ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2005Samuel Hahnemann: Mehr als nur ein Denkmal

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Samuel Hahnemann: Mehr als nur ein Denkmal

Dtsch Arztebl 2005; 102(15): A-1048 / B-882 / C-828

Jütte, Robert

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Hahnemann, porträtiert von seiner zweiten Frau Mélanie (1835) Fotos: Bildarchiv Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung
Hahnemann, porträtiert von seiner zweiten Frau Mélanie (1835)
Fotos: Bildarchiv Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung
Vor 250 Jahren, am 10. April 1755, wurde der Begründer der Homöopathie in Meißen geboren.

Zum 250. Geburtstag des Begründers der Homöopathie lohnt sich ein Blick über den Atlantik, wo die Homöopathie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine dominante Stellung im Gesundheitswesen erreicht hatte, die sie allerdings wenige Jahrzehnte später wieder verlor. In Washington D.C. steht unweit des Weißen Hauses das wohl imposanteste Hahnemann-Denkmal der Welt. Es wurde am 21. Juni 1900 feierlich eingeweiht, doch die Planungen dazu gehen bereits auf das Jahr 1892 zurück. Damals begannen die amerikanischen Homöopathen, Geld für ein Denkmal an einem zentralen Ort zu sammeln. In wenigen Jahren kam die beträchtliche Summe von 75 000 Dollar zusammen. So hätte mit dem Bau begonnen werden können, wenn da nicht das Problem gewesen wäre, dass Denkmäler in der Bundeshauptstadt der Vereinigten Staaten nur mit Zustimmung des Gesetzgebers und des Präsidenten errichtet werden dürfen. Da Hahnemann kein Amerikaner war, bedurfte es beträchtlicher Lobby-Arbeit, um das Ziel zu erreichen. 1897 lag die Zustimmung beider Häuser des Senats vor, doch Präsident Cleveland verweigerte seine Unterschrift. So konnte das Denkmal an der Ostseite des Scott-Circles, wo die auf das Weiße Haus hinführende Massachusetts Avenue die Sixteenth Street kreuzt, erst unter seinem Nachfolger William McKinley, einem Anhänger der Homöopathie, errichtet werden. An der feierlichen Enthüllung nahmen mehrere Tausend Menschen teil, darunter auch viel Prominenz aus der Politik. Sogar der US-amerikanische Präsident ließ es sich nicht nehmen, zusammen mit seiner Frau dem Festakt beizuwohnen. Der amerikanische Justizminister John W. Griggs betonte in seiner Ansprache, dass Hahnemann zwar kein Amerikaner gewesen sei, sein wissenschaftliches Vermächtnis aber der ganzen Welt gehöre. Aus diesem Grund habe man auch einen der schönsten Plätze der Hauptstadt für die Errichtung eines Denkmals zu Ehren dieses bedeutenden Mannes zur Verfügung gestellt.
Wer war dieser Erneuerer der Heilkunde, dem man nicht nur in der amerikanischen Hauptstadt ein Denkmal gesetzt hat und der von dem wortgewaltigen Dichter und Zeitgenossen Goethes, Jean Paul, einmal treffend als „Doppelkopf von Philosophie und Gelehrsamkeit“ bezeichnet wurde? Hahnemann kam am 10. April 1755 als Sohn eines Porzellanmalers in Meißen zur Welt. Obwohl er aus recht ärmlichen Verhältnissen stammte und der Vater wegen der prekären finanziellen Verhältnisse der Familie kein rechtes Verständnis für die Studienpläne seines Sohnes hatte, konnte Hahnemann nach dem Besuch der Fürstenschule St. Afra ein Medizinstudium in Leipzig aufnehmen. Seinen Lebensunterhalt verdiente sich der fleißige und hoch begabte Student durch Sprachunterricht und Übersetzungen. Es folgte ein kurzes Auslandsstudium in Wien, wo er schnell Kontakt zu Joseph von Quarin, dem Leibarzt der Kaiserin Maria Theresia, fand. Dieser vermittelte ihm 1777 eine Hausarztstelle beim Statthalter von Siebenbürgen, Baron Samuel von Brukenthal. 1779 verließ er Hermannstadt, um den medizinischen Doktorgrad an der Universität Erlangen zu erwerben.
Optimismus der Aufklärung
Ein Jahr später ließ er sich in Hettstedt im Mansfeldischen nieder, doch scheint die erste Praxis wenig einträglich gewesen zu sein. Die folgenden beiden Jahrzehnte waren für Hahnemann und seine ständig größer werdende Familie unstete Wanderjahre. Sein kärgliches Auskommen aus der ärztlichen Tätigkeit besserte er durch zahlreiche Übersetzungen sowohl von Fachliteratur als auch von belletristischen Werken auf. In diese Zeit fiel auch das riskante Unternehmen, eine private „Irrenanstalt für die besseren Stände“ in dem unweit von Gotha gelegenen Schloss Georgenthal einzurichten. Im Unterschied zum damals üblichen repressiven Umgang mit Geisteskranken behandelte Hahnemann seinen einzigen, aber zahlungskräftigen Patienten, den Kanzleirat Friedrich Arnold Klockenbring, in einer menschlich-fürsorglichen Weise, die sich erst einige Jahrzehnte später in der Irrenreformbewegung auf breiter Basis durchsetzen sollte. Hahnemann war einer der ersten Ärzte, die den Optimismus der Aufklärung, den Menschen aus seiner Unmündigkeit herausführen zu können, auf den Geisteskranken und seine Behandlung zu übertragen versuchten.
