ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2005Bedrohliche Zunahme Methicillin-resistenter Staphylococcus-aureus-Stämme: Offene Fragen
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LNSLNS Leider geht der Informationsgehalt des Artikels nicht über bereits ausführlich diskutierte Tatbestände hinaus. Wichtige Fragen werden weder angesprochen, geschweige denn diskutiert.
Bedeutet eine erhöhte Resistenz auch eine höhere Virulenz, das heißt verursachen MRSA-Stämme häufiger und schwerere Infektionen als Methicillin-sensible Staphylococcus-aureus-Stämme (MSSA)? Müssen nicht Resistenz und Virulenz primär auseinander gehalten werden?
Liegt die Letalität (im Artikel wird der Begriff „Mortalität“ verwendet) einer Infektion durch MRSA tatsächlich über der von MSSA oder liegt eine erhöhte Letalität an den Grunderkrankungen der betroffenen Patienten und/oder an einer verspäteten effektiven Therapie? Die von den Autoren aufgelisteten Literaturstellen beantworten diese Frage nicht.
Warum wird in den USA oder in Japan eine hohe MRSA-Prävalenz toleriert? Wird dort die postulierte erhöhte Letalität akzeptiert?
Gleicht die Epidemiologie der Besiedlung des Menschen von MRSA tatsächlich der von MSSA, wie dies im Abschnitt „Epidemiologie“ nahe gelegt wird?
Worauf sind die großen Unterschiede in der MRSA-Prävalenz in Deutschland zurückzuführen?
Neben den notwendigen hygienischen Maßnahmen wird ein weiterer ganz wesentlicher Faktor nicht erwähnt: Die Einhaltung von Hygienemaßnahmen hängt nicht alleine von der Schulung aller Mitarbeiter ab, sondern auch von der „Personaldichte“, die gegenwärtig immer weiter abnimmt.
Warum hat sich die Epidemiologie der MRSA-Stämme zu Beginn der 1990er-Jahre so rasant entwickelt, warum treten inzwischen auch in Deutschland ambulant erworbene MRSA-Stämme (cMRSA) auf? In den 30 Jahren zuvor lag die Nachweisrate in Deutschland ohne erkennbare Tendenz nach oben unter fünf Prozent. Es fehlt eine ausführliche Diskussion über die Ursachen der Zunahme, beispielsweise über den Selektionsdruck, der durch einseitigen Einsatz oder eine falsche Indikation bei der Gabe von Cefalosporinen der Gruppe 3 (zum Beispiel Ceftriaxon) oder Chinolonen der Gruppen 2 und 3 (Ciprofloxacin, Ofloxacin, Levofloxacin) auf MRSA entsteht. Beide Substanzgruppen sind in dem genannten Zeitraum neu eingeführt und verstärkt verordnet worden.
Besteht also die Lösung des Problems in der Einhaltung hygienischer Maßnahmen? Wohl kaum, da die seit langem bekannten und auch befolgten Empfehlungen nicht zu einem Rückgang der MRSA-Inzidenz geführt haben. Die eingeengte Diskussion über die Bedeutung von MRSA verstellt leider auch den Blick auf die Resistenzentwicklung insgesamt; hier werden wir in den kommenden Jahren mit ganz neuen Herausforderungen wie der Multiresistenz gramnegativer Bakterien rechnen müssen.

Prof. Dr. med. Dr. med. habil. Wolfgang R. Heizmann
Zentrum für Mikrobiologie und Infektiologie
Mahlower Straße 24, 12049 Berlin

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