoll. Einen Abend wird man ja dafür schon opfern können. Qualitätssicherung in der Praxis ist absolut up to date. Auch da wird man „mitzirkeln“ müssen.
Dummerweise habe ich im letzten Jahr die Ausbildung zum Sportmediziner begonnen: 120 Stunden theoretische Weiterbildung anstelle meines Urlaubs und einiger Wochenenden Freizeit; und zwei Stunden wöchentlich auf Sportplätzen und in Sportlerheimen der näheren Umgebung meines Heimatortes, in denen ich Freizeitsportlern meine Dienste anbieten darf. Bin es ja selbst schuld, wenn ich so etwas anleiere.
Im Deutschen Ärzteblatt las ich vor kurzem, dass demnächst 16 Stunden Fortbildung und eine Prüfung Pflicht sind, um Patienten eine Rehabilitationsmaßnahme ermöglichen zu können (§ 135 Abs. 2 SGB V, Qualitätssicherungsmaßnahmen).
Vielleicht gibt es demnächst eine verpflichtende Weiterbildung zum Ausstellen eines Rezeptes?! Interaktiv – an drei Wochenenden – und gesponsert von den Krankenkassen!
Meiner Familie ist das sowieso egal, die rechnet mittlerweile mit meiner Abwesenheit. Meine Kinder scheinen mich nicht mehr zu kennen, wenn sich bisweilen morgens unsere Wege vor dem Badezimmer kreuzen. Meine Frau sehe ich nur noch spätabends, wenn ich mich – frisch zertifiziert – ins Ehebett schleiche. Ich habe mich „fort-gebildet“ – im wahrsten Sinne des Wortes. Martin Gerst
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