ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2005Bedrohliche Zunahme Methicillin-resistenter Staphylococcus-aureus-Stämme: „Community-acquired MRSA“
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS In ihrem Artikel zur bedrohlichen Zunahme von MRSA in Deutschland weisen Kipp et al. auf die unzureichende Datenlage zum Vorkommen von so genannten „community acquired“ MRSA (cMRSA) in Deutschland hin. Bislang galt cMRSA in Deutschland als Rarität (3, 4). Aktuelle eigene Daten zum Vorkommen von cMRSA in Ostbayern zeigen eine weite Verbreitung dieser Keime in- und außerhalb von Krankenhäusern – mit erheblichen Konsequenzen für Diagnostik, Hygienemaßnahmen und Therapie.
Im Unterschied zu herkömmlichen S.-aureus-Stämmen besitzen cMRSA-Stämme eine einzigartige Kombination von Pathogenitäts- und Resistenzfaktoren (1). Hervorzuheben ist der Besitz des Panton-Valentine-Leukozidins (PVL; ein porenbildendes Toxin zur Abtötung von Granulozyten und Makrophagen), das klinisch zum Auftreten von rezidivierenden tiefen Haut- und Weichteilinfektionen führen kann, typischerweise oft ohne klassische Eiterbildung oder erkennbare Eintrittspforte. In seltenen Fällen kommt es zu nekrotisierenden Pneumonien mit hoher Letalität. PVL wurde in einer Studie in zwei bis sechs Prozent der Isolate auch bei herkömmlichen S.-aureus-Stämmen gefunden (so genannte „Furunkulose-Stämme“). Im Fall von cMRSA ist das Toxin als Bestandteil eines Staphylokokkenphagen offenkundig in einen S.-aureus-Stamm mit Methicillin-Resistenz integriert. Die ersten Beschreibungen von cMRSA stammen 1998 aus Michigan, USA, wo völlig untypisch MRSA-Stämme bei Kindern und anderen Personen ohne vorherigen Kontakt zu medizinischen Einrichtungen isoliert wurden.
Im Zeitraum von Dezember 2003 bis Dezember 2004 wurden am Institut für Medizinische Mikrobiologie Regensburg insgesamt mehr als 170 cMRSA-Stämme isoliert. Die Herkunft der Isolate ist heterogen, sie stammen sowohl aus routinemäßig eingesandten diagnostischen Proben (Einzugsgebiet circa 100 Kilometer um Regensburg) als auch aus umfangreichen Screeningmaßnahmen in zwei Altenheimen. Phänotypisch sind die Stämme charakterisiert durch ein ungewöhnliches Resistenzmuster mit Resistenz gegen Oxacillin und Fusidinsäure bei erhaltener Empfindlichkeit gegenüber anderen Antibiotikasubstanzklassen. Mittels PCR lässt sich ein Genabschnitt des lukS/F-PVL-Gens nachweisen (2). Bei der molekularbiologischen Typisierung der Isolate mit der Pulsfeld-Gelelektrophorese und Multilocus-Sequenzierung (MLST) konnten drei verschiedene Typen voneinander abgegrenzt werden, die auch schon in anderen Teilen der Welt beschrieben wurden (USA, Schottland, Südostasien).
Neben sporadischen Fällen bei Personen ohne Kontakt zu medizinischen Einrichtungen oder Risikofaktoren (entspricht „klassischen“ cMRSA) wurden cMRSA auch bei zwei nosokomialen Ausbrüchen entdeckt. Ausbruch I betraf ein Krankenhaus sowie sechs damit assoziierte Pflege- und Rehaeinrichtungen. Ausbruch II betraf eine kinderneonatologische Station in einer anderen Stadt. In beiden Fällen waren sowohl Patienten als auch medizinisches Personal kolonisiert beziehungsweise erkrankt. Die Krankheitssymptome betrafen 45 Prozent der Fälle und waren von lokalen Infektionen (einer oder mehr als zehn Abszesse zum Teil über Monate; Wundinfekte) sowie systemischen Infektionen (Sepsis; Pneumonie mit Lungenblutung und tödlichem Verlauf) geprägt.
Anamnestische Angaben einzelner Patienten über einen langjährigen Verlauf der Erkrankungen ließen vermuten, dass cMRSA-Stämme schon länger in der Region vorhanden waren. Retrospektive Untersuchungen an der Stammsammlung des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Universität Regensburg identifizierten zwischen 1995 und 2003 insgesamt 155 S.-aureus-Isolate mit der charakteristischen Resistenz gegen Oxacillin und Fusidinsäure (4,3 Prozent aller MRSA), davon waren von 100 Isolaten 86 positiv für das lukS/F-PVL-Gen (erstes Isolat von 1995). Insgesamt legen die Daten nahe, dass cMRSA schon seit längerer Zeit in der Region Ostbayerns prävalent sind und jetzt auch in medizinischen Einrichtungen auftauchen.
Wegen der hohen Morbidität, dem rezidivierenden Charakter der Erkrankungen sowie der möglichen lebensbedrohlichen Komplikationen sind analog zu MRSA eine Reihe von Maßnahmen nötig, um eine weitere Verbreitung der Keime zu verhindern beziehungsweise eine verbesserte Behandlung der Patienten zu ermöglichen:
- Screening auf MRSA/cMRSA bei Risikopatienten,
- spezifische Labordiagnostik (lukS/ F-PVL-Nachweis mittels PCR) nach Anamnese (rezidivierende Abszesse, familiäre Häufung) beziehungsweise auffällige Laborbefunde (Resistenz gegen Oxacillin und Fusidinsäure bei S. aureus),
- Kombination von infektspezifischer Therapie und Sanierung des Trägerstatus (Therapiestudien zur Sanierung des Trägerstatus werden dringend benötigt),
- Verbesserung der Standardhygienemaßnahmen zum Schutz des Personals und anderer Patienten.