Nachdem sein Name durch die zahlreichen Übersetzungen französischer, englischer und italienischer Werke aus den Bereichen Pharmazie, Medizin und Naturwissenschaften über die Fachwelt hinaus schon bekannt war, versuchte sich Hahnemann auch als Autor. Bereits in jenen Jahren deutete sich der unbändige medizinische Reformwille an. In diese äußerst produktive schriftstellerische Phase seines Lebens fiel die „Entdeckung“ des Simile-Prinzips, das bis heute Grundbestandteil der homöopathischen Lehre geblieben ist. Der erste Schritt war der berühmte Selbstversuch mit Chinarinde. Hahnemann war bei der Übersetzung eines damaligen Standardwerks der Arzneimittellehre aufgefallen, dass der Verfasser, ein schottischer Arzt, die Wirkung der Chinarinde gegen Malaria auf die Stärkung des menschlichen Verdauungstrakts zurückführte. Da ihn diese Erklärung nicht überzeugte, kam Hahnemann auf die Idee, die Wirkung dieses Medikaments am eigenen gesunden Körper zu überprüfen. Dabei glaubte er, bei sich Symptome feststellen zu können, wie sie bei Wechselfieber, wie Malaria damals häufig genannt wurde, auftraten. Sechs Jahre lang prüfte Hahnemann seine erst später ausformulierte Hypothese, dass „Ähnliches mit Ähnlichem“ geheilt werden könne. Die Ergebnisse seiner Arzneiprüfungen und die Summe seiner Reflexionen über dieses Phänomen veröffentlichte er 1796 in einer der damals angesehensten medizinischen Zeitschriften, nämlich Hufelands „Journal der practischen Arzneykunde“. Dieses Datum gilt gemeinhin als die Geburtsstunde der Homöopathie.
Aufzeichnungen Hahnemanns zur Krankengeschichte Paganinis
Aufzeichnungen Hahnemanns zur Krankengeschichte Paganinis
Rational und empirisch
Kurz danach nahm Hahnemann seine ärztliche Tätigkeit wieder auf. Nach bescheidenen Anfängen im sächsischen Eilenburg und Schildau fand seine nun ausschließlich homöopathische Praxis in Torgau bereits über die Stadtgrenzen hinaus Zulauf. 1810 erschien sein Hauptwerk, das aufgrund des dogmatischen Grundtons der späteren Auflagen oft als „Bibel der Homöopathie“ bezeichnet wird. Dieses Buch erreichte zu seinen Lebzeiten fünf Auflagen und wurde von Mal zu Mal ergänzt und verbessert. Zumindest der erste Paragraph dürfte auch bei den Gegnern der Homöopathie bis heute auf Zustimmung stoßen. Er lautet: „Der Arzt hat kein höheres Ziel, als kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt.“
Über allem Für und Wider, was in den letzten 200 Jahren im Streit zwischen Homöopathen und Schulmedizinern vorgebracht wurde, sollte eines nicht in Vergessenheit geraten, dass nämlich Hahnemann auf durchaus rationale und empirische Weise zu seiner später von seinen Anhängern und Nachfolgern – je nach Standpunkt – erweiterten oder „verwässerten“ Lehre gekommen ist. Was in der heute noch weiterschwelenden Auseinandersetzung über die „Richtigkeit“ dieses therapeutischen Ansatzes meist übersehen wird, ist die Tatsache, dass Hahnemann das Simile-Prinzip nicht für ein ehernes Naturgesetz, sondern für eine Handlungsmaxime hielt. Um sich aber von konkurrierenden Heilweisen abzugrenzen, musste der Begründer der Homöopathie zum Dogmatiker werden und seine Lehre möglichst reinzuhalten versuchen. Das war bereits zu seinen Lebzeiten nicht einfach.
In der eigenen ärztlichen Praxis zeigte sich Hahnemann bis zu seinem Lebensende recht experimentierfreudig. Nicht nur verwendete er sehr früh bereits diagnostische Hilfsmittel wie das Stethoskop, das erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts weite Verbreitung unter den Ärzten in Stadt und Land fand; er wich auch in späteren Jahren von seiner Theorie in einigen Punkten ab, indem er zeitweise die in der „klassischen“ Homöopathie ansonsten verpönten Doppelmittel verschrieb oder an seinen Patienten die bis heute umstrittenen Hochpotenzen ausprobierte. Das permanente Streben, seine Therapie zu verbessern, zeigte sich sogar im hohen Alter. Hahnemann hatte nämlich nach dem Tod seiner ersten Frau als 80-Jähriger eine 45 Jahre jüngere französische Künstlerin, Mélanie d’Hervilly, geheiratet und war mit ihr nach Paris gezogen – zum großen Erstaunen und zur Verärgerung seiner deutschen Schüler. Dort führte er seine Praxis mithilfe seiner frisch angetrauten Ehefrau bis kurz vor seinem Tod fort.
Zu seinen berühmten Patienten gehörte neben Baron Rothschild auch der Violinvirtuose Niccolò Paganini.
„Sobald ein Mensch endgültig seinen Einfluss verloren hat, setzt man ihm ein Denkmal“, lautet ein viel zitiertes Wort des Schriftstellers Robert Musil. Auf Hahnemann trifft das sicherlich nicht zu. Denn in der ganzen Welt gibt es nicht nur Hahnemann-Monumente, sondern auch Schriftenreihen, Zeitschriften, Kliniken, Apotheken, Ärzte- und Laienvereine und Institute, die seinen Namen tragen und seinen Nachruhm mehren.

Prof. Dr. phil. Robert Jütte
Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin
der Robert Bosch Stiftung
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