ArchivDeutsches Ärzteblatt3/1997Glosse: Vom Risiko mutiger Bergsteiger

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Glosse: Vom Risiko mutiger Bergsteiger

Rühle, Wolfgang

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LNSLNS Zieht man Bilanz, würde die Chaostheorie es so sagen: Die Entropie in der Gesundheitsgesetzgebung nimmt zu. Das ist immer so, wenn die Problembeschreibungskunst und die Lust am Diskurs – Anhörungen, Demonstrationen, Pressegespräche – die entschiedene und engagierte Problemlösungskompetenz und die Lust an der Entscheidung – bisher eher Seehofers Profil – verdrängen.
Der Minister ist müde geworden. Er ist an dem Punkt, an dem auch noch so gut vorbereitete Himalaja-Expeditionen scheitern müssen: Dicke graue Wolken und ernste Fallwinde – politisch und finanziell – kommen auf, der untrügliche Instinkt ist weg, die erhaltenen Blessuren beginnen langsam dauernd zu schmerzen, der Kompaß ist verlorengegangen, und es sind zu viele aufgeregte oder gar falsche Ratgeber neben einem. Außerdem schließen mittlerweile auch seriöse Teams auf, die mit nachvollziehbaren Argumenten andere Routen bevorzugen. Die Fallhöhe auch für einen furchtlosen Taktgeber wird zu hoch. Dadurch haben diejenigen noch nicht recht, die aus den sicher geglaubten Basislagern das Unternehmen zuerst eher amüsiert, dann aber doch schnell alarmiert beobachtet haben. Bald hob großes Gelärme an: Er besteigt den falschen Berg, er hat die falschen Begleiter, er geht mit fremdem Geld usw. Als sie dann schnell ihre eigene Expedition vorbereiteten, stellten sie fest, daß das Material über die Jahrzehnte kaum gepflegt war, die Vorräte am Schwinden und die Orientierungskarten veraltet waren. Auf dem Weg kam es zu Gerangel verschiedener Fachbergsteiger, der große Politweise, der schon in den Steilwänden – viel Feind’, viel Ehr’ – hing, lächelte noch belustigt herunter.
Die, die handeln, sind immer zugleich in der stärkeren und schwächeren Position. Sie rammen als erste ihre Fahnen ein, müssen sich aber auch jede Art von Kritik aus den geheizten Kommentatorenkabinen gefallen lassen, die oft bei jedem unvorhergesehenen Trippelschritt den Absturz herbeijubeln.
Deshalb kann man lange darüber reden, zetern, streiten, wie weit Seehofer beim Besteigen der Achttausender gekommen ist. Und man kann auch darüber reden, ob nun ein frischer Bergführer der Expedition nicht besser bekommt. Eines aber kann man einer Expedition nicht mehr nehmen, auch wenn sie nicht mehr weiter kommt: den zurückgelegten Weg in einem Vorhaben, das angegangen werden mußte. Wolfgang Rühle, Lübeck
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