Literatur
1. Baba T, Takeuchi F, Kuroda M, Yuzawa H, Aoki K, Oguchi A, Nagai Y, Iwama N, Asano K, Naimi T, Kuroda H, Cui L, Yamamoto K, Hiramatsu K: Genome and virulence determinants of high virulence community-acquired MRSA. Lancet 2002; 359: 1819–1827.
2. Lina G, Piemont Y, Godail-Gamot F, Bes M, Peter M O, Gauduchon V, Vandenesch F, Etienne J: Involvement of Panton-Valentine leukocidin-producing Staphylococcus aureus in primary skin infections and pneumonia. Clin Infect Dis 1999; 29: 1128–1132.
3. Vandenesch F, Taimi T, Enright M C, Lina G, Nimmo G R, Heffernan H, Liassine N, Bes M, Greenland T, Reverdy M E, Etienne J: Community-acquired methicillin-resistant Staphylococcus aureus carrying Panton-Valentine leukocidin genes: worldwide emergence. Emerg Infect Dis 2003; 9: 978–984.
4. Witte W, Cuny C, Strommenger B, Braulke C, Heuck D: Emergence of a new community acquired MRSA strain in Germany. Euro Surveill 2004; 9: 1–2.

H. Linde, F. Wagenlehner, B. Strommenger, I. Drubel, J. Tanzer, U. Reischl, U. Raab, C. Höller, K.G. Naber, H. Wolf, W. Witte, N. Lehn
Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene, Universität Regensburg (Priv.-Doz. Dr. med. H. Linde, Dr. med. U. Reischl, Dr. U. Raab, Prof. Dr. H. Wolf, Prof. Dr. N. Lehn); Urologie, St. Elisabeth-Krankenhaus, Straubing (Dr. F. Wagenlehner, Prof. Dr. K.G. Naber), Pflegeheim St. Nicola, Straubing (J. Tanzer), Hygieneabteilung, Klinikum Fürth, Fürth (I. Drubel), Bayrisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Oberschleißheim (Prof. Dr. C. Höller), Referenzzentrum für Staphylokokken, Robert-Koch-Institut, Werningerode (Dr. B. Strommenger, Prof. Dr. W. Witte).

Für die Verfasser:
Priv.-Doz. Dr. med. Hans-Jörg Linde
Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene
Universität Regensburg
Franz-Josef-Strauss-Allee 11, 93053 Regensburg
E-Mail: Hans-Joerg.Linde@klinik.uni-regensburg.de

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Stellenangebote