VARIA: Post scriptum

Ehefrau und Geliebte

Dtsch Arztebl 2005; 102(16): [64]

Pfleger, Helmut

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Der Arzt Dr. med. Siegbert Tarrasch (1862–1934) war vor gut 100 Jahren zumindest der zweitbeste (hinter Emanuel Lasker) Schachspieler der Welt; kein Wunder, dass er immer wieder zwischen der Medizin und Schach hin und her schwankte. Ähnlich wie Tschechow hätte er schreiben können: „Die Medizin ist meine gesetzliche Ehefrau, die Literatur (bei Tarrasch Schach) meine Geliebte.“ Wenn er beschreibt, wie er sich Ende des 19. Jahrhunderts um eine Assistentenstelle an einem Krankenhaus bewirbt, mag sich mancher Kollege an heute erinnert fühlen. „Wo nur eine solche Stelle ausgeschrieben war, sandte ich meine Papiere ein und machte sogar mehrere kostspielige Reisen, wo persönliche Vorstellung gewünscht war. Aber trotz der besten Zeugnisse meiner Universitätslehrer, von denen der eine sogar so leichtsinnig war, sich für meinen Charakter zu verbürgen, war eine derartige Stelle für mich nicht zu haben. Da ich weder Korpsstudent war, noch reich, noch einflussreiche Connaissancen hatte, sondern nichts war, als was ich zeitlebens gewesen bin, nämlich ich selbst, und außerdem nicht einmal über die zu derartigen Zwecken sehr wünschenswerte Tugend der Zudringlichkeit verfügte, so waren alle meine darauf bezüglichen Bestrebungen nutzlos. Mich in einer großen Stadt niederzulassen, etwa in Berlin, wohin es mich ja immer zog, um dort das ärztliche Proletariat zu vermehren und auf eine ,gute Partie‘ zu lau-ern, dazu hatte ich nicht die geringste Lust, und so nahm ich die eben frei gewordene Stelle des Arztes in dem Fabrikdorfe Geroldsgrün in Oberfranken, an der Grenze der Kultur, an. Von höheren Lebensgenüssen war ich ziemlich abgeschnitten, aber das Bewusstsein, meine Kenntnisse nutzbringend zu verwerten und dadurch zum ersten Male in meinem Leben pekuniär gut situiert zu sein, half mir über vieles hinweg. Ich besorgte meine ziemlich anstrengende Praxis, spielte auch wohl gelegentlich einige Partien nach und langweilte mich in meinen sonstigen Mußestunden – das erste und letzte Mal in meinem Leben.“
Über Nürnberg sollte ihn sein Weg nach München führen, wo er von 1914 bis zu seinem Tode blieb. Auf seiner Visitenkarte stand dann: „Spezialarzt für Suggestionsbehandlung und Schachmeister“. War er also weiterhin Arzt und Schachmeister oder etwa ein „Spezialarzt für Schachmeister“?
Sehen Sie, mit welch herrlicher Kombination er als Schwarzer am Zug 1915 in München gewann? Viele schwarze Figuren hängen, doch am Ende zappelt der weiße König im Netz.

Lösung:
Nach 1. . . .Lc5+ 2.Kh1 kam das fantastische Turmopfer 2. . . . Th3!! mit der Mattdrohung auf h2. Nun wäre 3.g3 Txg3 auch hoffnungslos für Weiß gewesen, also wenigstens mit vollem Bauch untergehen: 3.gxh3 Lxe2 4.Txh4 Lf3 matt.
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